André Schramm

Jeden Tag ein Kunstwerk

Die Dresdner Künstlerin Marlit Mosler ist seit dem ersten Lockdown auf Malmarathon: Sie zeichnet Bilder – jeden Tag eins. Wie schafft sie das bloß?

In Marlit Mosers Zeitrechnung ist Tag 329 als wir sie in ihrem Neustädter Atelier besuchen. Hier stehen Modelle von Bühnen, Regale voller Bücher und eine Staffelei mit einem halbfertigem Kunstwerk. Die 59-Jährige ist freiberufliche Bühnen- und Kostümbildnerin und seit März 2020 ohne Aufträge. Sie erzählt vom letzten Jahr, vom ersten Tag im Monat, der zur Katastrophe wurde und von Krediten, die sie nicht nahm, von Kollegen, die das Handtuch warfen und von ihrer Gefühlswelt zwischen Selbstzweifel und Optimismus. Ihr letztes großes Projekt war für die Oper Leipzig. "Wir standen Mitte März kurz vor der Premiere", erinnert sie sich. Dann mussten alle Bühnen schließen. Ein Zustand, der bis heute andauert. Bild Nummer 1 Am Abend des 20. Aprils schnappte sich die Dresdnerin ihr Tablet und begann zu malen: dicke blaue Pinselstriche. Passender Titel: "heute mache ich blau". Sie packte das Bild in eine Mail und schickte es Freunden und Bekannten. "Da war es kurz nach Mitternacht", sagt sie. Am Morgen kamen schon die ersten Reaktionen. Marlit Mosler legte nach. "Bloß nicht schwarz sehen" – zwei tiefschwarze Augen schauten am nächsten Morgen aus den elektronischen Postbriefkästen. Die nächtliche Mal-Session wurde zum Ritual. Irgendwann fragte jemand, wie lange sie das noch machen wolle? "Das war bei Bild Nummer zehn oder so", erinnert sich die Künstlerin. Mittelgroße Bildbesprechung Es kam der Sommer und lange Abende an der frischen Luft. "Ich wusste aber jeden Tag, heute Abend muss ich noch was machen", schmunzelt sie. Der Email-Verteiler war inzwischen auf 130 Adressen angewachsen. Frau Mosler lieferte nach wie vor zuverlässig. Und die Ideen dafür? Die gingen nicht aus. "Wirklich nicht", beteuert sie. Erlebnisse, Begegnungen und Gefühlszustände boten genügend Futter. Dazu immer ein Titel oder einen Spruch, gern auch doppeldeutig. Manch Kunstwerk artete hinterher in einer mittelgroßen Bildbesprechung aus. Marlit Mosler merkte im Laufe der Zeit, wer auf was steht, und wer spät ins Bett geht. In ihrem richtigen Job setzen die Bühne, das Stück und der Regisseur der Kreativität Grenzen. "In meinem Corona-Tagebuch bin ich völlig frei", sagt sie. Wobei sie manchmal schon jemanden ihrer Abonnenten hochnimmt – natürlich ohne ihn namentlich zu nennen. Dann kann sie darauf warten. Der Kommentar aus eben jener Ecke kommt bestimmt. Inzwischen hat die Künstlerin einige Werke auf Leinwand drucken lassen und sie verkauft. Einen Kalender gibt es auch. Postkarten sind angedacht. Bei der Geschichte müsste eigentlich auch eine Ausstellung drin sein. Digitale Malerei Durch das Corona-Tagebuch sind Marlit Mosler und die digitale Malerei richtige Freunde geworden. Denn die App bringt eine Reihe von Vorteilen mit sich. "Digitale Malerei ist erstmal viel günstiger, als klassisches Zeichnen", sagt sie. Dazu könne man jede erdenkliche Farbnuance wählen. Die richtige Pinsel- oder Bleichstiftstärke – alles mit einem Klick möglich. Selbst der Druck, den man beim Zeichnen auf dem Tablet anwendet, spiegelt sich im Bild wider. "Und geht ein Strich mal daneben, kann ich ihn einfach rückgängig machen", schmunzelt sie. In analoger Form wäre das Corona-Tagebuch wahrscheinlich nicht möglich gewesen. Und das halbfertige Bild auf der Staffelei? "Ich habe dadurch wieder angefangen, richtig zu malen", sagt Frau Mosler. Und während Bild Nummer 330 in einigen Stunden Aufmerksamkeit verlangt, ist absehbar, wohin das führt: Die Postfächer werden irgendwann vermutlich leer bleiben. Nach Marlit Moslers Kalender ist demnächst erst einmal Jahrestag.


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