André Schramm

Ehrlich Kasse machen

Die meisten Sachsen sind ehrlich, wenns um ihre Steuersachen geht. Trotzdem wurde von den Finanzämtern im letzten Jahr ein Steuerschaden in Höhe von knapp 52 Millionen Euro aufgedeckt. In der Gastronomie wird wohl öfters kleingerechnet – noch. Die unbestechliche Kasse ist längst auf dem Weg, ebenso der "Steuer-Forensiker".
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In die 6. Etage des Finanzamts Dresden Nord kommt man nicht ohne weiteres. Die Namen an den Tür-Schildchen soll man am liebsten gleich wieder vergessen. Fotos sind ebenfalls tabu. Hier herrschen ein paar besondere Regeln. Hier sitzen Steuerfahnder und die sehen ihre Namen nicht so gern in der Zeitung, geschweige denn ihr Gesicht. IT-Spezis Die sächsischen Finanzämter, insbesondere die Mitarbeiter der „Steuer-Kripo“, stehen an einer Schwelle. Hinter ihnen liegen die Jahrzehnte der Aktenordner, vor ihnen das digitale Zeitalter der Terrabytes. „Bei Massendaten können sie händisch nicht mehr viel machen“, sagt Detlef Junge, Sachgebietsleiter am Finanzamt Dresden Nord. Unter den rund 100 sächsischen Steuerfahndern befinden sich deshalb auch neun Spezialisten, sogenannte IT-Fahnder. Sie sind eine Art Dienstleister für ihre Kollegen, wenn Beweise für Steuerhinterziehung auf dem Rechner oder Smartphone vermutet werden. Passwort: Passwort „Entweder sie sind bei der Hausdurchsuchung dabei und sichern die Daten gleich vor Ort. Ist das nicht möglich, werden die Geräte zur Datenaufbereitung mitgenommen“, so Junge weiter. Die Speichermedien werden dann mittels spezieller Programme nach Hinweisen durchforstet. Gelöschte Daten wiederherstellen, Passwörter knacken u.v.m. gehört zum Grundvokabular der IT-Experten. Dass die Deutschen sehr unkreativ bei ihren Schutzmechanismen sind und die selben Kombinationen auch für mehrere Anwendungen bzw. Geräte verwenden, erleichtert die Arbeit der „Steuer-Forensiker“ erheblich. Aus dem Datenwust entsteht am Ende ein grafisches Spinnennetz  von Personen/Unternehmen, das beispielsweise Aufschluss darüber gibt, wer, wo, wann mit wem Geschäfte gemacht hat. Auch Kommunikationsdaten spielen dabei eine Rolle. Bei "ebay" rumtreiben? Von Steuerfahndern, die sich angeblich als Käufer bei Ebay herumtreiben, um gewerbliche Verkäufer, die ja laut Steuererklärung keine sind, zu überführen, hat wohl jeder schon mal gehört. „Wir sind nicht als Testkäufer unterwegs, bekommen aber hin und wieder Hinweise auf gewerblichen Handel und gehen dem natürlich nach“, sagt Junge. Erhärte sich der Verdacht, werde ein Auskunftsersuchen an die Auktionsplattform gestellt. „Ebay arbeitet sehr schnell. Wir bekommen dann sämtliche Daten zu dem jeweiligen Händlernamen“, sagt der Referatsleiter. Etwa 100 solcher Fälle gibt es jedes Jahr. Manchmal handelt es sich bloß um eine Haushaltsauflösung hinter der manch Neider ein dickes Geschäft vermutet. Kann der Nachbar sich das leisten? „Petzen“, gerade in steuerlichen Sachen, ist nämlich nach wie vor angesagt. Von den 3.800 Fällen (Steuerschaden: 52 Millionen Euro) im letzten Jahr wurden rund 850 Fälle über anonyme Hinweise ausgelöst. Am meisten wurde bei der Umsatzsteuer (ca. 29 Mio. Euro) und bei der Einkommenssteuer (9 Mio. Euro) getrickst. Konsequenz: 400 Strafverfahren, 79 Jahre Haft und eine Million Euro Strafe. "Erhebliche Verschärfung" Finanzminister Georg Unland und seine Kollegen aus den Ländern wollen vor allem den Tricksereien an den Registrierkassen in der Gastronomie einen Riegel vorschieben und haben ein entsprechendes Gesetz auf den Weg gebracht. Demnach soll es ab 2018 sogenannte Kassenschauen (Überprüfungen) der Kassen geben – unangemeldet. Ab 2020 dürfen dann nur noch zertifizierte Kassensysteme eingesetzt werden (Übergangsfrist bis 2022 für ältere Kassen). Unland sprach von einer „erheblichen Verschärfung in diesem Bereich“. Grund seien die bestehenden Gestaltungsmöglichkeiten, Umsatz klein oder heraus zu rechnen. Die Investitionskosten tragen die Unternehmer selbst.  Verkaufsstände auf Weihnachtsmärkten oder Festen seien davon ausgenommen, hieß es.


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