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»Eine Willkommensfeier für Gott in unserer Welt«

Senftenberg. Im Weihnachts-Interview: Pfarrer Roland Elsner von der Katholischen Pfarrgemeinde »St. Peter und Paul« Senftenberg.

Am Sonntag leuchtet die vierte Kerze auf dem Adventskranz. Wie stark ist bei Ihnen bereits die Weihnachtsstimmung ausgeprägt?

Roland Elsner: »Pole-Position-Stimmung! Es geht in weinigen Stunden los! Die vierte Kerze ist für mich immer, wie eine Alarmglocke: Haben wir alles vorbereitet? Sind die großen Feiertage ausreichend vorbereitet? Sind die Kirchen einladend ausgeschmückt? Sind die Predigten für die feierlichen Gottesdienste fertig?«

In Ihrer Pfarrgemeinde wandert eine Ikone der »Heiligen Familie« seit dem 1. Advent von Haus zu Haus, von Familie zu Familie. Welche Bedeutung hat dieses »Frauentragen«?

Roland Elsner: »Es ist keine Sportart, obwohl dieser Brauch schon einiges vom Staffellauf in sich hat - von einer Familie zur anderen. Der Besuch der »Heiligen Familie« ist ein sichtbares Zeichen der Nähe Gottes in unserem Alltag! Maria als Mutter wird zu einer klaren Einladung, Gott in diese Wohnung einzulassen, als Begegnung mit der Ikone und Begegnung mit anderen Menschen.«

Welchen Stellenwert hat das »Frauentragen« bei den Menschen in Ihrer Gemeinde?

Roland Elsner: »Wir machen diese Erfahrung zum ersten Mal. Was inzwischen zu mir als Echos und Kommentare gekommen ist, sind die vielen Begegnung in diesen Häusern als Hauskirche, mit Menschen, die gemeinsam beten!«

Am Montag ist Heiligabend. Können Sie kurz erklären, was die Christen am 24. Dezember feiern?

Roland Elsner: »Die Vigil der Geburt von Jesus Christus in Betlehem! Es geht um eine besondere Geburtstagsparty, eine Willkommensfeier für Gott in meiner, unserer Welt.«
 
Zur Kerngeschichte: Vor Jesu Geburt nahmen Joseph und seine schwangere Frau Maria die Reise von Nazareth nach Bethlehem auf sich. Sie folgten dem Aufruf einer Volkszählung, heißt es in der Weihnachtserzählung nach Lukas. Welche Bedeutung hat diese Reise für die Weihnachtsgeschichte?

Roland Elsner: »Diese Reise ist verknüpft mit den Schriften des Alten Testaments, wohl bemerkt des Ersten Testaments und den entsprechenden Prophezeiungen, dass der Messias aus dem Stamme Davids kommt. Dementsprechend kann die »Volkszählung« durch Josef und Maria nur dort wahrgenommen werden. Für mich ist es ein wunderbares Beispiel, dass wir als Menschen immer unterwegs sind. Dass wir als Menschen immer auf die Gastfreundschaft anderer Menschen angewiesen sind. Wir als Menschen, brauchen immer offene Türen in unserem Leben.«

Interessant ist in dem Zusammenhang ist auch der Geburtsort: Jesus als Sohn Gottes wird nicht in einem Palast oder in einer guten Stube, sondern in einem Stall oder in einer Grotte geboren. Ist das eines Gottessohnes nicht unwürdig?

Roland Elsner: »Betlehem bedeutet nichts anderes als das Haus des Brotes. Ausgerechnet in diesem Ort verweigern die Menschen die Gastfreundschaft! Gott hat sich vorgenommen, ein Mensch zu werden, ohne First-Class-Zuteilung, ohne Privilegien, ohne Ehren des diplomatischen Corps. Ja, es ist eine Hammer-Bedeutung! Da Mensch zu werden, wo der Kleinste unter den Kleinen wohnt! Das macht die Würde Gottes aus!«

Was ist für Sie Kern der Weihnachtsgeschichte?

Roland Elsner: »Die Hoffnung, dass dieses Kind aus Betlehem, mich Roland Elsner, auch im Jahre 2018 verändern und begeistern kann! Dieses Kind wird in der Lage sein, mir, wenn es so weit ist, ewiges Leben zu schenken! Das ist der Kern der Botschaft von Betlehem.«

In der Weihnachtsgeschichte flieht Joseph mit Maria und dem Jesuskind vor König Herodes aus Bethlehem ins Ägyptenland. Herodes will Jesus an den Kragen. Joseph flieht mit seiner Familie demnach vor Tod und Verderben. Ist im Grunde diese Weihnachtsgeschichte auch eine Flüchtlingsgeschichte?

Roland Elsner: »Die Weihnachtsgeschichte ist das pure Leben selbst. Keine Spezial-Effekte, keine Show-Einlagen. Ich gebe zu, in Betlehem ist es schon ein Spektakel gewesen, mit Engeln, Kometen und Sternen, aber dann! Dann kam das Leben: Ja, als Flüchtlinge, ja, als Kleinverdiener, ja, als Verfolgte, ja, als Verurteilte! Leben einer Familie in allen Facetten!«
 
Welche Erkenntnisse können wir daraus für die aktuellen Flüchtlingsthematiken auf der Welt gewinnen?

Roland Elsner: »Das Leben und Schicksal jedes einzelnen Menschen, jedes Kindes – geboren oder ungeboren - und jeder Familie soll uns heilig und unantastbar sein! Wir müssen lernen, das Leben zu schützen. Das Leben der Menschen auf der Flucht, bei Vertreibungen aber auch inmitten in unserer Gesellschaft!«

Weihnachten ist für viele Menschen das „Fest der Familie« und das „Fest der Liebe“. Was sind ihre Erfahrungen?

