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Magische Märchenzeit

Senftenberg. Jedes Jahr verzaubern sie die Menschen aufs neue - Märchen in der Weihnachtszeit. Die Märchenerzählerinnen Ute Fisch und Monika Auer sprechen über dieses Wunder.

Wir befinden uns mitten im Advent, Heiligabend ist nah. Wie stark können Sie das Weihnachtsfest bereits spüren?

Ute Fisch: Durch die schönen Märchenveranstaltungen wird man selbst auch in Weihnachtsstimmung versetzt. Ich freue mich, wenn sich die Leute wieder mehr Zeit nehmen für Märchen und Weihnachtsgeschichten und ein wenig mehr Ruhe und Besinnlichkeit einzieht.

Zum Advent und zu Weihnachten gehören auch immer Märchen. Im Fernsehen sind sie jetzt wieder vielfältig vertreten. Warum passen beide Seiten so gut zusammen?

Monika Auer: Im Advent und zu Weihnachten rücken die Menschen näher zusammen. Es ist kalt, das Leben findet in den Stuben statt. Die Winterzeit war auch vor Jahrhunderten schon Märchenerzählzeit. Auf den Bauernhöfen musste in drei Jahreszeiten tüchtig gearbeitet werden, da blieb nur der Winter, um auch einmal müßig zu sitzen und den Erzählungen der Alten zu lauschen. Beim Fest Weihnachten kommt hinzu, dass sich auch die Weihnachtsgeschichte in der Bibel als Erzählung voller Wunder zeigt. Ein kleines Kind wird geboren, dass die Menschen retten soll und es wird Friede auf Erden verkündet.

Was sind Märchen und wie sind sie entstanden?

Ute Fisch: Märchen sind Geschichten voller Wunder und Lebensweisheit. Wie sie entstanden sind, weiß man nicht genau.

Wie viel Wahrheit steckt demnach in einem Märchen?

Monika Auer: Vor allem in den Zaubermärchen steckt viel Wahrheit.  Märchen sind ein Abbild der Wirklichkeit. Die Symbolik der Märchen dringt in unser Unterbewußtsein ein und hilft uns, das Leben zu meistern. Den Kindern helfen die Märchen, groß zu werden. Märchen vermitteln auch Werte: Wenn Du bittest, wird Dir geholfen. Wer abgibt, bekommt doppelt zurück.  Im Leben braucht man Ausdauer, Geduld und Selbstüberwindung, um das Glück zu finden. Nur wer in Wahrheit lebt, wird eine glückliche Persönlichkeit. Wer Fehler macht, bekommt wieder eine Chance. Märchen lehren das Staunen und man darf auch mal Angst haben und dies auch zugeben.

Wie lang ist ein klassisches Märchen im Durchschnitt?

Ute Fisch: Es gibt 1-Minuten-Märchen und Märchen, die dauern eine halbe Stunde oder eine Stunde. Das sind oft orientalische Märchen, die eine weitverzweigte Handlung haben. Im Orient besitzt das Märchenerzählen noch eine ganz andere Tradition. Die Zuhörer dort sind sehr ausdauernd. Unsere grimmschen Märchen sind eher etwas kürzer, da sie auch sehr wenig das Geschehen ausschmücken, sondern kurz und knapp erzählt werden.

Gibt es verschiedene Typen von Märchen und welche wären das?

Monika Auer: Gerade wir Deutschen katalogisieren immer alles - so gibt es vor allem bei uns verschiedene Märchentypen. Die wichtigsten Typen sind die schon genannten Zaubermärchen, Schwankmärchen, Legendenmärchen, Novellenmärchen, Lügenmärchen und äthiologische Märchen - das sind Märchen, die naturwissenschaftliche Phänomene poetisch und zauberhaft erklären. Dann gibt es noch Warnmärchen - beispielsweise »Rotkäppchen«.

Das Defa-Märchen »Drei Haselnüsse für Aschenbrödel« verzaubert seit über 40 Jahren die Zuschauer. Warum ist das so ein beliebtes Weihnachts- und Wintermärchen?

