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Sprachverdreher und Falschversteher

Große Karriere mit Lese-Rechtschreib-Schwäche? Jamie Oliver, Keira Knightley, Whoopi Goldberg und Lewis Hamilton machen es vor. Doch aller Anfang ist schwer.
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Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche brauchen sowohl in der Schule als auch zu Hause jede Unterstützung, die ihnen das Lernen erleichtert. Foto: Ramona Heim - Fotolia

Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche brauchen sowohl in der Schule als auch zu Hause jede Unterstützung, die ihnen das Lernen erleichtert. Foto: Ramona Heim - Fotolia

Unsere Gesellschaft verlangt Leistung. Nur wer Leistungen abrufen kann, wird anerkannt. Das fängt spätestens in der Schule an. Nicht richtig Lesen und Schreiben zu können, ein großes Problem. In Bautzen kann Grundschülern mit diagnostizierter Lese-Rechtschreib-Schwäche an der Max-Militzer-Schule von besonders ausgebildeten und zertifizierten LRS-Lehrerinnen geholfen werden.
Wenig bekannt ist, dass es schon in der DDR Intensivförderung für Schüler mit Lese- und Rechtschreibstörungen in allen größeren Städten gab. In Bautzen seit 1978. Die Lehrerin Annekatrin Knobloch arbeitet seit 1987 mit legasthenen Kindern und hat einen reichen Erfahrungsschatz.
Schwäche erkennen An allen Grundschulen gibt es LRS-Verantwortliche, die spezielle Weiterbildungen absolviert haben und Schüler mit Defiziten vorsorglich beobachten können. Im November jeden Jahres wird an den Grundschulen in Sachsen die Lese- und Rechtschreibkompetenz der Zweitklässler überprüft. Eine Bilderliste muss mit den entsprechenden Begriffen ergänzt und ein paar Sätze geschrieben werden. Fehler werden klassifiziert und ausgewertet. Das Ergebnis wird unter die Lupe genommen. Danach erhalten die Eltern der Schüler, deren Schwierigkeiten besonders groß sind, die Möglichkeit, ihre Kinder zu zwei Testtagen an die Militzer-Schule zu bringen. Dort verschaffen sich Lehrerinnen, Schulpsychologe und Logopädin ein Gesamtbild von den Fähigkeiten des Kindes. Ursachenforschung
Es gibt eine genetische Veranlagung. Auch die Verarbeitung optischer und akustischer Reize kann gestört sein. Hinzu kommen Sprachstörungen und Schwierigkeiten mit der Lautbildung.  Viele Kinder haben auch motorische Defizite. Bewegungsabläufe können nicht akkurat nachvollzogen werden. Auch dadurch können später Fehler entstehen. LRS – und nun?
Wird LRS festgestellt, ist es wichtig, dass Eltern erfahren, wie sie ihren Kindern helfen können. Ihnen muss die Angst vor der Diagnose genommen werden. Mit dem Beginn der Therapie sollte nicht zu lange gewartet werden. Unbehandelt und ohne spezifische Förderung führt die LRS oft zu Schulversagen mit gravierenden Folgen für die weitere Ausbildung und das psychische Wohlbefinden. Annekatrin Knobloch weiß: „Diese Kinder führen einen täglichen Kampf.“ Wenn als erster Schritt die Umschulung in eine spezielle Klasse empfohlen wird, ist das Unbehagen bei Eltern und Kind groß. Aber bald fühlen sich die Drittklässler  in ihrer neuen 3/1 wohl. In einer solchen Klasse sitzen für zwei Jahre höchstens 16 Schüler, die intensiv gefördert werden. In dem Dehnungsjahr werden Defizite aufgearbeitet. Dazu dienen Wahrnehmungstraining, Gleichgewichtstraining, die Schulung der Feinmotorik, der Rhythmik. Für einige Stunden in der Woche wird die Klasse in noch kleinere Gruppen eingeteilt. Diese ermöglichen eine noch intensivere Betreuung und Förderung. Beschritten werden ganz unterschiedliche Wege. Die Schwächen werden spielerisch angegangen. Hilfsmittel sind Buchstabenkästen und Arbeitsblätter.  Zeilen in Lesetexten sind nummeriert, lange Worte silbenweise geschrieben. Es gibt Buchstaben zum Anfassen, Silben werden getanzt. Das Wichtigste aber ist, dass das Kind wieder Freude am Lernen bekommt. Kinder stärken
Die Eltern haben die Verantwortung ihr Kind fürsorglich zu begleiten und zu führen. Sie sollten das Kind zur Selbstständigkeit erziehen, zu Ordnung und Fleiß. Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche haben ein massives Handicap. Zu Lernen ist für sie harte Arbeit. Sie benötigen viel Zuwendung, besonders von den Eltern. Für sehr wichtig hält es Annekatrin Knobloch, die Kinder zu loben, ihnen die eigenen Stärken vor Augen zu führen. Auch sollte Ausgleich für die schwere Lernarbeit gesucht werden. Vielleicht in einer Sportgemeinschaft. Eltern sollen den Druck herausnehmen, Geduld und Ruhe haben. Das ist nicht immer leicht. Individueller Erfolg
Die Lerntherapie setzt bei den Stärken der Schüler an, vermittelt Erfolge und stabilisiert ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Meist kann die Schwäche nicht vollständig behoben werden. Der Erfolg ist so unterschiedlich wie die Ausbildung der Schwäche. Statistisch sitzt in jeder Schulklasse ein Legastheniker. Nicht jeder wird später ein Buch schreiben. Doch jedes Kind soll seinen weiteren Weg in der Schule mit Freude und Selbstbewusstsein gehen.                 (Manuela Dietze)