wit 17 Kommentare

Auch kurze Beine müssen an die Leine

Luckaitztal. Immer wenn Heike Müller (40) ihre neun Collies zum Spaziergang durch den Chransdorfer Wald ruft, wedeln sie voller Vorfreude mit den Schwänzen. Bei Frauchen hält sich diese Freude allerdings in Grenzen, denn die Hundehalterin, die auch eine eigene Hundeschule leitet, wird in letzter Zeit argwöhnisch beobachtet.

Nicht von den drei bis fünf Wölfen, die in „Chransdorf-Forest“ vor gut zwei Jahren von einer „versteckten Kamera“ geschossen wurden, eher von Zeitgenossen mit deutlich vorgetäuschter Obrigkeitsfurcht im Eigeninteresse, wie sie vermutet.

Und so musste die diplomierte Verhaltensbiologin in letzter Zeit so manches Ordnungsknöllchen hinnehmen und zahlen. Allein weil es einem oder mehreren anonymen „Informanten“ nicht in den Kram passt, dass die Frau ihren Lieblingen hin und wieder ein wenig Freiheit ohne Leine schenken will. Ein teurer Spaß, der sie im Zweifel bis zu 20.000 Euro kosten könnte. Gesetz ist Gesetz und gilt auch für die kürzesten Beine, die im Wald etwas Spaß ohne Schnur und Strick suchen. 

Doch weil Heike Müller die artgerechte Haltung von Hunden sehr am Herzen liegt, sucht sie nun Betroffene und Mitstreiter, die eine Petition zur Abschaffung der Leinenpflicht in Brandenburgs Wäldern / Änderung des Waldgesetzes Brandenburg nach § 15 Abs. 8 LWaldG unterstützen wollen. Die Frau will nicht „jammern“, wie sie dem WochenKurier ausdrücklich sagte, erwartet auch keinen Freibrief für Hundehalter, aber eine „vernünftige Richtlinie der allgemeinen Rücksichtnahme und Wohlverhaltenspflicht für alle Waldbesucher“. So wie es etwa im Waldgesetz für den Freistaat Sachsen (SächsWaldG), im § 11 Abs. 2 SächsWaldG verankert ist. „Viele Hundehalter wissen gar nicht, dass sie sich gesetzeswidrig verhalten, wenn der Hund mal ohne Leine läuft. Diejenigen, die es wissen, haben nicht selten böse Erfahrungen mit aggressiven Jägern oder streitsüchtigen Waldbesitzern gemacht.

Zusätzlich leisten die Hundehalterverordnung sowie kommunale Vorschriften ebenfalls einen bösen Beitrag, um die Freilaufmöglichkeiten unserer Lieblinge im Land Brandenburg weitestgehend einzuschränken. Von artgerechter Haltung ist dieser ständige Leinenzwang weit entfernt“, wie sie sagt. Und als Verhaltensbiologin ist sie sich sicher: „Hunde brauchen freien Auslauf. Sie müssen ihrem Laufbedürfnis nachkommen können, die Umgebung erkunden und auch ungezwungen in Kontakt zu ihren Artgenossen treten.

Verschiedenste Möglichkeiten, einen Hund vernünftig und artgerecht auszulasten, sind angeleint so gut wie unmöglich. Alle möchten gut erzogene, gut sozialisierte Hunde. Wenn wir das wirklich wollen, dürfen wir sie aber nicht ständig an zwei Meter Schnur an uns binden, da sind Aggressionen vorprogrammiert.“ Nicht verwunderlich, wenn sie den allgemeinen Leinenzwang zur Disposition stellt, zumal die meisten Bundesländer tatsächlich deutlich freundlichere Waldgesetze verabschiedet haben als Brandenburg. Was die Frau aber besonders auf die sprichwörtliche Palme bringt, ist ein Grundwiderspruch: „Der Leinenzwang im Waldgesetz Brandenburg widerspricht der im Tierschutzgesetz geforderten artgerechten Haltung von Tieren.

