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„Wir wollen den Lebensweg der Adoption zusammen gehen“

Dahme-Spreewald. Die gemeinsame Adoptionsvermittlungsstelle der Jugendämter Dahme-Spreewald, Elbe-Elster und Oberspreewald-Lausitz kann auf ihr 10-jähriges Bestehen zurückblicken.

Seit einem Jahrzehnt beraten und unterstützen die Sozialarbeiter die leiblichen Mütter und Väter, die sich mit dem Gedanken an eine Adoption tragen. Sie prüfen die Eignung von Bewerbern, bereiten diese auf die Adoption vor und übernehmen die Vermittlung von Kindern einschließlich der Begleitung in der Zeit der Adoptionspflege. Seit 2009 konnten im Bereich der Fremdadoption insgesamt 107 Adoptivkinder erfolgreich in eine Familie vermittelt werden.

Vor diesem Hintergrund berichtet an dieser Stelle eine der vielen Adoptivmütter, die von der gemeinsamen Adoptionsvermittlungsstelle in den vergangenen zehn Jahren betreut wurde, über ihre persönlichen Erfahrungen. Im Interview schildert Susann Lehmann* aus dem Spreewald, wie sie zusammen mit ihrem Ehemann und den Fachkräften diesen Weg zur Erfüllung des Kinderwunsches ging. Die 40-Jährige mahnt zu offener Haltung, mehr Mut potentieller Adoptiveltern und tiefem Respekt gegenüber Müttern und Vätern, die ihr leibliches Kind zur Adoption freigeben:

Frau Lehmann, wann nahm für Sie erstmals der Gedanke einer Adoption konkretere Züge an?

Im Rahmen einer Kinderwunschbehandlung beschäftigten sich mein Mann und ich bereits mit diesem Thema. Für die künstliche Befruchtung gab es damals maximal drei Versuche. Um aber ernsthaft in den Adoptionsprozess einzusteigen, mussten wir zunächst einmal völlig damit abschließen, als Paar selbst keine leiblichen Kinder bekommen zu können. Erst dann konnten wir uns hundertprozentig auf die Annahme eines Kindes einlassen.

Wie ging es ab diesem Punkt für Sie weiter?

Wir haben 2011 aktiv die für uns zuständige Behörde - die gemeinsame Adoptionsvermittlungsstelle Elbe-Elster, Oberspreewald-Lausitz und Dahme-Spreewald recherchiert und uns um einen ersten Beratungstermin in Lübben bemüht. Dort wurden wir kompetent zu den rechtlichen Bedingungen in diesen Landkreisen aufgeklärt und konnten alle Fragen stellen, die uns beschäftigt haben. Wir waren medial sehr vorgeprägt und gingen mit gemischten Gefühlen dorthin. Das Gespräch verlief für uns allerdings so positiv, dass im Ergebnis feststand: Wir wollen den Lebensweg der Adoption zusammen gehen. Hätten wir vorher gewusst, wie angenehm und auf Augenhöhe uns dort begegnet wird, hätten wir das Thema Kinderwunschbehandlung zuvor wahrscheinlich ausgelassen.

Und dann stand direkt Ihre Abprüfung als Adoptiveltern an.

Nicht ganz, zunächst hatten für uns ein Umzug und die Renovierung eines in die Jahre gekommenen Einfamilienhauses Priorität. Danach sahen wir uns mit einem Berg von Bewerbungsunterlagen konfrontiert, die einiges abverlangten. Wir haben handschriftliche Lebensläufe verfasst und uns lange inhaltlich mit den teils komplexen Fragen beschäftigt. Nachdem unsere eingereichten Unterlagen sorgfältig geprüft wurden, bekamen wir die Zusage der Vermittlungsstelle in den Bewerberprozess einzusteigen. Dann begann die Zusammenarbeit und eigentliche Abprüfung.

Die gestaltete sich wie?

