Birgit Branczeisz

Immer ein Lächeln beim Windeln

Dresden. Windelberge von drei Kindern. Da ist mir klar geworden, wie viel wir "aus den Augen aus dem Sinn leben", sagt Stephanie Oppitz. Der Wochenkurier im Gespräch mit der Chefin der Dresdner Windelmanufaktur.

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Frau Oppitz, dieses Erlebnis war der Anstoß, die Stoffwindel neu zu erfinden?

Ja. Wir mussten vor etwa zehn Jahren die Windeln am Ende einer Urlaubswoche zur Sammelstelle bringen, da wurde mir zum ersten Mal klar wie viel Müll wir hinterlassen. Das war eine schreckliche Erkenntnis. Zu Hause habe ich mir dann aus DDR-Zeiten Stoffwindeln besorgt. Aber das war utopisch viel Wäsche, weil die komplette Windel gewaschen werden musste, obwohl viele Bereiche sauber blieben. Da hab ich gedacht, es muss doch möglich sein, nur zu waschen, was tatsächlich verschmutzt ist. Mein Mann sagte, das kann ja nicht so schwer sein, denk dir was aus. Ich konnte nicht mal nähen. Meine Mutter hatte noch eine alte Veritas. Mit YouTube und Büchern hab mir Nähen beigebracht, angefangen zu tüfteln. Dabei saß ich eigentlich an meiner Doktorarbeit, ich bin von Haus aus Architektin.

 

War das nicht ein Bruch mit Ihrem Lebensweg?

Eigentlich nicht. Ich konnte mir sicher nicht vorstellen, dass ich mal Stoffwindeln mache, aber im Grunde bin ich ökologisch eingestellt, wir versuchen vieles selber zu machen. Ich mahle Mehl, backe Brot, stopfe unsere Socken. Stoffwindeln sind nur ein Teil. Dieser Teil ist zu meiner Berufung geworden. Denn bevor ich den Leuten erklären kann wie die Stoffwindel funktionieren, muss ich in die Gesellschaft wirken, fragen: Bist Du Dir darüber im Klaren wofür Du Dich entscheidest, wenn Du Wegwerfwindeln verwendest?

 

Wofür entscheidet man sich denn?

Für Müll, der nie verrottet - wenn er auf der Deponie landet. In 450 Jahren hat sich eine Wegwerfwindel in Einzelteile zersetzt, aber es bleibt Plastik.

 

Ihre Stoffwindeln gibt es jetzt zehn Jahre - und inzwischen noch so vieles mehr.

Ja, Stoffwindeln sind ja nur ein Teil unserer Hygiene. Frauenhygiene ist auch ein riesiger Teil - Inkontinenz - Feuchttücher, Küchenrolle die Liste ist lang. Was für ein Wahnsinn, ein neues Papier zu nehmen, und noch eins und noch eins, nur um irgendwas abzuwischen und dann wegzuwerfen. Wie viel Energie dafür draufgeht. Alle reden von nachhaltig, aber die wirklich schwierigen Restmüllanteile - die Einweghygiene - da wird nichts gemacht. Schauen Sie, einen Strohhalm kann man gut recyceln, das ist ein Monowerkstoff. Aber eine Wegwerfwindel besteht aus so vielen Materialien - Plastik, Kleber, Folien, chemische Filter, Superabsorber - das kann man nicht trennen. Stoffwindeln sind auch preiswerter, weil sie jahrelang halten. Waschmaschinen und Waschmittel sind super effizient geworden. Man wäscht heute mit einem Minimum an Energie und es ist für die Haut so viel besser. Leider haben Stoffwindeln oft noch das Image vom "Eimer in der Küche, der stinkt und dann muss man das auch noch auskochen", da muss ich viel aufklären. Aber genau das hat mich fasziniert. Dass es etwas gibt, von dem man eigentlich nur erzählen kann wie schön das ist.

 

Können Sie Nachhaltigkeit auch in Ihrer Manufaktur leben?

