Carola Pönisch

Organspenden niedrig wie nie

81 Prozent aller Deutschen befürwortet Organspenden, aber nur bei Neun von einer Million wird tatsächlich nach dessen Tod ein Organ entnommen. Woran liegt es, dass die Spenderrate so niedrig ist wie nie?
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10.000 Menschen warten bundesweit auf ein Spenderorgan.                                               Foto: horizont21, fotolia.com

10.000 Menschen warten bundesweit auf ein Spenderorgan. Foto: horizont21, fotolia.com

Krasser kann ein Unterschied derzeit kaum sein: Die übergroße Mehrzahl der Deutschen findet Organspende richtig und wichtig, aber mit einer Transplantationsrate von 9,3 Spendern pro einer Million Einwohner ist Deutschland nicht nur Schlusslicht bei hirntoten Organspenden, sondern läuft derzeit sogar Gefahr, aus dem Eurotransplant-Verbund ausgeschlossen zu werden. »Das wäre der Supergau für die Transplantation in Deutschland«, sagt Prof. Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand des Dresdner Uniklinikums. Dass es fünf vor Zwölf ist in Sachen Organspende zeigen die Zahlen: Bundesweit wurden 2017 nur 797 Organe transplantiert, in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt waren es gerade mal 96. Ein historischer Tiefpunkt. Zwanzig Jahre zuvor spendeten allein in den drei Bundesländern noch 167 Menschen Organe. Woran liegt es aber, wenn laut einer Erhebung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung vom Mai letzten Jahres 81 Prozent der Deutschen Organspenden befürworten, 32 Prozent sogar einen Ausweis ausgefüllt haben – aber an Dresdner Kliniken so gut wie keine Entnahmen stattfinden? Im St. Joseph Stift und im Diakonissenkrankenhaus spielt das Thema so gut wie gar keine Rolle, in den Dresdner Kliniken Friedrichstadt und Neustadt wurden 2017 jeweils drei, im Jahr zuvor insgesamt zwei Entnahmen realisiert und über Eurotransplant an andere Kliniken vermittelt, in den Elbland Kliniken sind es zwei bis fünf Entnahmen im Jahresschnitt. Am Uniklinikum wurden immerhin 54 Nieren (2016: 64) und dreimal körpereigene Inselzellen transplantiert. Gründe für die schlechten Zahlen gibt es mehrere: Zum einen herrsche in den Entnahmekliniken Kostendruck und Kapazitätsmangel. »Das wiederum führt dazu, dass Angehörige von hirntoten Patienten deutlich zu selten über Möglichkeiten einer Organspende aufgeklärt werden«, sagt Prof. Jürgen Weitz, Direktor der Klinik und Poliklinik für Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie am Uniklinikum. Zum anderen sei die zu geringe Vergütung der Hirntod-Diagnostik und Entnahme kein Anreiz für die Kliniken, an der gängigen Praxis etwas zu ändern. Die Skandale 2012 in Leipzig, Göttingen und München um »verschobene« Organe machten das Thema insgesamt auch nicht einfacher. »Wir brauchen dringend ein sächsisches Transplantationszentrum«, sagt Prof. Albrecht. »Seit 2013 diskutieren wir mit dem Sozialministerium und dem Uniklinikum Leipzig darüber.« Es sei höchste Zeit, die Transplantationsmedizin neu zu beleben. Fakten: Wie ist die Organspende geregelt?Zustimmungslösung: Der Verstorbene muss zu Lebzeiten einer Organspende zugestimmt haben (per Spenderausweis, Patientenverfügung). Gilt z.B. in Dänemark, Großbritannien, Litauen, Niederlande, Rumänien, Schweiz. Widerspruchslösung: Wurde zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen (Widerspruchsregister), kann transplantiert werden, gilt in fast allen europäischen Ländern (Belgien, Bulgarien, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Kroatien, Lettland, Luxemburg, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Schweden, Slowenien, Slowakei, Tschechien, Türkei, Ungarn, Zypern) Entscheidungslösung: Gilt in Deutschland seit 2012 - Krankenkassen informieren regelmäßig und legen den Infoschreiben Organspendeausweise bei. Steht die Frage akut und ist kein Ausweis vorhanden,  können die Angehörigen stellvertretend entscheiden.


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