Zwei Fachkräfte der Vermittlungsstelle stiegen mit uns in den Bewerbungsprozess ein und wir hatten fortlaufend mindestens einen Gesprächstermin im Monat. Dann gab es noch ein für Adoptivbewerber aus Brandenburg verpflichtendes Vorbereitungsseminar und einen Hausbesuch. Man musste in den Gesprächen einerseits viele personenbezogene Daten preisgeben  -  vom Eheverhältnis über die eigene Familiengeschichte bis hin zu Einkommensverhältnissen, einem Gesundheitstest sowie einwandfreiem Führungszeugnis. Andererseits wurden wir mit vielen bedrückenden Fragen dazu konfrontiert, wie viel wir uns zutrauen. Ob man ein gehandicaptes Kind adoptieren würde; ein Kind, dessen leibliche Mutter in Haft sitzt oder drogenabhängig ist oder eines, das durch einen sexuellen Missbrauch entstanden ist? Und dergleichen mehr.

Schließlich fand die gemeinsame Adoptionsvermittlungsstelle ein passendes Kind? 

Ja, sogar noch kurz bevor es geboren wurde und ohne wirkliche Wartezeit. Es war das ungewollte Kind einer jungen Frau mit Drogenproblemen, auch der leibliche Vater war bekannt und wollte bei Bestätigung der Vaterschaft in die Adoption einwilligen. Nachdem zunächst alles gut aussah, herrschte Funkstille seitens der Mutter. Dann meldete sich wenige Tage vor der Geburt unsere Sozialarbeiterin und stellte uns die Geschichte des noch Ungeborenen vor. Es sollte eine sofortige Übernahme des Kindes durch uns nach einem Kaiserschnitt unter Vollnarkose stattfinden. Trotz nicht unerheblicher Bedenken, ob das Baby Folgeschäden durch den mütterlichen Crystal-Meth-Konsum davontragen könnte, willigten wir im Sommer 2015 ein.

Und plötzlich waren Sie Eltern?

In der Tat ging alles noch schneller - wir waren nur zwei Tage schwanger (lacht). Lediglich wenige Stunden nach der Spontangeburt trafen wir uns mit einem vertrauten Mitarbeiter der Vermittlungsstelle in der Klinik. Auf der Kinderstation - das weiß ich noch wie heute - legte uns die Krankenschwester mit einem Lächeln einen friedlich schlafenden Jungen in die Arme. Es war Liebe auf den ersten Blick! Und das ist das Allerwichtigste. Kurzerhand richtete mein Mann mit einer Freundin ein Kinderzimmer ein und wir schwelgten vorsichtig im Familienglück.

Nur „vorsichtig“?

Grundsätzlich hat in Deutschland jede leibliche Mutter das Recht, noch bis zu acht Wochen nach der Geburt die Adoption rückgängig zu machen. Auch bei uns stand dies Spitz auf Knopf, allerdings durch sehr viel Druck aus dem Hintergrund auf die abgebende Mutter. Unsere beiden zuständigen Mitarbeiter der Vermittlungsstelle haben in dieser heiklen Phase weit über ihre normalen Dienstpflichten hinaus zum Wohle aller Beteiligten agiert. Es war viel seelische Betreuung und kommunikatives Verhandlungsgeschick gefragt. Letztlich folgte die notarielle Einwilligung der leiblichen Eltern in die Adoption und für uns war der Weg frei für ein Jahr der sogenannten Adoptionspflege. Nach diesem viel begutachteten Jahr und der Erstellung einer fachlichen Äußerung gab es den abschließenden Termin am Familiengericht und einem Adoptionsbeschluss. Nun erhielten wir die neue Geburtsurkunde für unseren Erik* und waren ganz offiziell Eltern mit allen Rechten und Pflichten.

Wie gestaltet sich Ihr Lebensalltag heute?

