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Riesiger Weltkriegs-Fund auf dem Sportplatz

Görlitz. Bei Arbeiten zur neuen Flutlichtanlage der SG Rotation Oberseifersdorf sind Panzerfäuste, Handgranaten, Karabiner und Patronen aufgetaucht. Eine Entdeckung mit Folgen.

Mit einem Schreck ist Thomas Lange aus dem Graben gesprungen, als aus der Baggerschaufel vor ihm plötzlich Patronen rieselten. "Ich hatte richtig Angst", sagt der anerkannte Kriegsdienstverweigerer und stellvertretende Vorsitzende der SG Rotation Oberseifersdorf nachher. An jenem 19. September übernahmen er und andere Helfer den vorbereitenden Arbeitseinsatz für die neue Flutlichtanlage am unteren Sportplatz. Sie zogen den Graben für das spätere Elektrokabel. Doch der Einsatz endete abrupt. Thomas Lange schrie noch den Fahrer an, sofort aus dem Bagger zu kommen. Beide verließen sofort das Gelände und er rief die Polizei.

Doch wieso lag dort Munition? Bernd Neumann weiß von Erzählungen seines Großvaters, dass sich am Ortsrand 1945 Verteidigungsstellungen befanden. "Nur wo genau, war bisher nicht bekannt", sagt der Vereinsvorsitzende. Sein Großvater gehörte damals zum Volkssturm, der neben der Hitlerjugend als letztes Aufgebot die Rote Armee aufhalten sollte. Mitten auf dem Sportplatz stand wohl eine Flakstellung, rundherum befanden sich Schützengräben. Doch zum Kampf kam's nicht mehr. Die Männer vom Volkssturm schmissen stattdessen die Waffen in die Gräben und gingen nach Hause. So zumindest erzählte der Großvater von den letzten Kriegstagen.

Und 75 Jahre später holten Bernd Neumann und seine Mitstreiter vom Verein die geschichtlichen Geschehnisse wieder ein. Noch am 19. September übernahm die Polizei die Fundstelle und schaltete den Kampfmittelbeseitigungsdienst ein. Seit Montag voriger Woche war eine von ihm beauftragte Firma anderthalb Wochen damit beschäftigt, mithilfe von Sonden weitere Weltkriegs-Überbleibsel zu bergen. So fanden die Spezialisten allein rund 10.000 Schuss Munition, aber auch Handgranaten, Panzerfäuste, Karabiner, Kettenglieder und Teile eines Maschinengewehres - und das zum Teil kistenweise. In mühevoller Kleinarbeit hätten sie alles ausgegraben, berichtet Bernd Neumann. Dafür war der wandernde Arbeitsbereich auf 30 mal 30 Metern abgesperrt.

Für was Thomas Lange kein Verständnis zeigte, war der aufgekommene "Sprengstoff-Tourismus" in den vergangenen Tagen. Die Zahl der Spaziergänger am unteren Sportplatz hätte erstaunlicherweise zugenommen, sagt der stellvertretende Vorsitzende. Er konnte dort nur an die Vernunft appellieren, die Fachleute ihre Arbeit machen zu lassen.

Die Fundstellen lagen 1,20 Meter tief am Rande des Sportplatzes. Dass die Vereinsmitglieder hier überhaupt Munition entdecken konnten, war trotz der geschichtlichen Hintergründe ein Zufall. Die Tiefe des inzwischen verfüllten Grabens betrug nämlich gerade einmal 60 Zentimeter. Nur an den sechs Stellen der künftigen Flutlichtmasten mussten 1,60 Meter tiefe Löcher ausgehoben werden. Beim letzten schließlich rieselte die Munition von der Baggerschaufel. Anderenfalls wäre sie wohl nie aufgetaucht.

Trainieren und spielen konnten die Fußballer wegen der Flutlicht-Baustelle sowieso seit Wochen nicht mehr auf dem unteren Sportplatz. Dafür stand und steht ihnen aber noch der obere zur Verfügung. Für sie gab's also keine Einschränkungen, dafür aber für die eigentliche Baustelle. Die Bergung bedeutete nämlich auch, dass die Arbeiten für die 20.000 Euro teure Flutlichtanlage ins Stocken gerieten. Deshalb bat der Verein um zwei Wochen Aufschub, damit die Fördermittel von 16.000 Euro nicht verfallen. Nun soll die Anlage bis Ende Oktober stehen. Die Arbeiten auf dem Sportplatz endeten an diesem Dienstag. "Wenn man sieht, was sie alles rausgeholt haben, war meine Angst berechtigt", sagt Thomas Lange nach seiner ersten unerwarteten Begegnung mit der Weltkriegs-Munition.

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