Sandro Paufler

Der Mittelstand steht vor großen Herausforderungen

Bautzen. Wilfried Rosenberg ist im Mittelstand sehr gut vernetzt. Im Interview spricht er über die Herausforderungen des Mittelstandes während der Corona-Krise und dem Ukraine-Krieg. Außerdem macht er sich für die Region stark und hat eine klare Botschaft an die Unternehmer und politischen Akteure.
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Wilfried Rosenberg im Gespräch mit dem WochenKurier.

Wilfried Rosenberg im Gespräch mit dem WochenKurier.

Foto: Spa

Zur Person:
 
Wilfried Rosenberg ist Seniorberater des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW) und organisiert mit der WIRO Netzwerkmanufaktur den Mittelstandstag, der jährlich Unternehmer aus der Wirtschaftsregion Dresden und Oberlausitz miteinander vernetzt.
 
Herr Rosenberg, Sie sind schon eine ganze Weile im Geschäft. In Zeiten der Globalisierung und gegenseitigen Abhängigkeit - Hätten Sie einen Krieg in Europa jemals für möglich gehalten?
Wilfried Rosenberg: Dazu vorweg: Ich war zu DDR-Zeiten 24 Jahre Offizier bei der Nationalen Volksarmee. So gesehen bin ich militärisch vorbelastet. Einen Krieg habe ich nicht ausgeschlossen, weil sich weiter unterschiedliche Wertesysteme gegenüberstehen, da geht es um Machtansprüche, nicht um liebe diplomatische Worte! Auch wenn sich einen Krieg niemand wünscht. Im Grunde muss man simpel erklären, was Krieg ist. Krieg ist nach Carl von Clausewitz (Militärwissenschaftler Anm. d. Red.) die Fortsetzung der Politik mit militärischen Mitteln. Und wenn man anschaut, wie sich diese Politik rückblickend gestaltet hat, erinnern wir uns an den Kalten Krieg, der Nachwende-Phase und wo wir heute stehen, ist die Welt schon länger eine andere geworden. Sie ist wieder sichtbarer in Blöcke zerfallen, weil eben unterschiedliche Werte die internationale Politik bestimmen. Meiner Meinung nach hätten die Verantwortlichen schon viel früher schlau werden müssen, was da eigentlich in Russland passiert.
 
Sie sind im Mittelstand sehr gut vernetzt. Welche Befürchtungen haben die Unternehmen aus der Region in Bezug auf den Ukraine-Krieg?
Es herrscht eine große Verunsicherung. Viele stellen sich die Frage: Was passiert jetzt eigentlich? Viele geglaubte Sicherheiten sind verschwunden! Das mischt sich mit der Erfahrung aus der Corona-Pandemie und anhaltenden Lieferkettenproblemen, wie auch Preisexplosionen, die schwer verkraftbar sind. Es gibt nur wenige Gewinner. Für den Mittelstand gilt es in der Zukunft neue Herausforderungen zu meistern. Stichwort: Tempo; verbunden mit Digitalisierung und der Fachkräftefrage. Mittelstand kann Trends nicht setzen, aber wir können möglichst frühzeitig Trends erkennen, um daraus resultierend für die Kompetenzen des Unternehmen Schlussfolgerungen abzuleiten, und gelingend zu kommunizieren gehört auch dazu. Deshalb haben wir uns entschlossen, unseren Mittelstandstag am 14. Juni unter das Motto "Das Tempo bleibt hoch" zu stellen.
 
Wie kann sich der Mittelstand nach der Corona-Pandemie wieder erholen und was hat er aus der Krise gelernt?
Wir haben nach wie vor hohe Krankenstände und unangepasste Quarantäne-Regeln, zwar weniger gefährlich, aber es sind trotzdem Personalausfälle die Unternehmen verkraften müssen. Und das ist natürlich wieder ein Stückchen der Unsicherheiten. Das Stichwort Vernetzungsgrad ist deshalb besonders wichtig. Wir aktivieren die regionalen Wirtschaftskreisläufe und Mittelständler müssen Antworten finden: Wie komme ich zu guten Leuten? Und wie gelingt es uns im Zusammenhang mit erneuerbaren Energien, eine Ablöse von Gas und Öl zu finden? Plausible Antworten zu kalkulierbaren Rahmenbedingungen aus der Politik fehlen! Während der Corona-Pandemie haben wir die Nutzung der digitalen Medien gelernt, wie Online-Meetings oder digitale Seminare. So können wir Reisekosten einsparen, aber wir haben auch gelernt, dass nicht alles Online machbar ist. Beim Thema Netzwerkbildung haben wir gemerkt, dass diese Veranstaltungsform eher nicht digital funktioniert, weil die Leute sich persönlich in die Augen schauen oder gemeinsam Visitenkarten austauschen wollen.
 
Wie stark schätzen Sie die Wirtschaftskraft in Ostsachsen ein und an welchen Schrauben muss noch gedreht werden, um das ganze Potential der Region auszuschöpfen?
Wir sind im Grunde genommen gut aufgestellt. Es gibt in der Oberlausitz überall Highlights: von Bergen, Seen und schöne Landschaften angefangen. Unsere Region ist mit einem großen Branchenmix vertreten. Wir sind in guter Nähe zu Dresden, aber auch Berlin, Prag, Breslau ist nicht weit. Warum gelingt es uns, das alles immer wieder kaputtzureden, statt zu erkennen, dass wir viel weiter sind, wie manche denken. Aufgabe wäre: Diese Stärken hervorzuheben und zu fragen, was machen wir jetzt daraus? Bei all den Diskussionen um die Strukturentwicklung spielt das Thema "Die Stärken und die Starken (Mittelständler) stärken, keine Rolle. Es gibt diese werdenden "Hidden Champions" in unserer Region, wir nennen die "Hidden Pearls", die Versteckten Perlen, die mehr Wachstum schon heute erarbeiten; das ist erstens billiger, geht schneller und hat eine unheimliche identitätsstiftende Wirkung. Zusammenhalt ist genau das, was wir brauchen! Wir reden stattdessen unverhältnismäßig viel über die Strukturschwächen. Es ist eine Herausforderung mit weniger Menschen einen höheren Ertrag durch Innovationen zu erzielen. Denn Fakt ist: Wir werden nicht mehr Bürger. Ganz im Gegenteil, wir verlieren jedes Jahr in beiden Landkreisen (Bautzen und Görlitz Anm. d. Red.) im Durchschnitt 5000 Menschen - rein demografisch gesehen, aber das muss nicht was Negatives sein!


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