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Wieder Schockanrufe im Landkreis Görlitz

Betrüger versuchen derzeit im Landkreis Görlitz wieder verstärkt, mit Schockanrufen an das Ersparte ihrer Opfer zu kommen. Im Visier stehen dabei vor allem ältere Menschen. Die Polizei will mit einem neuen Projekt verstärkt gegen die Trickbetrüger vorgehen.
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Telefonbetrüger nehmen vor allem ältere Menschen ins Visier. Sie geben sich dann beispielsweise als Enkel oder Polizeibeamter aus oder versprechen diverse Gewinne. Eine andere Masche ist der falsche Microsoft-Mitarbeiter, der behauptet, einen Trojaner vom Computer entfernen zu müssen. Foto: Sabine van Erp auf Pixabay

Telefonbetrüger nehmen vor allem ältere Menschen ins Visier. Sie geben sich dann beispielsweise als Enkel oder Polizeibeamter aus oder versprechen diverse Gewinne. Eine andere Masche ist der falsche Microsoft-Mitarbeiter, der behauptet, einen Trojaner vom Computer entfernen zu müssen. Foto: Sabine van Erp auf Pixabay

Eine Seniorin in Reichenbach ist am Dienstagnachmittag beinahe auf Betrüger hereingefallen. Am Telefon meldete sich bei ihr mehrmals am Tag eine junge Frauenstimme und forderte sie auf, Amazon-Gutscheine im Wert von jeweils 50 Euro zu kaufen. Die Dame machte sich schließlich auf den Weg zum Supermarkt. Einer aufmerksamen Passantin fiel das nervöse Verhalten der Rentnerin auf. Sie entlarvte den Betrugsversuch und informierte die Polizei. Ein finanzieller Schaden entstand nicht. Es war nicht der einzige derartige Betrugsversuch, der der Polizei in den vergangenen Tagen bekannt wurde. In mindestens 20 weiteren Fällen versuchten Betrüger im Landkreis Görlitz mit Schockanrufen ältere Personen um ihre Ersparnisse zu bringen. Im Revierbereich Zittau-Oberland registrierte die Polizei elf Anrufe, im Bereich Görlitz wurden neun derartige Betrugsversuche bekannt. Am Telefon meldeten sich falsche Polizeibeamte oder weinende vermeintliche Enkel der Angerufenen. Letztere hätten bei einem Verkehrsunfall eine Person getötet und benötigten nun Beträge bis zu 50.000 Euro, um nicht ins Gefängnis zu kommen. Die Betrüger fragten als Zahlungsmittel auch nach Münzen und Gold. Zu einer Geldübergabe kam es in keinem der Fälle.

Telefonbetrüger erbeuten über 18.000 Euro

Dass es nicht immer so glimpflich, also ohne materiellen Schaden für die Betrugsopfer, ausgeht, zeigt ein aktueller Fall aus Friedersdorf. Kriminelle gaben sich Anfang Februar gegenüber einem Ehepaar am Telefon als Polizisten aus Görlitz aus. Die falschen Beamten schilderten einen schweren Verkehrsunfall des Sohnes der beiden Senioren. Damit dieser wieder freigelassen werden könne, müsse das Paar eine Kaution zahlen. Das Telefonat dauerte über vier Stunden. Die Frau übergab an ihrer Wohnanschrift schließlich 18.500 Euro an einen Kurier. Am gleichen Tag wurden der Polizeidirektion Görlitz fünf weitere derartige Fälle bekannt. So versprachen Betrüger beispielsweise einer 81-Jährigen in Niesky nach einer Rentenverlosung einen Gewinn von 39.000 Euro. Als Transportgebühr müsse sie jedoch 900 Euro an einen Boten entrichten. In weiteren Fällen meldeten sich die Betrüger wieder als falsche Polizeibeamte oder Angestellte eines Rechtsanwaltsbüros. In allen Betrugsfällen übernahm die Kriminalpolizei die Ermittlungen und rät weiterhin zu höchster Wachsamkeit: „Gehen Sie nicht auf Geldforderungen am Telefon ein. Sprechen Sie zuallererst mit Angehörigen und der Polizei über solche Vorfälle - so viel Zeit muss sein. Die Täter wirken mitunter äußerst professionell und versuchen Sie emotional einzuwickeln. Lassen Sie sich davon nicht aufs Glatteis führen. Anrufe von angeblichen Verwandten in Geldnot sollten Sie immer stutzig machen. Polizisten und Staatsanwälte klären Geldangelegenheiten niemals am Telefon.“

