Birgit Branczeisz

Klänge und Licht statt Predigt

Radeburg. Der neue Pfarrer bringt eine Klanginstallation in die Region.

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Pfarrer Andreas Kecke ist seit Januar 2022 in der Stadtkirche Radeburg angekommen. Mit der Klanginstallation bringt er ein Herzensprojekt in die Region.

Pfarrer Andreas Kecke ist seit Januar 2022 in der Stadtkirche Radeburg angekommen. Mit der Klanginstallation bringt er ein Herzensprojekt in die Region.

Foto: Branczeisz

Es ist keine tiefe Stimme, die von oben zu den Zuhörern dröhnt. Ausgerechnet der Jüngsten in seinem Chor, einem Mädchen aus der 5. Klasse, hat Komponist Norbert Binder die Stimme von Gott anvertraut. Hell und freundlich klingt sie jetzt durch die Radeburger Stadtkirche, mit der Entdeckerfreude eines Kindes im Frühling - so haben die Besucher die Schöpfungsgeschichte wohl noch nie gehört. "Gerade mit der Gott - Stimme haben wir lange experimentiert", sagt Norbert Binder. Herausgekommen ist eine Klanginstallation, die 45 Jugendliche und Erwachsene des Paulus-Chors und des Chors des Sorbischen Nationalensembles auf über 600 Tonspuren eingesungen haben - jeder mit eigenem Mikrofon, damit die Stimmen von allen Seiten im Kirchenraum eingespielt werden können. Der erste Effekt dieses imposanten Klangbildes: Der Laptop konnte die Datenmenge nicht mehr fassen. Es war immerhin die Arbeit eines dreiviertel Jahres.

 

Faszination Schöpfung empfinden

Norbert Binder lacht. "Das muss man probieren", meint er nur. Auch mit den Lautsprechern hat er getüftelt. 24 Stück sind im Kirchengestühl und auf den Rängen verteilt, sorgen je nachdem wo der Besucher steht, für ein eigenes Klangerlebnis aus Sprechstimmen, Klassik, Pop und Filmmusik. Durch den Kirchenraum zu laufen oder den Platz zu wechseln, statt andächtig dazusitzen, gehört zum Konzept. Eine Lichtinstallation taucht die Berichte der Erzähler in fantastische Optiken - die Schöpfung ist faszinierend, die Abgründe unseres menschlichen Handelns sind es ebenso, genauso wie Hoffnung und Zuversicht - die Besucher gehen mit einem echten Erlebnis aus der Kirche heraus. Für Pfarrer Andreas Kecke ist diese künstlerische Darstellung der Schöpfungsgeschichte mit höchst irdischen Fragen verknüpft. Glauben wir, dass hinter allem eine höhere Macht verborgen ist? Oder halten wir unsere Welt für ein Produkt des Zufalls?

Wem das zu abstrakt ist, der dürfte ins Grübeln kommen, wenn Pfarrer Kecke die aktuelle Gefühlslage in der Gesellschaft anspricht. Der Mensch meine, er bekomme alles hin, besonders in Zeiten des Aufbruchs oder technischer Entwicklungssprünge. Er neigt zum Übermut, der allerdings in Panik umschlagen kann, wenn sich diese Euphorie nicht erfülle. Die erleben wir jetzt, sagt er, wenn eine Gruppe junger Leute meint, sie sei die "letzte Generation". Sie sehen die Sache so verfahren, dass sie zu absurden Mitteln greifen. Ja, der Mensch zerstöre massiv die Schöpfung, das sei unbestritten, verwerflich und müsse sich ändern - aber Christen hätten eben auch Gott-Vertrauen. Andere nennen es vielleicht Selbstheilungskräfte der Natur. Ob Glaube vor Überforderung und Panik in einer Gesellschaft schützt, darüber kann ja jeder für sich sinnieren.

 

Sabine-Ball-Musical für Dresden

Dass es überhaupt zu diesem Gespräch, zu solchen Gedanken kommt, ist der Wert des Projektes. Pfarrer Andreas Kecke arbeitet seit über 20 Jahren mit Binder zusammen. Norbert Binder ist gelernter Industriekaufmann, hat Theologie studiert, als Sozialarbeiter gearbeitet und ist seit 10 Jahren freier Musiker. Andreas Kecke ist nach 26 Jahre als Pfarrer in Königswartha - wo er als Landpfarrer eine evangelische Schule gründete und viele von Binders Musikprojekten förderte, sogar ein Musikfestival - seit dem 1. Januar 2022 in Radeburg als Stadtpfarrer und Pfarrleiter von 19 umliegenden Kirchen angekommen.

Neben dem höchst irdischen Alltag mit Bau- und Personalfragen, ist ihm geistiger und spiritueller Austausch wichtig. Er ist begeisterter Kletterer und hat ein Buch über Missionare in Afrika geschrieben. Und während Pfarrer Kecke überlegt, wie man Norbert Binders Musical über Sabine Ball - die Mutter Theresa von Dresden auch endlich einmal in Dresden aufführen könnte, nicht nur in der Lausitz - arbeitet Norbert Binder schon an seiner 3. Klanginstallation. Es geht um "Hoffnung" verrät er - und die könne jeder brauchen. Als wäre das nicht erfüllend genug, hat er sich noch einem wie er zugibt "verrückten Projekt" gewidmet: "Pflanzen musizieren lassen". Deren elektrische Ströme steuern über Sensoren verschiedene Instrumente. Ströme vertonen, so die Idee. Wie es klingt, wenn Pflanzen gegossen werden, können wir uns also demnächst vielleicht auch anhören. Lasst Blumen sprechen - sozusagen.

Die Klanginstallation ist noch bis 22. Januar in der Stadtkirche Radeburg täglich von 10 bis 20 Uhr zu erleben. Die vorherige Klangwelt "Der gute Hirte" kommt demnächst nach Großenhain.

Weitere Infos unter: www.evlk.de

 


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