Eigentlich wie in einer ganz normalen Familie. Wir sind jeden Tag glücklich und dankbar über unser allergrößtes Geschenk. Unser Sohn hat sich bisher ohne Probleme oder Beeinträchtigungen entwickelt und in der Kita eingegliedert. Natürlich gibt es noch weiterhin Kontakt zur Vermittlungsstelle, die uns immer mit Rat und Tat zur Seite steht. Im ersten Lebensjahr haben wir beispielsweise Entwicklungsberichte angefertigt und nach wie vor hinterlegen wir aktuelle Kinderfotos und Briefe, die die leibliche Mutter bei Bedarf einsehen kann. Einmal im Jahr nehmen wir das Angebot der Vermittlungsstelle eines Treffens mit anderen Adoptivfamilien wahr, auf denen man sich in lockerer Atmosphäre austauschen kann. Und auch Erik sieht dort, dass er mit seiner etwas anderen Familiengeschichte nicht allein ist - auch wenn jedes Kind seine eigene Vergangenheit hat.

Wann ist für Sie als Eltern der richtige Zeitpunkt, das Kind über seine Herkunft aufzuklären?

Für mich und meinen Mann stand von vornherein fest, unser Kind soll von Anfang an um seine Adoption wissen. Denn es gibt später keinen geeigneten Zeitpunkt, an dem man diese Aufklärung festmachen könnte. Wir sind mit unserem Erik schon von den ersten Tagen an offen mit seiner Biografie und dem Wissen um seine leibliche Mutter umgegangen. Das ist für uns eine Frage des Vertrauensverhältnisses einer intakten Eltern-Kind-Beziehung. Aber auch wir mussten mit Unterstützung erst lernen, ihm das altersgerecht und möglichst wertneutral zu vermitteln. Unser Kind soll schließlich für das künftige Leben gerüstet sein.

Was würden Sie Paaren raten, die sich mit dem Gedanken einer Adoption tragen?

Man ist mit seinen Sorgen nicht alleine! Es lohnt sich definitiv ohne langes Hadern zur Beratung in der gemeinsamen Adoptionsvermittlungsstelle zu gehen und sich alle Fragen, die einen beschäftigen, offen und ehrlich beantworten zu lassen. Da es sich um eine Entscheidung für den Rest des Lebens handelt, ist eine gründliche Vorbereitung unerlässlich. Erst auf einer informationsreichen Grundlage sollte man für sich festlegen, ob man den Schritt einer Adoption gehen will. In Zeiten der Reproduktionsmedizin, die ja mit psychischen, körperlichen und finanziellen Risiken verbunden ist, kann das mitunter sogar die viel bessere Option sein.

…und doch ist eine Adoption nicht selten mit der Stigmatisierung von Beteiligten verbunden  -  wie ist Ihre Haltung hierzu?

Leider werden in unserer Gesellschaft noch immer vorschnell vor allem die Frauen als „Rabenmütter“ verurteilt, die ihr leibliches Kind zur Adoption freigeben. Dabei handeln gerade sie verantwortungsvoll, indem sie ihre Kinder in eine sichere Obhut geben, bevor ihnen in einem zumeist sehr problematischen Umfeld etwas zustößt. Diese Frauen tun in ihrer Notlage etwas sehr Erwachsenes, sind sie doch oftmals noch recht jung und treffen eine Entscheidung, die sie lebenslang zu bewältigen haben. Dafür verdienen sie unseren größten Respekt! Ohne sie wären wir ungewollt kinderlosen Paare keine Eltern. Diesem Fakt sollte in unserer Gesellschaft viel mehr Wert beigemessen werden. Leider ist dies noch viel zu häufig ein Tabuthema.

Wir haben einen einzigen Brief von Eriks leiblicher Mutter erhalten: Sie möchte einfach nur, dass es ihm gut geht und er eine glückliche Kindheit hat.

Vielen Dank für das offene Gespräch, Frau Lehmann.

(Mit Susann Lehmann sprach Bernhard Schulz)

* Um die Privatsphäre der Personen zu schützen, wurde der Name der Adoptivmutter und ihres Kindes redaktionell geändert.

Kontakt

Landkreis Dahme-Spreewald, Amt für Kinder, Jugend und Familie, Gemeinsame Adoptionsvermittlungsstelle in Lübben (Beethovenweg 14), Telefon: 03546 20-1106 oder -1007, E-Mail: rene.boettger@dahme-spreewald.de beziehungsweise sylvia.gollee@dahme-spreewald.de

(PM/Landkreis Dahme-Spreewald)

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