Sächsisch-polnisches Projekt gegen Trickbetrug

In den vergangenen drei Jahren sind die Fälle von Trickbetrug in Sachsen stark angestiegen. Allein in der Polizeidirektion Görlitz gab es in diesem Zeitraum mehr als 500 Vorfälle. Der finanzielle Schaden für die Betrugsopfer belief sich auf insgesamt über 300.000 Euro. Nicht zuletzt schwächen Anrufe falscher Polizeibeamter das Vertrauen in die Polizei. Mit dem EU-Projekt »Sicherer Grenzraum für Senioren« will die Polizeidirektion Görlitz in Kooperation mit der KWP Wroclaw nun verstärkt dagegen vorgehen.

Wie handeln die Täter?

Vor allem ältere Personen gelangen immer wieder ins Visier der Betrüger. Diese geben sich am Telefon meistens als Verwandte oder als Polizisten aus. Sie gaukeln vor, in einer Notsituation oder einem finanziellen Dilemma zu stecken. Anschließend bitten sie um eine Geldspritze. Eine der gängigsten Maschen ist der Enkeltrick. Dabei geben sich die Betrüger als Enkel aus, die ein Haus oder Auto kaufen wollen oder gerade einen Unfall verursacht hätten und ohne einen bestimmten Betrag ins Gefängnis kämen. Auch das Gewinnversprechen zählt zu den Methoden der Trickbetrüger. Sie verkünden den Seniorinnen und Senioren am Telefon, dass diese die glücklichen Gewinner einer Verlosung seien. Bevor der Gewinn gezahlt werden kann, seien jedoch Gebühren beispielsweise für Notarkosten fällig. Zuletzt nutzten die Täter auch die Corona-Pandemie. Dabei erfanden sie Geschichten über Angehörige, die schwer erkrankt wären und ohne ein bestimmtes Medikament in den nächsten Tagen sterben würden. Sie forderten Geld für die Medizin. Die Anrufer setzen ihre Opfer emotional derart unter Druck, dass diese einwilligen und oftmals ihre Lebensersparnisse verlieren.

Was will das Projekt leisten?

In den kommenden zwei Jahren stehen bei dem Projekt drei Ziele im Vordergrund. Zum einen will die Polizei den Austausch stärken, dazu ein System erarbeiten, mit dem Erkenntnisse und Erfahrungswerte bei der Bekämpfung von Trickbetrügen in der Grenzregion ausgetauscht werden können. Zweites Ziel ist es, durch mehr Aufklärung ein Bewusstsein für die Betrugsmaschen zu schaffen.  Eine Aufklärungskampagne in den Grenzgebieten soll Bewusstsein bei Senioren, deren Angehörigen sowie bei Angestellten verschiedener Institutionen wie Banken und Gemeinden beim Thema Telefonbetrug schaffen. „Eine Plakat-Aktion in der Öffentlichkeit ist Teil der Kampagne“, teilt die Polizeidirektion Görlitz mit. Drittes Ziel des Projekt ist die weitere Schulung von Polizeibeamten, um so das Fachwissen der Kriminalisten an den deutschen und polnischen Polizeistandorten zu steigern. Auch die technische Infrastruktur soll erweitert und damit die polizeiliche Ermittlungsarbeit erleichtern werden. Für das Vorhaben stehen in den kommenden zwei Jahre insgesamt mehr als 400.000 Euro zur Verfügung. Davon stammen rund 355.000 Euro aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE).


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