Bernd Witscherkowsky

Weil die Kornkammer brennt

Friedersdorf. Jeden Morgen fürchtet sich Irina Simmchen ihr Handy einzuschalten. Zu groß ist für die Tochter ukrainischer Eltern die Angst vor schlechten Nachrichten aus ihrer Geburtsstadt.
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Seit 2011 lebt die die junge Frau (27) in Deutschland, hat in Freiberg Landbau studiert und an der Uni ihren Lebensgefährten Stephan Sachs (31) aus Hoyerswerda kennengelernt. Beide verliebten sich zudem in einen maroden Vierseitenhof im Elbe-Elster-Örtchen Friedersdorf. Den bauen sie seit Weihnachten 2021 nach und nach zu ihrem Familiennest aus und sind auch schon ein gutes Stück vorangekommen. Gern hätte Irina auch ihre ukrainischen Verwandten, Großeltern, Onkel und Tanten an dem kleinen, neuen Familienglück teilhaben lassen – wäre da nicht dieser unglücksselige 24. Februar gewesen.
 

Putins erstes Opfer

 
»Meine Stadt wurde das erste Opfer von Putins Überfall auf unser Land. Mit dem Luftschlag auf die Luftbasis in Iwano-Frankiwsk fand das friedliche Leben dort ein jähes Ende. Nichts ist seitdem mehr wie es einst war«, so die Neu-Friedersdorferin gegenüber dem WochenKurier. Spontan dachten Irina und Stephan nur an eines: Den Menschen dort muss geholfen werden! Und so starteten die beiden eine Hilfsaktion, von deren Ausmaßen sie noch vor gut drei Wochen nichts ahnen konnten. Sie sammelten Hilfsgüter und waren förmlich überwältigt von der Solidarität der Menschen aus Friedersdorf und dem ganzen Elbe-Elster-Kreis. Stephan Sachs dazu: »Schon kurze Zeit später stapelten sich in unseren Scheunen und Schuppen rund zehn Kubikmeter Babynahrung, Windeln, Hygieneartikel, Tierfutter, Kleidung, Decken und sehr viel an medizinischem Bedarf«. Doch wie all diese dringend benötigten Güter zu den Menschen im Karpatenvorland bringen?
 

Odyssee ins Ungewisse

 
Auch dafür fanden die findigen Helferinnen und Helfer eine Lösung. Allerdings eine, die man durchaus als Odyssee bezeichnen darf. Wenngleich auch der Weg das Ziel war, keine einfache Aufgabe und schon gar nicht planbar. »Zum Glück konnte mein Vater eine ukrainische Spedition auftreiben, die bereit war, die Hilfsgüter ins Kriegsgebiet zu transportieren. Allerdings gleich einen 40-Tonner, worin unsere knapp vier Tonnen Spenden förmlich verschwunden wären. Woraufhin wir uns mit dem Radeberger Stadtrat Frank Hoehme zusammentaten und sogar noch einen weiteren 40-Tonner auf die Reise schicken konnten. Allerdings durfte nur der ukrainische LKW die Grenze passieren, der andere musste umgeladen werden, hat sein Ziel, begleitet von bewaffneten Soldaten, inzwischen aber erreicht«, erinnert sich die junge Frau.

 

Jetzt erst recht!

 
Für die Helfer aus Friedersorf, trotz aller Widrigkeiten, umso mehr ein Ansporn weiter für die gute Sache zu sammeln. Nur diesmal zielgerichteter, damit besonders die Dinge ankommen, die aktuell gebraucht werden. Was sich am zweckmäßigsten mit Geldspenden realisieren lässt. »Wir konnten in der Kürze der Zeit natürlich keinen Spendenverein nach deutschem Recht gründen, haben aber eine anerkannte Partner-Plattform unter www.betterplace.me einrichten können. Dorthin überweisen wir auch umgehend alle Barspenden, die bei uns auch von Leuten abgegeben werden können, die mit dem Internet nicht viel am Hut haben«, verspricht Stephan Sachs.
 

Nicht einfach abwerfen

 
Und Irina Simmchen brennt noch etwas auf der Seele: »Bitte glaubt nicht den kursierenden Videos, dass die Hilfsgüter nicht angenommen würden. Diese Aussage ist falsch. Man muss sich nur richtig informieren wo genau Sach- und Geldspenden abgegeben werden können. Es bringt nichts, einfach spontan an die Grenze zu fahren und alles auf einen Haufen zu schmeißen. Auf der polnischen Seite kümmert sich kein Mensch darum, wie die Hilfsgüter letztlich in die Ukraine kommen. Liebe Menschen im Landkreis Elbe-Elster, liebe Friedersorfer, Oppelhainer, Rückersdorfer - liebe Nachbarn: Danke für die enorme Solidarität.« Und weil die »Kornkammer« Europas brennt, hilft auch jede kleine Spende beim Löschen.