Das Bestehen einander widersprechender Gesetze, zum einen das bundesweit geltende Tierschutzgesetz und das auf das Bundesland Brandenburg beschränkte Waldgesetz, bedeutet, dass der Hundebesitzer regelmäßig eine Entscheidung treffen muss, gegen welche Vorschrift er verstößt.

Gesetzeswidrig handelt er mit Leine und ohne Leine in jedem Fall.“ Heike Müller vermutet hinter diesen Widersprüchen Lobbyisten, die sich aus Jagdpächtern und Waldbesitzern rekrutieren sollen. Mehr als einmal kam es diesbezüglich schon zu Konfrontationen. „Besonders von Jägern bekommt man dann zu hören, dass das Wild schon genug mit den Wölfen zu kämpfen hätte. Kämen dann noch die Hunde in den Wald, hätten sie gar keine Chancen mehr ihre Abschussquoten zu erfüllen.“

Der Link zur Petitionsgeschichte:

https://www.openpetition.de/petition/online/abschaffung-der-leinenpflicht-fuer-hunde-in-brandenburgs-waeldern-aenderung-des-waldgesetzes

 

 

 

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Kommentar von Dorit Wieland
Frau Müller spricht das an, was allen Anliegen aller verantwortungsbewußten Hundehalter ist -den Hund als Hund halten könen und ihm artgerechtes Verhalten ermöglichen -Laufen, Toben, Artgenossen ungezwungen treffen, mit seinem "Rudel" unterwegs sein. wo anders als in freier Natur kann man die Freifolge bei Fuß oder das Fährten üben, sich verstecken und alle sinne des Hundes ansprechen???
Der Hund ist kein ausgesprochenes Sofatier, auch wenn viele das gerne so hätten.
Wir haben vorher in Sachsen gewohnt und für uns ist hier nach den ersten Anfeindungen durch übereifrige Behördenmitarbeiter der erste Anhörungsbogen zum Bußgeldverfahren ins Haus geflattert. Unsere Hunde liefen ohne Leine. Sie hetzen nicht und jagen nicht, werden bei Fahrzeugverkehr im Platz abgelegt, sind auf Pfiff bei uns - egal. Wir kennen verständnisvolle Jäger und Waldbesitzer, aber es gibt auch paragraphenreiter, die nur das Gesetz sehen und sicherlich selbst in jeder Ortschaft immer genau 50 fahren,nie am Steuer telefonieren. Die Regelung in Sachsen ist vernünftig und angemessen, die Regelung in Brandenburg stellt alle Hundehalter als unfähig hin, außer Jäger und Polizeihundeführer. Es gibt also auch bei den Hunden Klassenunterschiede- schade für das Tier.
Bitte verteilt den Artikel im gesamten Bundesland und beteiligt euch an der Petition - eure Hunde werden es euch danken.
Kommentar von Heike
Carmen, die Argumente auf Jägerseite sehen so aus, daß einer unserer Hunde absichtlich mit dem Auto angefahren wurde, dass uns im Wald aufgelauert wird, wir mit dem Auto durch den Wald gejagd werden, um uns Ordnungsknöllchen zu verpassen. Unsere Argumente sind leider lediglich sehr gut erzogene Hunde. Und selbstverständlich habe ich den Platz auf unserem Grundstück, um die Hunde ausreichend zu bewegen. Aber wer meint, dass es bei artgerechter Hundehaltung nur um Bewegung geht, hat überhaupt nicht verstanden, womit es mir bei der Leinenbefreiung geht.
Kommentar von Carmen
Klar wäre es schon, wenn Hunde im Wald frei herumlaufen dürften ( verbale Kontrolle des Halters vorausgesetzt) Aber das Gesetz besteht nun mal und vielleicht sollte man sich vor Anschaffung eines Hundes überlegen, ob denn der Platz auf dem Grundstück für einen Hund ( oder neun) genügend Raum für Auslauf bietet und eine artgerechte Haltung zulässt.. Ich kann die Jäger auch irgendwie verstehen, denn es laufen nicht nur Besitzer mit " erzogenen" Hunden ohne Leine durch den Wald und machen dann Schaden. Wo will man da eine Grenze ziehen? Vielleicht wäre ein Gespräch mit Argumenten von beiden Seiten hilfreich.
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Hände weg von den jungen Wilden!