Ute Fisch: Hier stimmt einfach alles: die Musik, die tolle Winterstimmung, die großartige schauspielerische Leistung. Und wenn man dann noch weiß, dass das Aschenputtelmotiv zu den weltweit beliebtesten Märchen gehört und in mehreren hundert Varianten existiert, dann ist die Beliebtheit dieses Films gut nachvollziehbar.

Warum gibt es so wenig Märchen mit dem Weihnachtsmann als Figur?

Monika Auer: Der Weihnachtsmann kommt in den Volksmärchen gar nicht vor. Die Volksmärchen sind meist älter als die Feste, deshalb kommt Weihnachten auch sehr selten vor, Ostern noch seltener. Der Weihnachtsmann ist ja nicht einmal eine mythische Figur. Er wurde erst in den 20er Jahren erfunden.

Welches Märchen steht für Sie auf Platz 1 Ihrer Hitliste?

Ute Fisch: Mein persönliches Lieblingsmärchen heißt ›Die Herzensgabe‹. Es ist ein bulgarisches Märchen. Ein Bursche erhält für drei Jahre Arbeit drei Nüsse als Lohn. Die beiden älteren Brüder erkennen den Wert dieses Lohnes nicht, aber dem Jüngsten bringen diese drei Nüsse das große Glück.

Monika Auer: Ich erzähle am liebsten das russische Schwankmärchen ›Das besprochene Wasser‹. Es vermittelt eine einfache Wahrheit auf eine sehr lustige Weise.

Märchen gibt es in jedem Kulturkreis. Gibt es Unterschiede zwischen den Kulturen?

Monika Auer: Es gibt Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Wissenschaftler sagen, dass die Märchen vor Tausenden von Jahren aus dem Unterbewußtsein der Menschen entstanden sind. Deshalb gibt es so viele gleiche Märchenmotive auf der ganzen Welt. Aber natürlich werden sie so erzählt, wie das Leben in den verschiedenen Kulturkreisen abläuft. Vom ›Dornröschen‹ gibt es über 270 aufgeschriebene Variationen aus aller Welt. Eine kommt aus Tasmanien. Dort sticht sich das Mädchen an einem giftigen Dornenstrauch und wird durch Liebe wieder zum Leben erweckt.

Wie alt sind Märchen?

Ute Fisch: Das älteste Märchen, das man heute als schriftliche Aufzeichnung besitzt, stammt aus dem Gilgamesch-Epos und ist fast 5000 Jahre alt. Es wurde in babylonischer Keilschrift auf Tontafeln geschrieben und heißt ›Adadpa‹.

Sind die Märchen in ihrer Entstehung abgeschlossen oder kommen heute auch noch neue Märchen hinzu?

Monika Auer: Diese Frage kann ich nicht beantworten. Interessant ist aber, dass die berühmten Filme der vergangenen 20 Jahre wie etwa ›Jurassic- Park‹, ›Pretty Woman‹, ›E.T.‹ und ›Star Wars‹ nach dem Rezept der uralten  Zaubermärchen konzipiert wurden. Und sie sind Kassenschlager geworden.

Was lieben Sie persönlich an Märchen?

Ute Fisch: Märchen verbinden eine große Erzählergemeinde. Dort tauscht man sich aus und lernt voneinander. Ich liebe es, neue Märchen zu entdecken. Manchmal staunt man, wieviel sie mit dem eigenen Leben zu tun haben.

Warum erzählen wir uns Märchen?

Monika Auer: Menschen erfahren täglich echte Bedrohungen durch Nachrichten oder wir erfahren sie am eigenen Leib: Krieg, Terror, Umweltkatastrophen, übelwollende Kollegen, ein schrecklicher Chef oder mobbende Mitschüler. Eigentlich müssten wir dagegen etwas tun aber die Angst hält uns zurück. Im Märchen tut der Held oder die Heldin wirklich etwas, mit einer Riesenangst zwar, aber die Helden sammeln soviel Mut, dass der Kampf erfolgreich ist. Märchen geben uns und unseren Kindern Hoffnung, Mut und Kraft. Außerdem gehen in Märchen Wünsche in Erfüllung. Uns drängt sich der Gedanke auf: Man muss nur wollen, dann klappt es. Außerdem wird im Märchen die Phantasie angeregt. Die brauchen wir alle, um Wichtiges zu vollbringen. Und sehr wichtig: Märchen gehen, zumindest in Europa, fast immer gut aus. Diese Gewissheit hilft uns, den Alltag zu meistern. Bei soviel positiven Gründen sollte das Märchenerzählen nie aufhören.

