Silke Richter/mlh

Ein schönes Zuhause auf Zeit

Schwarzkollm. Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) Lausitz Pflege- und Betreuungs gGmbH engagiert sich seit vielen Jahrzehnten auch in der Kinder- und Jugendhilfe. Im ehemaligen Schullandheim Waldesruh bei Schwarzkollm ist kürzlich neues Leben eingezogen.

Es rumpelt im Treppenhaus. Kinderlachen tönt durch die Etagen. Das gemeinsame Mittagessen ist an diesem Tag bereits Geschichte. Die zurückgelassenen Teller in der Küche offenbaren, dass es heute Pellkartoffeln mit Quark und Leinöl gegeben hat.  Der Abwasch bleibt erst mal stehen. Andere Dinge sind jetzt wichtiger.

Ein Junge steht im Flur und scheint etwas ratlos. Eine kleine Meinungsverschiedenheit liegt im Raum. Er sucht Rat bei Marko Galle-Höhne. Der Erzieher weiß sofort, was zu tun ist. Wenig später ist die Unstimmigkeit zwischen den beiden Kindern vom Tisch. Hier geht es zu wie in einer großen Patchworkfamilie. Ein völlig normaler Alltag. Mit klaren Strukturen und einem gemeinsamen Miteinander, das dem einer intakten Familie sehr nahekommt.

Seit August dieses Jahres ist in das ehemalige Schullandheim Waldesruh, das zuletzt von der Evangelischen Jugendarbeit genutzt wurde, wieder Leben eingezogen. Das Gebäude gehört der Arbeiterwohlfahrt Pflege- und Betreuungs gGmbH Lausitz, die sich seit mehreren Jahrzehnten auch im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe engagiert. Die erfolgreiche Trägerorganisation betreibt bereits ähnliche Einrichtungen in Lippen und in der Hoyerswerdaer Schulstraße. Seit August ist diese besondere Wohnform mit Familienorientierung für Kinder und Jugendliche nun auch in Waldesruh möglich.

Ein reger Kontakt zur Familie bleibt wichtig

Momentan leben hier sechs Kinder, die im Landhaus ein zu Hause auf Zeit gefunden haben. Die stark ausgeprägte Vernetzung mit professionellen Ansprechpartnern, die gemeinsame Zusammenarbeit mit den jeweiligen Familien verbunden mit der Rückführung des Kindes in sein Elternhaus ist dabei das oberste Ziel. Innerhalb der AWO-Betreuungs- und Hilfsangebote werden zielorientiert Konfliktmuster, Defizite, aber auch Ressourcen und Stärken in den betroffenen Familien analysiert und dokumentiert, um den Eltern und Kindern aktive Hilfestellungen anbieten zu können. »Uns ist es sehr wichtig, einen sehr engen und regen Kontakt zu den Familien aufrecht zu erhalten um die Beziehung zwischen Eltern und Kindern nachhaltig stärken und verbessern zu können«, erklärt Marko Galle-Höhne das Grundanliegen. 

Gründe, warum Eltern die Fürsorge und Erziehung für ihre Kinder nicht (mehr) leisten können, sind sehr vielschichtig. Diese Entwicklung mache vor keiner sozialen Schicht halt. Es kann jeden treffen, lehrt hier die Erfahrung. Die Ursachen sind tiefgreifend und können nicht selten in der Kindheit der eigenen Eltern, in der gesellschaftlichen Entwicklung oder im Umgang mit dem Freundes- und Bekanntenkreis begründet liegen.  Drogen, Gewalt, Verwahrlosung und soziale Abstürze bedienen oftmals nur das mit Vorurteilen geprägte vorherrschende Klischeedenken, wenn es in der Gesellschaft um die Bezeichnung »Heimkind« geht.

»Sehr häufig fehlt in den Familien heutzutage das Miteinander. Zudem steigt der Druck, um Normen, Werten und Ansprüchen gerecht zu werden. Da sind Überforderungen nicht selten«, nennt AWO-Fachbereichsleiterin Jeanette Paulick einige Ursachen. In anderen Fällen liegt wiederum »nur« eine Bindungsstörung zum eigenen Kind vor, berichtet Katja Bachmann.

In vielen Fällen sei dann ergänzend eine zeitliche wie auch räumliche »Auszeit« zwischen Kind und Eltern sehr hilfreich. Distanz schafft somit oftmals (wieder) Nähe. Eine sehr gute Basis, um die weitere und darauf aufbauende Bindungsarbeit zwischen Eltern und Kind positiv und nachhaltig beeinflussen zu können.
»Es hilft sehr, wenn in solchen Situationen jeder Beteiligte aus der Familie für sich selbst zur Ruhe kommen kann. Der gewonnene Abstand ermöglicht einen anderen Blick auf das Geschehene und bietet neue Lösungsansätze für ein neues und harmonisches Miteinander«, erklärt Marko Galle-Höhne.

So läuft der Alltag im neuen Landhaus

Der Erzieher hat an jenem Mittwoch Tagschicht. Angefangen vom morgendlichen Aufstehen, gemeinsamen Frühstück, Schulwegbegleitung und Abholung, miteinander Kochen und Hausaufgaben erledigen bis hin zur Freizeitbeschäftigung und abendlichen Zubettgehen übernehmen die Erzieher alle anfallenden Aufgaben des Alltages. Als Ersatzeltern auf Zeit sehen sie sich ganz bewusst nicht, wenngleich die Mitarbeiter rund um die Uhr für die Mädchen und Jungen feste Ansprechpartner, Seelentröster, Erziehungsberater, Schuh-Zubinder, Koch, Tränentrockner, Freund und Zuhörer gleichermaßen sind.

Es ist jetzt kurz vor 15 Uhr. Vesperzeit im Landhaus. Der Duft von saftig, frischer Melone zieht durch den Gemeinschaftsraum. Die Jungen und Mädchen helfen ganz selbstverständlich mit, schneiden das Obst auf und decken den Tisch. Wenig später wird gemeinsam gegessen und über den Tag gesprochen, bevor es hinaus in den Garten geht.
Es wird gespielt, getobt, gelacht und geweint. Mit sehr viel Liebe, Geborgenheit, Spaß und professionellen Wegbegleitern an der Seite. Hand in Hand mit den Eltern. Für ein schöneres Familienleben.

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