Görlitz. Es ist Frühsommer und das Telefon der Wildtierauffangstation im Görlitzer Tierpark steht nicht still. So wie jedes Jahr. Regelmäßig kommen Anfragen besorgter Tierfreunde zu vermeintlich hilfsbedürftigen Rehkitzen, Waschbären, Füchsen, Vögeln und Co. Über Anrufe freuen sich die Mitarbeiter, kann auf diese Weise doch aufklärt werden. Die Freude über kerngesunde Jungtiere, die aus Unwissenheit mitgenommen und in die Wildtierauffangstation gebracht werden, hält sich hingegen in Grenzen. Auch wenn ein Eingreifen des Menschen aus ethischer Sicht zwar verständlich ist, ist es oft aber nicht zum Besten des Tieres. Die besten Betreuer für junge Wildtiere sind immer noch die eigenen Eltern. Aber wie erkennt Tierfreund, ob ein Jungtier tatsächlich in Not ist? Das ist in den allermeisten Fällen nämlich nicht der Fall. Elterntiere halten sich nicht rund um die Uhr bei ihren Jungen auf. Meist befinden sie sich jedoch in der näheren Umgebung. Nähert sich ein Mensch, trauen sie sich nicht zu ihrem Nachwuchs. Deshalb gilt für den Menschen in solchen Situationen: schnellstmöglich weg vom Fundort. Fühlen sich die Eltern ungestört, kehren sie nach kurzer Zeit zurück. Wer sichergehen möchte, dass es dem Jungtier tatsächlich gut geht, kann nach 24 Stunden nachschauen, ob es sich noch immer an derselben Stelle befindet. Fuchs- und Waschbärwelpen unternehmen übrigens schon relativ früh Ausflüge. Auch wenn sie sehr unbeholfen wirken, sie sind nicht verlassen, die Mutter sammelt sie wieder ein. Im Wald, auf der Wiese oder dem Feld liegt bewegungslos ein Rehkitz? Dann gilt auch hier: schnellstmöglich den Ort verlassen. Die Ricke wird zu ihrem Kitz zurückkommen, sobald der Mensch weg ist. Rehkitze sind sogenannte Ablieger, die bei Gefahr nicht weglaufen, sondern sich ducken und bewegungslos verharren, bis die Gefahr vorüber ist. Fieptöne sind kein Anzeichen für eine aktuelle Qual des Tieres, sondern der Hilferuf an das Muttertier, da sich das Kitz durch die Anwesenheit von Menschen bedroht fühlt.   Im Wald, Parks oder im Garten sitzen sie und fliegen nicht weg: junge Vögel die schon ihr Nest verlassen, bevor sie richtig fliegen können. Das ist ganz normal! Die Elternvögel füttern die auf dem Boden herumhüpfenden und bettelnden Jungen weiter.  Wer hier helfen möchte sollte Hunde und vor allem Katzen von den Jungvögeln fernhalten. Für diejenigen, die sich zu diesem Thema weiter informieren möchte hat das sächsische Staatsministerium ein umfassendes Faltblatt entwickelt. (https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/11129)Es ist Frühsommer und das Telefon der Wildtierauffangstation im Görlitzer Tierpark steht nicht still. So wie jedes Jahr. Regelmäßig kommen Anfragen besorgter Tierfreunde zu vermeintlich hilfsbedürftigen Rehkitzen, Waschbären, Füchsen, Vögeln und Co.…

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