Birgit Branczeisz

Im Großen Garten werden gesunde Bäume gefällt

Dresden. Warum die Gärtner jetzt unbedingt eingreifen müssen und was jetzt helfen soll.
Bilder

Spätestens wenn ab 3. Oktober Technik anrollt, wird es einen Aufschrei geben. Im Großen Garten werden gesunde Bäume gefällt! Dr. Claudius Wecke hört die Anrufe förmlich schon. Tatsächlich werden knapp 100 Spitzahorne mit einem Stammumfang bis zu 60 cm gefällt. Die vielen kleinen Triebe, die bei dieser Gelegenheit gleich mit gerodet werden, gar nicht mitgerechnet.

Warum das Argument "Hauptsache alles grünt" gerade hier falsch ist, erklärte der Leiter Gärten im Schlösserland Sachsen bei einem Rundgang. Seit 2018 hat der Große Garten im Schnitt jeden Tag einen Alt-Baum verloren. Einige der mächtigen Eichen sind in die Jahre gekommen, doch die meisten Parkbäume erliegen dem Trockenstress. Bei 17.500 Bäumen insgesamt, klingt das vielleicht nicht viel, aber die Entwicklung galoppiert seit 2018, erklärt Dr. Wecke. In den letzten Jahren ist etwa das Zehnfache an Bäumen abgestorben wie in den Jahren früher.

Gleichzeitig macht sich der "Spitzbube" breit. So nennen Gärtner den Spitzahorn, der zwar schön anzusehen ist und prima wächst. Das Problem ist nur - auf jeder Lichtung, jeder Baumgruppe sprießen Spitzahorne. Wo Altbäume nicht mehr aussamen, besetzt der Ahorn sofort die Zwischenräume. Dessen große Blätter sorgen schnell für Schatten und verhindern jedes Hochkommen anderer Bäume.

"Wenn wir jetzt nicht gärtnerisch eingreifen, haben wir am Ende eine Monokultur und die ist noch anfälliger", so Dr. Wecke. Denn: über 95 Prozent des Baum-Nachwuchses ist Spitzahorn. Auch ein Ahorn hat Feinde: die Rußrinden-Krankheit z.B., die auch für Menschen gefährlich ist. Wie das aussehen kann, erlebten die Schloss-Gärtner zuletzt an der Albrechtsburg Meißen, wo 200 befallene Ahornbäume unter Vollschutz gefällt werden mussten. "Wenn uns das im Großen Garten passiert, dann brechen die Bilder zusammen", sind sich alle sicher. Nur Artenreichtum macht stabiler.

Deshalb wollen die Gärtner wenigstens Spitzahornfreie Inseln schaffen, um den malerischen alten Eichen Luft zum Vermehren zu geben. Der Unterwuchs wird mit Spaten und Wiedehopf-Hacken gerodet. An drei Standorten vom Puppentheater Sonnenhäusel bis vor zum Botanischen Garten. Beim Parkseminar am 13./14. Oktober können die Dresdner auch selbst Hand anlegen.

Warum gerade dort? Weil der Wind meistens aus West und Südwest kommt und die "Propeller"-Ahornsamen bis zu 100 Meter weit fliegen lässt. Also sollen die ersten Ahornfreien Inseln von Westen her entstehen. Dort wird auch gleich nachgepflanzt - tatsächlich ganz herkömmlich mit kleinen Setzlingen. "Viele werden uns sicher fragen, warum wir nicht gleich größere Bäumchen setzen, die nach was aussehen", lacht Wecke.

Tatsächlich gibt es da einen Paradigmenwechsel: klein nachpflanzen und tun, als wäre es ein großer Baum, heißt er. Mit allem Schutz gegen Wild und unachtsame Mitmenschen, mit starken Pfählen fürs Großwerden und Gießmulde. Entscheidend ist für die Gärtner, dass die jungen Pfahlwurzeln geschützt werden. "Die wachsen dann in wenigen Jahren um viele Meter und sind gesünder, als wenn sie jahrelang in Ballen stagnieren", erklärt Dr. Wecke. Das Geld geht stattdessen in die Nachsorge statt in den Kauf - denn die jungen Bäume müssen gut 5, 6 Jahre gegossen werden. Damit auch Stileichen, Hainbuche, Eschen, Linden wieder eine Chance haben - vor allem die Eiche als prägender Baum.

Der Stileiche widmen sich die Gärtner besonders, um das historische Bild des Großen Gartens zu retten: malerische Baumgruppen, knorrige Solitäre, barocke Sichtachsen und ein Wechseln von Licht und Schatten durch Sträucher und mächtige Bäume. Und wie soll das gehen? Mit den Arten weiterarbeiten, lautet die Antwort. Zunächst die Anpassung aus der großen genetischen Vielfalt heraus fördern. Dazu wird das Schlösserland nächstes Jahr eine eigene Baumschule am historischen Standort nördlich des Palais-Teichs anlegen und eine Anzuchtstelle in Pillnitz gründen - die jungen Eichen werden bewusst nicht gepäppelt, sondern dem wahren Leben ausgesetzt. Die stärksten Exemplare dürfen in den Park.

"Plan B", wie Dr. Wecke ihn nennt, ist grundlegender. Wenn nichts hilft, will man mit neuen Arten experimentieren, in Richtung Balkan schauen, z.B. Baumschulen in Bulgarien, wo die Eichen einen anderen Genpool mitbringen. Auch Baum-Arten aus dem Mittelmeerraum könnten es irgendwann in Dresdens schönsten Barockgarten schaffen. Sie müssten vom Wuchs her nur ähnlich sein - und so das Bild "Großer Garten" bewahren!

 

Anmeldungen zum Parkseminar sind bis zum 29. September 2023 per EMail an klimawandel@schloesserland-sachsen.de möglich. Die Teilnahme ist kostenfrei. Teilnahme an beiden Tagen oder einzeln möglich. Die Anzahl der Plätze für den Praktischen Teil am 14. Oktober ist auf 75 begrenzt.

Öffentliche Führung zum Parkseminaram Mittwoch, den 23. August, 16:30 Uhr // Treffpunkt Puppentheater Sonnenhäusel


Meistgelesen