Andre Schramm

Nur ein Stempel

Es ist Freitagnachmittag. In einer Plattenbausiedlung am Meißner Stadtrand sitzt der Bundesinnenminister bei Limo, Melone und Kuchen am Tisch der Jovics. Für die Familie aus Serbien ist Meißen ihr neues Zuhause. Für immer?
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Die Wohnung im fünften Geschoss ist einfach eingerichtet – Schrankwand, Sofa, Röhrenfernseher. "Greifen Sie zu", meint die Tochter Emilija als sich de Maizière in die Sitzecke hinter allerhand Süßkram zwängt. Sie spricht erstaunlich gut Deutsch.  Verfolgte Warum sind sie hier, will de Maizière wissen.  Die 16-Jährige berichtet davon, wie schwer sie es als Roma gehabt hätten. Der Vater sei geschlagen worden, der Familie habe man Gewalt angedroht. Im öffentlichen Leben werde die Minderheit oftmals ausgegrenzt, beispielsweise wenn es um Arbeit geht. Man fasste den Entschluss, Serbien zu verlassen. Von Karlsruhe aus ging es über mehrere Stationen nach Chemnitz in die Erstaufnahmeeinrichtung und schließlich weiter nach Meißen. Sieben Monate ist das nun her.  Erstaufnahme und zurück Nach den Plänen von de Maizière und seinen Kollegen in den Ländern, sollen Flüchtlinge mit schlechten Bleibechancen künftig schneller zurückgeführt werden können. "Das betrifft vor allem jene Menschen, die aus sicheren Herkunftsländern zu uns kommen", sagt er.  Geplant sei, dass sie nicht mehr die Erstaufnahmeeinrichtung verlassen. Er habe Signale von seinen Amtskollegen aus dem Ausland. "Wenn ihr das drei, vier Monate macht, spricht sich das herum und die Menschen probieren es erst gar nicht mehr", hätten sie verlauten lassen.  Patenfamilie Und was passiert mit den Jovics? Die lernen unterdessen Deutsch, gehen zur Schule und finden Freunde, wie das Ehepaar Zschieschang, das ein paar Stockwerke weiter unten wohnt. Durch ein Missgeschick haben sie sich kennen gelernt. "Ich war am Hauseingang gestürzt und Herr Jovic half mir", erinnert sich Regina Zschieschang. Sie und ihr Mann schwärmen von den neuen Hausbewohnern. "Sie können sich nicht vorstellen, wie verängstigt die Familie war, als sie aus Chemnitz hier ankam", sagt Frau Zschieschang. Inzwischen sei das anders. Das ältere Ehepaar nimmt die Neuen mit zum Grillnachmittag in ihren Garten und plant schon den nächsten Ausflug in den Saurierpark Kleinwelka. Dabei hätten sie eigentlich genug mit ihren eigenen Enkeln zu tun.  Zivilisationsverlust Erwartungsgemäß ist an dem Abend auch der Brandanschlag auf die Asylbewerberunterkunft in Meißen ein Thema. "Ich finde das sehr traurig, zumal es in Meißen bisher keine Probleme gegeben hatte, genauso wenig wie in Lübeck", sagt de Maizière. Dieses Jahr hätten die Behörden bundesweit schon 150 Angriffe auf Asylbewerber registriert. Das sei jeden Tag ein Vorfall gewesen oder so viel wie im gesamten letzten Jahr. Er weiß, dass es in Meißen eine Bewegung gibt, die gegen Asylsuchende Stimmung macht. "Die Verrohung unserer Sprache in diesen Netzwerken spottet jeder Beschreibung. Der Zivilisationsverlust ist wirklich ein Problem", sagt er. Allerdings dürfe man seiner Ansicht nach die Größe dieser Bewegungen nicht überbewerten. Dort suchten Leute nach Selbstbestätigung, die Kreise seien überschaubar. Man solle sich nicht einschüchtern lassen, lautet sein Appell.  Bitte mehr Dolmetscher Der Landkreis Meißen verfolgt eine dezentrale Unterbringungsstrategie. Von den 1.300 Asylbewerbern dieses Jahr wurden 850 in Wohnungen untergebracht. Damit steigt der zeitliche Aufwand für die Sozialbetreuer. Ein Betreuer muss sich um 150 Flüchtlinge kümmern. Bei der Diakonie wünscht man sich einen Schlüssel von 1:100 und mehr Unterstützung im Bereich der Dolmetscher. "Sie sind für unsere Arbeit und den Erfolg enorm wichtig", sagt Gerlinde Franke von der Diakonie. Bunter Garten Für Meißen kündigte Pfarrer Bernd Oehler ein neues Projekt an - einen bunten Garten. "Idee ist es, damit etwas Heimat für die Flüchtlinge zu schaffen, wenn auch nur auf ein paar Quadratmetern, wo sie Obst und Gemüse anbauen können", sagte Oehler, der auch Mitglied im Bündnis Buntes Meißen ist. Ein ähnliches Projekt gibt es schon sehr lange in Dresden. Für die Anlage in Meißen stellt die Johanneskirchgemeinde voraussichtlich ein Areal Am Langen Graben zur Verfügung. Meißen: Das Zuhause für immer? Der Minister dämpft die Erwartungen. "Ob Sie politische Verfolgung geltend machen können, wird man sehen", sagt de Maizière am Esstisch. Es klingt irgendwie nicht danach. Eine endgültige Entscheidung steht aber noch aus. Heinz Zschieschang schüttelt den Kopf und sagt, dass man für Roma da unten nicht viel übrig habe. Der Minister kennt die Probleme. Auf dem Papier ist Serbien dennoch ein sicheres Herkunftsland. "Den Stempel können Sie doch rein machen", entgegnet Frau Zschieschang. Thomas de Maizière zu Besuch bei Familie Jovic in Meißen. Emilija (16) besucht eine Schule in Coswig und zeigte dem Minister auch ihr Zeugnis. Foto: Schramm


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