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Borkenkäfer: Schlimmste Waldschäden seit über 70 Jahren

Görlitz. Die Situation in den Wäldern im Landkreis ist dramatisch. Borkenkäfer haben riesige Schäden angerichtet. Die Folgen werden noch jahrzehntelang zu spüren sein.

Erst kamen die Stürme, dann kam die Hitze. Sie schafften zusammen ideale Bedingungen für den Borkenkäfer. Und deswegen geht es den Wäldern im Landkreis ebenso wie den Wäldern in Sachsen und ganz Deutschland momentan nicht gut. Kreisforstamts-Leiterin Sylvia Knote sieht es als die schlimmste Waldschadensituation seit 1946/47, mit den Folgen werde man noch Jahrzehnte beschäftigt sein.

Aber warum konnte sich der Borkenkäfer so stark vermehren? Da waren zuerst mehrere Stürme. „Xavier“ (Oktober 2017), „Herwart“ (Oktober 2017) und „Friederike“ (Januar 2018) erzeugten zusammen jede Menge Wurf- und Schadholz. Weit mehr, als es beispielsweise Sturm Kyrill 2007 „produzierte“. Dieses Wurf- und Schadholz konnte nicht rechtzeitig vollständig aufgearbeitet werden. Das muss idealerweise bis Ende März geschehen, weil die kleinen Tierchen danach langsam wieder aktiv werden und ab einer Temperatur von 16°C gezielt Bäume suchen, in die sie sich einbohren können. Gesunde Bäume können diesen Angriffen etwas entgegensetzen. Aber Bäume die unter Stress stehen, etwa durch anhaltende Trockenheit, oder eben durch Stürme umgeworfen wurden, haben diese Widerstandkraft nicht. Die Borkenkäfer fanden also 2018 reichlich bruttaugliches Holz und in der nachfolgenden Hitze und Trockenheit konnten sie sich prächtig entwickeln. „2018 und 2019 waren zu heißt und zu trocken“, sagt Sylvia Knote. An der Wetterstation Niesky wurde 2018 von April bis Dezember ein Defizit von 220 Litern pro Quadratmeter gemessen. Im restlichen Landkreis sah das nicht besser aus. Das Jahr 2019 war das zweitwärmste in Deutschland seit Beginn der Aufzeichnung. So konnten sich im vergangenen Jahr sogar drei Generationen der Käfer entwickeln, was selten vorkommt.

1000 Hektar Kahlfläche

Vor allem die Fichtenwälder im Landkreis wurden dadurch in Mitleidenschaft gezogen. Waren es im Borkenkäferjahr 2017/2018 (das Borkenkäferjahr startet am 1. Juni und endet am 31. Mai des Folgejahres) noch 5000 Festmeter Schadholzmenge, sind es für das noch laufende Jahr 2019/2020 schon 317000 Festmeter. Das entspricht einer Kahlfläche von rund 1000 Hektar. Nur in den Fichtenbeständen wohlgemerkt. Im kommenden Borkenkäferjahr könnten es über eine Million Festmeter werden. Besonders schwer getroffen hat es die Bestände in den Königshainer Bergen, im Zittauer Gebirge und am Kottmar. Und nicht nur die Fichte ist ein beliebtes Ziel des Käfers. Auch Kiefern, Lärchen und Laubholzbestände sind betroffen. Hier zeichnet sich laut Forstamt eine ähnlich dramatische Entwicklung ab.

Die Situation im Landkreis Görlitz ist dabei besonders Kritisch. Ein Fünftel der gesamten Schadholzmenge im Freistaat fällt im Landkreis Görlitz an, 75 Prozent der Waldbesitzer sind betroffen. Sachsen hat über den Staatsbetrieb Sachsenforst bereits Hilfsgelder zur Verfügung gestellt und diese vor kurzem nochmal um 52 Millionen Euro für ganz Sachsen erhöht. Wie viel davon in den Kreis Görlitz fließen wird, ist aber noch unklar. Umweltminister Wolfram Günther: »Wir haben dringenden Handlungsbedarf im sächsischen Wald. Die Schäden sind dramatisch. Es droht, dass große Teile des Waldes ihre zentralen Funktionen verlieren. Darüber hinaus ist das nicht nur eine Frage des Naturschutzes und der Forstwirtschaft, sondern auch des Tourismus und der Identifikation der Bürgerinnen und Bürger mit ihrer Heimat.«

Die Holzpreise sind im Keller

Dem Kreisforstamt obliegt die Aufsicht und der Forstschutz. Es muss dafür sorgen, dass die Waldbesitzer ihren Verpflichtungen nachkommen. Doch das ist nicht einfach. „Das Thema ist sehr komplex, es gibt sehr viele Waldeigentümer“, sagt Landrat Bernd Lange. Sie alle unter einen Hut zu bringen sei schwierig. „Mancher verliert auch einfach die Lust, aber wir brauchen die Waldeigentümer in dieser Situation.“

Der Landkreis hat im März 2019 eine Allgemeinverfügung erlassen, die Waldeigentümer dazu verpflichtet, von Oktober bis März mindestens drei Mal auf Käferbefall zu kontrollieren. Befallenes Holz ist umgehend zu beräumen. Auch für 2020/21 soll es eine solche Verfügung geben. Doch ob das wirkt? Die Holzpreise sind aktuell im Keller, dadurch reichen die Einnahmen der Waldbesitzer nicht mal mehr, um die Kosten für die Schadholzberäumung zu decken. Zwar gibt es Fördermöglichkeiten, aber allein mit Geld für die Waldbesitzer lässt sich das Problem nicht lösen. Es bräuchte etwa fünf Millionen Bäume, um die bisher betroffenen Flächen wieder zu bepflanzen. Doch die vorhandenen Forstbaumschulen können so viele Pflanzen gar nicht liefern und es gibt auch zu wenige Unternehmen, um so viele Bäume zu pflanzen.

Dazu hat der Landrat schon eine Idee: „Die Teilnehmer bei Fridays for future könnten ja nicht nur demonstrieren, sondern sich am Waldumbau beteiligen.“ Das Gymnasium in Niesky pflanze beispielsweise schon Bäume im Wald. Er wünscht sich, dass sich noch mehr Schüler daran beteiligen, auch wenn das allein das Problem nicht lösen wird.

Einstellen will der Landkreis jetzt zwei Borkenkäfererfasser. Passende Kandidaten werden aktuell gesucht. „Eigentlich werden die Borkenkäfer von den Revierleitern erfasst. Im Normalfall schaffen sie das auch“, sagt Sylvia Knote. Jetzt brauchen sie aber Unterstützung.

Ziel ist es, den schon laufenden Waldumbau hin zu gemischten Beständen möglichst schnell voranzutreiben. Nur wachsen viele infrage kommende Baumarten nicht so schnell wie Fichten, damit können Waldbesitzer auch weniger Einnahmen generieren. Auch das macht die Situation nicht eben einfacher.

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