Carola Pönisch

NS-Raubgutforschung an der SLUB

Heute (14. April) öffnet zum Tag der Provenienzforschung die neue virtuelle Ausstellung "Mind the Gap" zum Thema "Zehn Jahre Forschung zu NS-Raubgut"
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 Warum ist die Herkunft eines Buches zu hinterfragen? Wann handelt es sich um eine „verdächtige“ Provenienz, weil das Buch möglicherweise während des Nationalsozialismus geraubt wurde? Wie kann man den Weg eines Buches rekonstruieren und wie dessen ursprüngliche Eigentümer:innen identifizieren? Was geschieht danach? Vor welchen Herausforderungen steht die praktische NS-Raubgutforschung und wie kann man diese meistern – oder aus ihnen sogar einen Vorteil ziehen? Forschung seit 2011  Die Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek SLBU blickt 2021 auf zehn Jahre NS-Raubgutforschung zurück. In den vergangenen drei Jahren (2017-2020) konnte ein Projektteam an der SLUB, gefördert vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste, knapp 1.200 Provenienzmerkmale untersuchen und Verdachtsfällen von NS-Raubgut nachgehen.  Jana Kocourek, Abteilungsleiterin Handschriften, Alte Drucke, Landeskunde und Koordinatorin der Provenienzforschung an der SLUB, erläutert: „Das sind Exlibris, Stempel, Namenseinträge, oft auch nur Nummern in Büchern – Besitzspuren also, die die Bücher dadurch erst zu individuellen Kulturobjekten werden lassen und auf ihre Vorbesitzer:innen verweisen. Für etwa 200 Merkmale konnte eine Verfolgung ausgeschlossen werden, auch das ist ein wichtiges Ergebnis. 486 Merkmale weisen auf eine Verfolgung der vorbesitzenden Personen und Körperschaften aus rassischen, religiösen, weltanschaulichen oder politischen Gründen hin. In knapp 360 Fällen sind wir bereits zu wichtigen Erkenntnissen gekommen und konnten bislang 61 Bücher an rechtmäßige Erben restituieren. Die Rückgabe von weiteren mehreren hundert Büchern wird vorbereitet."  Die Ausstellung zeigt anschaulich, wie NS-Raubgut identifiziert und wie Vorbesitzer ausfindig gemacht werden können. Besucher begleiten die Forscher bei der Aufklärung von Herkunftsvermerken in drei Büchern, die die Schicksale der Schriftstellerin Ilse Weber, der Arbeiterbibliothek Rathenow und des Württembergischen Freidenker- und Monistenbundes vor und während der Zeit des Nationalsozialismus dokumentieren.  Nadine Kulbe, Kuratorin der Ausstellung: „Wir als Provenienzforscher waren in der täglichen Arbeit im Wesentlichen mit Lücken konfrontiert: in den Büchern selbst, in Archiven, in Zeitzeugenberichten. Wie kann man mit diesen Lücken umgehen, wie sie überwinden oder füllen? Auch das wollen wir mit der Ausstellung zeigen und haben ihr nicht zuletzt deshalb den sprechenden Titel mit Anspielung auf den Sicherheitshinweis in der U-Bahn gegeben.“ Die Ausstellung „Mind the Gap. Von geraubten Büchern, fairen Lösungen … und Lücken“ wird mit einem virtuellen Publikumsrundgang zum Tag der Provenienzforschung am 14. April 2021 um 17 Uhr eröffnet Hier ist die Ausstellung in der Deutschen Digitalen Bibliothek zu sehen


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