Roland Elsner: »Ich werde eben oft in dieser Zeit mit vielen Enttäuschungen konfrontiert. Ja, es ist ein Fest, wo die familiären Bände eine sehr wichtige Rolle spielen. Leider wird es dann für viele Familien deutlich, dass sie getrennt, zerstritten und verwickelt in vielen Streitereien leben. Nicht gerade eine Stimmung für ein ›Fest der Liebe‹. Geschenke, Deko und Licht machen es nicht einfacher. Es gibt aber immer ein Weihnachtswunder, eine besondere Begegnung, eine lang erwartete Versöhnung und eine kleine Hoffnung für eine bessere Zukunft. Das ist für mich ein ›Fest der Liebe‹!

Wie kann man es schaffen, diese Liebe über das Weihnachtsfest hinaus mitzunehmen?

Roland Elsner: »Öfter am Tisch sitzen, mehr miteinander sprechen, mehr Zeit haben – füreinander!«

Oft werden viel zu hohe Erwartungen an das Fest gestellt. Alles soll perfekt und schön sein. Ist da ein Scheitern nicht bereits vorprogrammiert?

Roland Elsner: »Wenn Sie einen Weihnachtsbaum vom »Dolce & Gabbana« kaufen, vier Wochen lang nur mit Jagd nach den Geschenken unterwegs waren, dann ist das Scheitern vorprogrammiert! Warum? Die Form darf nicht wichtiger werden, als das, was in Betlehem geschehen ist! Weihnachten ist nicht ein Fest der Konsums und Umsatzangaben! Es ist ein Fest der Menschwerdung!«

Nach dem Weihnachtsfest ziehen Sternsinger wieder durch Ihre Gemeinde. Welche Rolle spielen sie für die Weihnachtsbotschaft?

Roland Elsner: »Die Kinder, die es wagen und es auf sich nehmen, als Sternsinger aktiv zu werden, werden zu Helden dieser Botschaft. Dass wir Menschen, mit einem großen Herzen, für die anderen Menschen unterwegs sind, um zu helfen. Es ist die Erfahrung und die hervorragende Botschaft für die Nächstenliebe!«

Wenn Sie einen Weihnachtswunsch frei hätten: Was würden Sie sich wünschen?

Roland Elsner: »Frieden! Frieden für alle Menschen unseres Planeten! Und ein mega großes Nutellaglas!«

Katholischen Pfarrgemeinde »St. Peter und Paul« Senftenberg

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Friedenslauf-Spenden gehen an Drudel 11

Ostritz. Rund 300 Menschen liefen im Oktober in Ostritz für Demokratie, Weltoffenheit und Toleranz. Die Hälfte der beim Friedenslauf gesammelten Spenden, 2450 Euro, wurde inzwischen an Drudel 11 e.V. aus Jena überwiesen. Dies teilen der Vorstandsvorsitzende des Internationalen Begegnungszentrums St. Marienthal, Dr. Michael Schlitt, und der Mitorganisator des Friedenslaufes, Landrat a.D. Günter Vallentin (Ostritz), mit. Drudel 11 engagiert sich seit 25 Jahren als anerkannter Träger der Jugendhilfe. In zahlreichen Projekten – vom Jugendzentrum bis hin zur Ausstiegsberatung für Neonazis  – hat es sich der Verein zur Aufgabe gemacht, Kindern und Jugendlichen Selbstkompetenz zu vermitteln und dabei Anreize zum Perspektivwechsel zu geben. Inzwischen kann das Team von Drudel 11 auf eine langjährige Erfahrung in den Bereichen der Gewalt- und Radikalisierungsprävention zurückblicken. Sebastian Jende vom Verein Drudel 11 dazu: „Mit großer Freude hat unser Verein diese tolle Nachricht von der Spende erhalten. Ein besonderer Dank geht an alle Spender und Läufer und natürlich an das IBZ St. Marienthal als Veranstalter sowie an die Verantwortlichen der Stadt Ostritz.“ Drudel 11 bietet Beratungen für Ausstiegswillige aus rechtsextremen Zusammenhängen an. Gemeinsam mit den Ausstiegwilligen wird in der vertraulichen Einzelberatung der bisherige, zumeist von Gewalterfahrungen, Vorurteilen und Hassideologien geprägte Lebensweg reflektiert. Dabei werden gemeinsam neue Lebensperspektiven für die Ausstiegswilligen erarbeitet. Sebastian Jende dazu weiter: „Die Struktur der rechtsextremen Szene hat oft zur Folge, dass sich Ausstiegswillige in einem eng gesponnenen Netz gefangen fühlen. Vor allem der hohe soziale Druck aus der Szene, bis hin zu Drohungen und Verfolgung, führt bei Ausstiegswilligen oftmals zu einem Gefühl der Ohnmacht. Ist aber die Ausstiegsmotivation gegeben, dann setzt unsere Beratung genau an diesem Punkt an und hilft den Aussteigern einen Ausweg zu finden und sich neu zu orientieren.“ Der andere Teil der Spenden wurde für das „Ostritzer Friedensfest“ zur Verfügung gestellt. Der „Ostritzer Friedenslauf“ im Oktober war auch eine Reaktion auf den am gleichen Tag im Ostritzer Hotel „Neißeblick“ stattgefundenen „Kampf der Nibelungen“. Zu dieser Kampfsportveranstaltung kamen zahlreiche Mitglieder der rechtsextremen Szene.Rund 300 Menschen liefen im Oktober in Ostritz für Demokratie, Weltoffenheit und Toleranz. Die Hälfte der beim Friedenslauf gesammelten Spenden, 2450 Euro, wurde inzwischen an Drudel 11 e.V. aus Jena überwiesen. Dies teilen der Vorstandsvorsitzende…

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