Wir nähen dank Solardach mit eigenem Strom. Wir überlegen immer wie wir weniger Ressourcen verbrauchen. Bei unseren Produkten sind alle Teile zu reparieren. Das heißt, wir benutzen bewusst keine Fügetechnik, die das Produkt zerstört. Wir schmeißen nichts weg. Wir planen unsere Schnitte so, dass fast kein Rest entsteht. Dann ist der Versand bei uns. Wir schauen, dass wir kaum Wege haben. Zwischen Produktion, Marketing oder Versand gehen wir hier zu Fuß. Wir arbeiten mit mehreren Schuhläden zusammen und bekommen Kartons zum Verschicken, die sonst in die Presse gehen würden und so ein zweites Leben haben. Selbst unser Papierklebeband klebt nicht vorher, sondern wird mit Kartoffelstärke nass gemacht und dann klebt es. Wir schauen auf jeden Aspekt. Deshalb wollte ich auch für meine Produktion selbst in der Verantwortung sein.

 

Die Stoffwindel vor zehn Jahren sieht sicher anders aus als die heute?

Ja, das hat sich wahnsinnig entwickelt. Vor zehn Jahren gab es eine Größe 1 und 2, mit den drei Teilen Hose, wasserdichtem Teil und aufsaugende Einlage. Aber jede Familie, jede Tageszeit hat eigene Bedürfnisse - inzwischen haben wir drei reguläre Größen - aber jede Zwischengröße ist machbar. Es gibt Familien, die wollen nur mit natürlichen Materialien wickeln. Die können komplett auf Wolle zu gehen. Andere nehmen Saugeinlagen wie Hanf, Baumwolle, Bambusviskose. Das kombiniert man so wie man es braucht. Das ist ja das Schöne.

 

Sind Kitas heute offen für Stoffwindeln?

Anfangs war das ja nicht so. Bei meinem Sohn, der ist jetzt 15, ging das tatsächlich nicht. Meine Tochter, die ist elf, hatte bei der Tagesmutter schon Stoffwindeln. Das war völlig selbstverständlich. Es kommt darauf an, wie Eltern das erklären. Es ist genau der gleiche Aufwand wie bei der Wegwerfwindel, weil alles vorgeknöpft ist. Windel auf, Baby drauf, Windel zu. Fertig. Wir haben jetzt Kitas, die unsere Flyer auslegen und informieren, dass Wegwerfwindeln nicht immer gut sind. Bei den Tagesmamas geht das sowieso. Die kaufen oft gleich ganze Pakete für ihre Kinder.

 

Wer macht eigentlich diese bezaubernden Designs?

Eigentlich ich, aber wir arbeiten gern mit Designern zusammen. Unser beliebtes Wale-Motiv hat eine Designerin aus dem Hechtviertel gemacht. Es ist letztlich Teamarbeit. Wenn meine Mitarbeiter etwas Niedliches entdecken, sag ich "Oh ja!" Wir haben jetzt 120 Motive.

 

Was ist denn trendy?

Unser Wale-Design ist tatsächlich das Beliebteste. Bei Farben würde ich mir wünschen, dass ein Mädchen nicht rosa tragen muss und ein Junge nicht zum Mädchen wird, nur weil Blümchen drauf sind. Alle Farben sind für alle Kinder da sind. Wir haben natürlich Autos, Traktoren, Tiere, Blumen, Früchte, Pünktchen in unseren Motiven. Ich liebe ja Pünktchen!

 

Wo kann jeder selbst mit echter Nachhaltigkeit anfangen?

Kleine Schritte zählen, niemand muss von heute auf morgen nachhaltig sein. Wenn man denkt, ich bin mir noch unsicher, dann eben probieren. Jeder Müllbeutel weniger zählt. Jeder soll sich wohlfühlen im Alltag, kleine Schritte sind leichter. Warum nicht mit waschbaren Wickelunterlagen anfangen? Oder Feuchttüchern? Wir machen Flanelltücher, die sind in einem Minibeutel, fertig. Man spart unwahrscheinlich Müll und hat keine Konservierungsstoffe an der Haut und immer eins dabei - es ist einfach praktischer. Von der Geldersparnis schweigen wir mal ganz. Vielleicht ist man noch nicht so weit für Stoffwindeln oder wird es nie - es gibt aber so viele Aspekte im Alltag, die sich überdenken lassen. Ich freue mich über jeden der anfängt und jeder fängt woanders an und für jeden sind die Schritte anders groß.