Stefan Staindl

»Wir brauchen das Pfingstfest im Alltag«

Region. Gleich zwei christliche Feste funkeln in der Ferne: Am 26. Mai werden Christi Himmelfahrt und am 5. Juni das Pfingstfest gefeiert.

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Christof Enders ist Superintendent im Kirchenkreis Bad Liebenwerda.

Christof Enders ist Superintendent im Kirchenkreis Bad Liebenwerda.

Foto: Stefan Staindl

Können Sie kurz erklären, was die Christen an diesen beiden Tagen feiern?

Himmelfahrt findet 40 Tage nach Ostern statt. Dieser Rhythmus basiert auf Berichte in der Bibel, die darauf verweisen, dass Jesus nach seiner Auferstehung den Jüngern noch 40 Tage lang nah war. Für sie steht fest, dass er nicht wirklich gegangen ist und mit ihnen immer noch in einer Beziehung steht. Aber sie ringen mit sich, in welcher Form Jesus noch bei ihnen ist. Dieses Ringen ist Himmelfahrt und Pfingsten beendet. Da wird ihnen klar, dass es mit der unmittelbaren Präsenz von Jesus vorbei ist. Für die Jünger war diese Erkenntnis sicherlich eine depressive Episode. Die Freunde von Jesus rücken eng zusammen, begeben sich in ein Haus, schließen Fenster und Türen und machen dann die Pfingsterfahrung, die die Bibel mit viel Wind und Feuer beschreibt. Sie gehen hinaus und sind von ihrer Depression – die Angst des Verlustes Jesu - befreit. Sie wissen, Jesus ist nicht verloren. Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes. Christen wissen, Gott ist bei ihnen und sie können im Sinne von Jesu leben und handeln. Pfingsten ist die Geburtsstunde der Kirche, ein Neuaufbruch, ein Sich begeistern lassen vom Glauben.

Christi Himmelfahrt und das Pfingstfest sind mit dem vorangegangenen Osterfest verbunden. Wie eng ist diese Verbindung?

Es ist eine ganz stringente Folge mit Abschied, Sterben, Auferstehen, Dasein, in den Himmel fahren und mit dem Heiligen Geist, der uns ermöglicht, neu anzufangen. Es ist eine kompakte Verbindung mit logischer Ordnung. Das ist großes Kino, was da passiert. Jeder Blockbuster funktioniert nach diesem Schema. Der Held kommt gut an, es gibt die erste Krise, eine dramatische Krise und dann die Auferstehung des Helden. Die Hoffnung, dass am Ende alles gut wird, ist eine Kraft, die wir in uns tragen und eine Sehnsucht, die wir alle haben. Das spüren auch Menschen, die nicht in der christlichen Kirche sind.

Jesus, Gottes Sohn, ist an Christi Himmelfahrt zu seinem Vater zurückgekehrt. Nach theologischem Verständnis ist »Himmelfahrt« jedoch nicht wörtlich zu nehmen. Wie verstehen Sie demnach diese Rückkehr zum Vater?

Niemand weiß, wie diese Rückkehr stattgefunden hat. Es gibt kaum Berichte darüber. Ich betrachte das immer von der Wirkmächtigkeit her. Wir können feststellen, dass wir jetzt eine christliche Kirche mit weltweit 2,5 Milliarden Christen haben. Am Anfang war so eine starke Energie, die die Initialzündung dafür gegeben hat. Zwischen Ostern und Pfingsten hat sich diese Energie aufgebaut – wie auch immer der Schöpfer das geschafft hat. Man muss es von seiner Wirkung betrachten und es nicht als ein singuläres Ereignis sehen. Die Quellen, die davon berichten, kann man historisch faktisch nicht auswerten. Diese Berichte sind sehr stark von der Erfahrung des Glaubens überprägt. Himmelfahrt kann man historisch nicht greifen. Das wäre für mich auch eine Banalisierung des Vorganges.

Gibt es Rituale, die in den Kirchen und während der Gottesdienste an Himmelfahrt und Pfingsten festgeschrieben sind?

