Carola Pönisch

"Krimi" um eine Innungsfahne mit Happy End

Dresden. Am 24. Juli, zur Langen Nacht der Dresdner Museen, wird im Landhaus (Stadtmuseum) die Innungsfahne der "Tapezierer-Zwangs-Innung" zu sehen sein. Sie wurde 1924 von den Frauen der Handwerksmeister genäht und hat eine wirklich abenteuerliche Geschichte hinter sich.

  Beginnen wir mit dem Happy End: Die große Fahne in den Dresdner Farben Gelb und Schwarz ist gerettet und kann ihrem 100sten Geburtstag 2024 gelassen, wenn auch dann im Depot des Dresdner Stadtmuseums, entgegen sehen. Vier Jahre lang hat Diplomrestauratorin Birgit Seeländer an dem kostbaren Stück aus Seide gearbeitet, hat beide Fahnenblätter aufgetrennt, die Mittelmotive auf Vorder- und Rückseite abgenommen, ein neues Stützgewebe zwischen beide Fahnenseiten gelegt, Falten geglättet,seidene Nähfäden erneuert, Risse beseitigt - kurz gesagt, das gute Stück wieder so stabilisiert, dass man seine Schönheit und Kunstfertigkeit, aber auch Alters- und Gebrauchsspuren sieht. Denn darum geht es bei der Restaurierung: Die Innungsfahne hat eine "Objektbiografie", die erzählt werden kann wie das Leben eines Menschen.

Der Weg der Fahne: Ein Krimi

Die 1924 in sehr aufwändiger Handarbeit entstandene Fahne der Tapezierer-Innung (heute sind das die Raumausstatter, nicht zu verwechseln mit der Berufsgruppe der Maler und Tapezierer) musste 1933 von der Bildfläche verschwinden, die Tage der freien Handwerker-Innungen waren mit Hitler und den Nationalsozialisten vorbei. Also wurde beschlossen, die Innungsfahne buchstäblich einzurollen und in einer Werkstatt auf der Chemnitzer Straße in einer Holzverschalung zu verstecken. Nach 1945 ging die Werkstatt in andere Hände über, Versteck und Fahne gerieten in Vergessenheit. Erst in Vorbereitung des 200-jährigen Innungsjubiläums 1984 wurde in allen Fachwerkstätten danach gesucht, denn schließlich wollte sich die Berufsgruppe im damaligen Intecta-Kaufhaus auf der Ernst-Thälmann-Straße (heute Teil der Altmarkt Galerie auf der Wilsdruffer Straße)präsentieren. So groß die Freude über die wiedergefundene Fahne war, so groß war dann auch die Überraschung - denn der Spruch auf ihrer Rückseite "Solange das deutsche Handwerk blüht - blüht auch das deutsche Land" war natürlich trotz begonnener Perestroika und Glasnost äußerst suspekt und musste auf Geheiß der SED-Bezirksführung für die Zeit der Präsentation mit weißen Gewebe abgedeckt werden.

Zweites Leben der Fahne nach 1990

Mit dem Ende der DDR 1990 lebten nicht nur die alten Innungen, sondern auch ihre Rituale wie Freisprechen der Lehrlinge vor der Innungslade oder das Zeigen der Fahne bei festlichen Anlässen wieder auf. So auch bei der Tapezierer-Innung Dresden, deren wiedergefundene Fahne nun erstmal auf Reisen durchs gesamte Bundesgebiet ging. Was natürlich bedeutete: Intensive Nutzung, die zu deutlich sichtbaren Schäden führte. Eine erste Restaurierung im Jahr 2000 war aus heutiger Sicht nicht ganz so optimal verlaufen. Doch es kommt noch spannender.

Der Fahnen-Diebstahl

2015 war die Innungsfahne plötzlich weg, gestohlen aus dem Haus der Kreishandwerkerschaft, wo sie inzwischen gelagert war. Ein Dieb hatte das in einer Fahnentasche verstaute gute Stück samt Fahnenstock und Bannerschleife mitgehen lassen. Allerdings hatte er keine lange Freude daran, denn er wurde schnell geschnappt und für dreieinhalb Jahre weggesperrt, schließlich galt er als Serientäter. Seine Beute indes landete nicht bei den Altmeistern der Innung, sondern in der Asservatenkammer der Polizei und erst zwei Jahre  und einen Anruf beim Petitionsausschuss des Sächsischen Landtags später wurde sie daraus "befreit". Karlfried Bisch-Chandaroff, Gehrhard Weichelt, Steffen Dietz und Peter Müller, die Altmeister der Innung, übergaben das Traditionsobjekt aufgrund des inzwischen bedenklichen konservatorischen Zustandes dem  Dresdner Stadtmuseum.

Ende gut, alles gut

Seit 2017 lag die Fahne nun auf dem Tisch von Birgit Seeländer in der Restaurierungswerkstatt für die Materialgruppen Holz, Metall und Textil. Natürlich hat die Fachfrau nicht vier Jahre am Stück daran gearbeitet, aber zählt sie alle Stunden zusammen,  ist es ein gutes dreiviertel Jahr Arbeit. Festgehalten hat sie alle Arbeitsschritte in einem Blog auf der Homepage des Stadtmuseums.

Das Museum selbst besitzt nach Aussagen von Kurator Dr. Holger Starke über 200 historische Fahnen, darunter ein Viertel Innungsfahnen. Die meisten warten noch auf ihre Restaurierung, viele sind in sehr schlechtem Zustand. Um diese historischen Zeitzeugnisse darüber hinaus auch fachgerecht lagern zu können, bräuchte das Stadtmuseum viel Geld für ein spezielles Fahnenlager - ein Regal mit großen Schubladen, in denen die Fahnen waagerecht und ausgerollt bewahrt werden können. "Solche Spezialschränke sind selten und nur in wenigen Museen vorhanden", weiß Museumsdirektorin Dr. Christina Ludwig. "Es wäre toll, wenn die Dresdner dafür spenden würden."

Spendenkonto: Ostsächsische Sparkasse Dresden, IBAN DE23 8505 0300 3120 0000 34, Verwendungszweck "Stadtmuseum DD-Fahnenregal"

 

 

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