Sie beide kennen über 100 Märchen auswendig. Wie merken Sie sich all die Handlungen und Geschichten?

Ute Fisch: Wir lernen die Märchen nicht auswendig. Wir erzählen in Bildern. Beim ersten, zweiten oder dritten Durchlesen formt sich die Handlung zu Bildern im Kopf. So fügen wir Bild an Bild. Das heißt aber nicht, dass wir nach dreimal Durchlesen das Märchen schon erzählen können. Da steckt dann noch sehr viel mehr Lernarbeit dahinter. Es gibt Märchen, die man sich mühsam in 15 bis 20 Stunden erarbeitet. Man muss sie dann viele Male frei erzählt haben, ehe sie so ganz in uns leben.

Sie sind beide seit 28 Jahren Mitglied in der Europäischen Märchengesellschaft. Welche Ziele verfolgt die Gesellschaft?

Monika Auer: Die Hauptaufgabe ist die Pflege und die Verbreitung des Volksmärchens - nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen.

Ute Fisch: Um das umzusetzen werden jährlich Märchenkongresse zu bestimmten Themen durchgeführt. Die Europäische Märchengesellschaft ist über 60 Jahre alt. Sie wurde 1956 in Rheine gegründet und hatte den Anspruch, das Märchen auch wissenschaftlich zu untersuchen. Deswegen haben wir auch sehr viele Wissenschaftler in unseren Reihen - etwa Ethnologen, Psychologen, Juristen, Ärzte, Germanisten und Geschichtswissenschaftler.

Monika Auer: Der nächste Märchenkongress wird 2019 vom 25. bis 29. September in Dessau stattfinden - aufgrund des Jubiläums 100 Jahre Bauhaus. 2011 war der Kongress übrigens in Senftenberg. Damit war es die östlichste und auch die kleinste Stadt, wo einmal so ein Kongress stattgefunden hat. Das war hier sehr schön und viele Leute fragen mich immer, wann so ein Kongress wieder einmal nach Senftenberg kommt.

Und gibt es eine Chance?

Monika Auer: Erst einmal nicht. Es ist sehr viel Arbeit, so einen Veranstaltung zu organisieren.

Ute Fisch: Jetzt ist der nächste Kongress ja erst einmal in Dessau. Und sie haben ein sehr spannendes Thema. Es lautet ›Werde, der Du bist. Märchen und Mythen von der Verwandlung‹.

Wenn Sie das ganze Jahr mit Märchen zu tun haben: Welche Rolle spielen diese dann noch bei Ihnen an Heiligabend?

Monika Auer: Heiligabend erzähle ich keine Märchen. Meine Enkelkinder, zumindest die drei älteren, bekommen von mir immer Märchen erzählt, wenn sie das wollen. Sie kennen schon sehr viele meiner Märchen. Unsere 11-köpfige Familie feiert Weihnachten immer bei uns und so dauern Essen und Bescherung lange. Gemeinsam singen wir dann auch gern Weihnachtslieder.

Wenn Sie einen Weihnachtswunsch frei hätten. Was würden Sie sich wünschen?

Ute Fisch: Ich wünsche mir, dass die Menschen wieder mehr den Wert der Märchen erkennen und dass sie sich hin und wieder eine Stunde gönnen, in der sie vom Märchen verzaubert werden. In diesem Sinne – bleiben Sie schön neugierig auf Märchen.

Monika Auer: Außer endlich Frieden auf der Welt wünsche ich für mich und meiner ganzen Familie Gesundheit und ein langes, glückliches Leben.

• Zur Europäischen Märchengesellschaft geht es HIER

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