Unser Ritual ist der Gottesdienst. Den gibt es an Himmelfahrt und Pfingsten natürlich besonders festlich. Pfingsten wird zunehmend gern konfirmiert. Junge Menschen sagen Ja zum Glauben und bringen wieder frischen Wind in die Kirche. Was wir eigentlich brauchen ist ein alltägliches Ritual. Wir brauchen das Pfingstfest im Alltag. Frühmorgens mit dem Morgengebet, um inne zu halten, um sich zu orientieren, sich auf den Tag vorzubereiten und sein Verhalten zu überdenken.

Nach christlichem Verständnis schickte Gott an Pfingsten den Heiligen Geist auf die Erde. Was genau ist der Heilige Geist, der ja ebenso ein Teil Jesu wie auch ein Teil Gottes ist?

Wir unterscheiden in der christlichen Trinität in Vater, Sohn und Heiliger Geist. Jeder Teil dieses Gottesbildes hat seinen eigenen Schwerpunkt. Wir haben Gott als Vater und Schöpfer, Jesus, der Mensch geworden ist und den Heiligen Geist, der die Spiritualität und die geistliche Bewegung bringt. Der Heilige Geist wird in der Bibel als Hauch, Wind und Feuer beschrieben. Er selbst beschreibt einen Vorgang: Jesus ist nicht mehr da. Was bleibt ist das Begeistert sein vom Glauben als Resonanz auf den Heiligen Geist. Es entstand eine Aufbruchsbewegung mit vielen Gemeindegründungen. Eine Bewegung, die versucht hat, die Unterschiede zwischen Menschen und Geschlechtern zu minimieren. Die urchristlichen Gemeinden waren sehr freiheitlich denkende Gemeinschaften.

Inwieweit ist für Sie heute dieser Heilige Geist noch spürbar?

Der Heilige Geist ist jeden Tag am Wirken. Jede liebevolle Beziehung ist im christlichen Sinn ein Werk des Heiligen Geistes - und so hat es sich der Schöpfer auch gedacht. Deswegen entsendet er den Heiligen Geist, damit das zunimmt. Die Frage ist, ob wir das immer wahrnehmen und ob wir das auch als solches bezeichnen. Christliche Gemeinschaft denkt darüber nach, wie wir am besten miteinander leben können und wie wir das fördern können. Gottesdienste geben hier Christen Orientierung. Früher haben die Menschen fünfmal am Tag gebetet, um sich einzunorden und dann bewusst nach christlichem Maßstab durch den Tag zu gehen. Das haben wir heute nicht und das ist ein Verlust in der Gesellschaft. Wir verlieren diese Grundorientierung immer mehr, weil wir uns nicht an sie erinnern. Das ist ein echtes Problem. Es ist heute keine Gruppe da, die so stabil ist, dass sie das noch stärker prägen kann. Die Kirche versucht das, aber die Kräfte schwinden. Doch Menschen suchen nach Orientierung. Das ist auch der Grund, warum verrückte Parteien Erfolg haben. Sie versprechen Menschen etwas mit billigen Sprüchen. Schuld sind nicht sie selbst, sondern immer andere. Doch Christen können mit eigenem Leid umgehen, weil Gott von Anfang an sagt, dass er sie liebt, sie mit ihrem Leid nicht allein sind und es für sie die Tür der Hoffnung auf Besserung gibt.

Was können wir modernen Menschen persönlich aus Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten für unseren Alltag mitnehmen?

Eine schöne Frage. Ostern zeigt, dass wir Gott und Jesus nah sein können, obwohl Jesus an Karfreitag gekreuzigt wurde - und das ist unser Glück. Diese Erfahrung ist heilsam. Himmelfahrt zeigt uns, dass die Erfahrung der Nähe Gottes kein dauerhafter Zustand, sondern nur ein punktueller Zustand ist. Es gibt im Alltag immer Himmelfahrt, Momente, wo Gott nicht da ist. Aber es gibt die berechtigte Hoffnung, dass Gott mir in anderer Weise nah ist, sprich in der Form des Heiligen Geistes. Das symbolisiert das Pfingstfest. Da kann man darauf bauen. Der Heilige Geist ist sehr alltäglich. Das ist das Schöne.

• Gottesdienste an Himmelfahrt und Pfingsten im Kirchenkreis Bad Liebenwerda