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„Wohnzimmerlesungen“ inklusive

Irgendwie ist es mit „Findus“ wie mit der Hummel. Eigentlich dürfte die nicht fliegen, da alle physikalischen Gesetze dagegen sprechen. Aber sie tut es. Und eine Buchhandlung lässt sich wirtschaftlich erfolgreich nur in Städten ab 20.000 bis 25.000 Einwohner führen. Eigentlich.
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Annaluise Erler zeigt stolz die Urkunde für den Buchhandlungspreis und wünscht  sich, dass noch mehr Lesefreudige auf dieses kleine, besondere Leseparadies aufmerksam werden. Foto: Wo

Annaluise Erler zeigt stolz die Urkunde für den Buchhandlungspreis und wünscht sich, dass noch mehr Lesefreudige auf dieses kleine, besondere Leseparadies aufmerksam werden. Foto: Wo

Findus widerlegt diese Regel und das schon seit 1993, denn Tharandt hat nicht mal 6.000 Einwohner.  Buchhändlerin Annaluise Erler kam vor 23 Jahren mit Ihrem Mann, der hier an die Uni ging, nach Tharandt. Seitdem ist sie „Herrin“ ihrer Bücherwelt in der Schillerstraße. Sie ist Buchhändlerin mit Leib und Seele, die nicht nur Bücher verkauft, sondern ihre Kunden mit ihrer Lesebegeisterung ansteckt. „Ich kann das machen, was ich immer wollte, wofür ich brenne. Wer kann das schon? Da schaut man nicht auf die Stunde. Unternehmerin zu sein, heißt immer da zu sein“, sagt Annaluise Erler.   Dieses Engagement ist nicht unerkannt geblieben, denn „Findus“ wurde zum zweiten Mal in Folge mit dem Deutschen Buchhandlungspreis für kleinere, inhabergeführte Buchhandlungen geehrt. Für den Preis waren rund 500 Bewerbungen eingegangen, 118 hat die Jury dann  nominiert. Die Buchhandlungen erhalten in verschiedenen Kategorien den Preis. „Es sind vor allem die kleinen   Buchhandlungen vor Ort, die uns Werke abseits der Bestsellerlisten nahe bringen. Für den Erhalt des Kulturgutes Buch sind diese Buchhandlungen als geistige Tankstellen unserer Nation unverzichtbar“, brachte es Kulturstaatsministerin Monika Grütters auf den Punkt. Die Liebe zum Buch und zum Lesen spürt der Besucher  sofort, wenn er die Schwelle des Geschäftes überschreitet. Liebevoll  bestückte Bücherregale, Plüschtiere, eine Spiel- und Malecke, Stühle zum Ausruhen und mittendrin ein Sofa und Sessel, um entspannt in einem Buch zu lesen. Ein bisschen wie im Wohnzimmer. In dieser gemütlichen Atmosphäre finden Lesungen und Vorträge bei Findus statt. Diese besonderen Aktionen würdigt der Buchhandlungspreis ausdrücklich. „Die Antragstellung ist sehr aufwändig und schreckt sicher manchen ab. Da mussten für die letzten drei Jahre alle Veranstaltungen, Besucherzahlen und Umsätze  aufgeschrieben werden. Aber da merkt man selbst, was alles passiert ist“, meint Annaluise Erler. Allein 2015 fanden 31 Veranstaltungen statt und in den letzten drei Jahren kamen über 3.500 Besucher. Mit ihren Lesungen und Diskussionsabenden spricht Frau Erler alle Altersgruppen und Interessen an. Mittlerweile gibt es ein Stammpublikum. Sogar aus Berlin und aus dem tiefsten Bayern („die legen ihren Kurzurlaub so, dass es mit den Lesungen klappt“)  reisen Besucher an. Und dann sitzt man gemütlich im Bücher-Wohnzimmer bei einem Glas Wein und  kann mit den Autoren, die diese Atmosphäre auch schätzen,  ungezwungen reden.
Neben  Lesungen organisiert die Buchhändlerin mit dem Tharandter Lions Club jährlich eine Kunst-Ausstellung „Konzetti“ mit einer Versteigerung für einen guten Zweck. Dazu kommen Leseveranstaltungen für Kinder, Kindergartengruppen kommen in die Buchhandlung, Vorlesewettbewerbe mit Schulen und die legendäre Lese- und Bastelecke für Kinder jeden 1. Samstag im Monat, wenn in Tharandt der Naturmarkt stattfindet. „Und zum Welttag des Buches im April wird Findus zur Schülerbuchhandlung. Dann übernehmen Schüler  aus  Schulen und Gymnasien hier das Zepter – von der Schaufensterdeko, über Kundenberatung bis zur Kasse. Das muss natürlich sehr gut vorbereitet werden“, so Annalusie Erler. Hat eine so viel beschäftigte Buchhändlerin Zeit zum Lesen?  „Unbedingt, oft  lese ich zwei bis drei Bücher in der Woche. Ich will meine Kunden  gut beraten und bin auch neugierig auf ihr Feedback. Einen Lieblingsautor habe ich aber nicht.“ Natürlich spürt auch sie einen Wandel im Leseverhalten.  E-Books  werden mehr nachgefragt und leider kaufen viele die Bücher im Internet. „Dabei kann man auch bei uns im Buchladen alles online bestellen. Da es für Bücher eine Preisbindung gibt, gibt es keinen Unterschied. Das wissen viele nicht“, bedauert Annaluise Erler. Auch deshalb will sie ihre Hompage mit dem Preisgeldrichtig auf Vordermann bringen.    (Carmen Wolodtschenko)