Birgit Branczeisz/ck

Tafeln erwarten Ansturm

Dresden. »Die Inflation wird Menschen zur Tafel treiben, die noch nicht mal wissen, dass sie zu uns kommen werden«, sagt Landeslogistiker Dietmar Haase.

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Dietmar Haase ist Landeslogistiker für Sachsens Tafeln. Für ihn und viele Helfer im Zentrallager Ostragehege werden Nachfolger gesucht. Funktioniert das noch im Ehrenamt?

Dietmar Haase ist Landeslogistiker für Sachsens Tafeln. Für ihn und viele Helfer im Zentrallager Ostragehege werden Nachfolger gesucht. Funktioniert das noch im Ehrenamt?

Foto: Jürgen Michael Schulter

Reis und Nudeln sammelt Landeslogistiker Dietmar Haase palettenweise ein – überhaupt alles, was sich lange hält. Für den neuen Ansturm an den Tafeln. Die Redewendung »die Tafeln sind derzeit in aller Munde« bekommt eine neue Bedeutung, wenn erst die Heizkosten-Rechnungen vierstellig sind. Nach zwei Corona-Jahren und über fünf Monaten Ukrainekrieg bereitet sich die Dresdner Tafel auf neue Szenarien vor – mit neuer Strategie.

 

Zentrallager für Sachsen

Denn im Kühlhaus des Alten Schlachthofs befindet sich auf drei Etagen das Zentrallager für ganz Sachsen sowie Usti, Liberec, Karlsbad und Prag. Bisher haben die 45 Tafeln in den einzelnen Regionen Sachsens die Discounter selbst abgefahren und Spenden eingesammelt. Angesichts der Spritpreise ist das ein Unding geworden. Außerdem verkaufen die Discounter solche Lebensmittel inzwischen selbst zum halben Preis. »Also gehen wir gleich an die Hersteller heran«, so Haase, »und werden die Waren von der Zentrale an alle Tafeln ausfahren«. Der 80-Jährige macht das seit über 30 Jahren.

Er ist der Manager, der einsammelt, kommissioniert, verteilt. Im Jahr 2021 kamen so Spenden von 1.055 Tonnen in Dresden an, das entspricht 4.220 Paletten zu je 250 Kilo oder in einer Gesamtlänge von ca. 5.064 Kilometern. Jeden Tag werden ein bis zwei Lkw angenommen. Offiziell arbeitet Dietmar Haase drei Tage in der Woche, tatsächlich ist er immer erreichbar. »Wenn Sie nicht ans Telefon gehen, bekommen Sie nichts«, so Haase. Wenn ein Handelsriese anklingelt, heißt die Entscheidung nur »Ja« oder »Nein«. Lange Mails gibt es nicht. Haase muss die Ware dann entweder selbst abholen lassen oder ganze Lastzüge abnehmen und dann so schnell wie möglich verteilen, damit wieder Platz wird.

Gerade hat er 66 Paletten Nutella-Kekse hereinbekommen. Die müssen kühl lagern, genauso wie die Gurken. Tausend Stück kommen täglich aus Pillnitz von einem Betrieb, der momentan keine »Gurkenzulassung« hat. In Wittenberg stehen 80 Paletten Paprika, die der Betrieb nicht verarbeiten kann. Die müssen dringend geholt werden. Weiter hinten stehen Paletten voller Joghurt in Trinkpacks, die nicht gekühlt werden müssen. Weil die Trinkhalme aber aus Plaste sind, hatte der Hersteller entschieden: Alles wird vernichtet! Dietmar Haase war schneller und hat alles geordert. Aus einer Schokoladenfabrik in Oderwitz, die dieses Jahr schließt, hat Haase alles übernommen. Auf 300 Paletten türmen sich schon Stollen. Pizzen, Backwaren, Käse, Gemüse, Konserven, Müsli, Marmeladen, Milch und Kaffee – hier findet sich alles, was auf jedem Einkaufszettel stehen könnte. Sogar Lego, Wasch- und Pflegemittel, Sachen und Schuhe. Die Logistik dahinter ist gewaltig.

Die Helfer im SGB-II waren im Jahr 2021 insgesamt 9.360 Stunden im Einsatz, Ehrenamtliche 8.400 Stunden. Das Personal ist das zweite große Thema. Nicht nur für Dietmar Haase wird ein erfahrener Nachfolger gesucht, sondern auch eine neue Generation von Ehrenamtlern. Das Jobcenter bezahlt jetzt immerhin die Fahrer und der Freistaat hat für die Kühlzellen und Fahrzeuge Gelder bereitgestellt. Dafür kämpfen die Helfer – wie jeder andere – mit steigenden Betriebskosten und Spritpreisen und nehmen doch hoheitliche Aufgaben wahr.

 

Funktioniert die Tafel noch im Ehrenamt?

Grundsätzlich schwelt deshalb die Frage: Ist der Staat dazu bereit, selber Sorge dafür zu tragen, dass jeder satt wird? Oder will er die Tafeln stärker unterstützen, damit sie diese Funktion übernehmen? Die Leute im Amt einfach zur Tafel zu schicken, wird nicht mehr reichen. Denn die Tafeln arbeiten im Ehrenamt.