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Zwei Studentinnen kreiden Belästigungen an

Görlitz. Die Sprüche stehen mit bunter Kreide geschrieben auf Straßen und Plätzen. Es sind keine Zeichnungen von Kindern, sondern anklagende Texte, die auf ein wichtiges Thema aufmerksam machen sollen.

»Die hat bestimmt nix drunter« oder »Ihr F*tzen wollt es doch« steht auf dem Boden geschrieben. Dazu das Hashtag #stopptbelästigung. Hinterherpfeifen, anzügliche Sprüche, Beleidigungen - Catcalling nennt man solche Formen verbaler sexueller Belästigung im Alltag. Mit bunter Kreide werden die Schilderungen solcher Situationen, die meist junge Frauen betreffen, auf Straßen und öffentliche Plätze geschrieben, um sie »anzukreiden«. Egal ob Dresden, Berlin oder New York, mittlerweile ist die Aktion weltweit bekannt. Und es gibt sie auch in Görlitz.

Die Studentinnen Maria und Franziska haben sie in der Neißestadt ins Leben gerufen. Sie heißen eigentlich anders, wollen ihre richtigen Namen aber nicht in der Zeitung lesen. Denn neben viel Zuspruch kommt es bei solchen Aktionen auch immer wieder zu Hassnachrichten. Ende April startete der Instagram-Kanal catcallsofgoerlitz. Mit der Nachrichtenflut, die dann einging, hatten die beiden jungen Frauen nicht gerechnet. »Zu Beginn hatten wir teilweise 20 Nachrichten am Tag«, erzählt Maria. Die beiden schauen sich die Texte dann an, suchen sich ein Zitat oder eine Passage fürs Ankreiden. »Schreiben wollen wir sie möglichst an den Plätzen, an denen es passiert ist«, sagt Franziska. Dann wird ein Foto gemacht, das auf dem Instagram-Kanal hochgeladen wird. Schnell stapelten sich die Zuschriften bei den beiden. Denn sie engagieren sich neben dem Studium auch politisch. Und da war in den vergangenen Wochen viel zu tun.

Zuschriften oft von sehr jungen Mädchen

Beim Ankreiden selbst waren die Reaktionen bisher immer positiv, online gab es aber schon Pöbelei und den Vorwurf, dass die Sprüche erfunden wären. Ein Fall von Täter-Opfer-Umkehr (Englisch: victim blaming) wie man ihn bei solchen Themen massenhaft findet.

Maria selbst war zehn Jahre alt, als sie das erste Mal gecatcalled wurde. »Du hast schöne Blowjob-Augen« bekam sie zu hören. In dem Alter war ihr noch gar nicht recht klar, was da gerade passiert war. Viele der Zuschriften kommen von sehr jungen Mädchen, sie sind oft erst 13 oder 14 Jahre alt. »Habe bei der Ampel vorm Bahnhofsgebäude gewartet, auf einmal fuhr ein Auto extrem langsam an mir vorbei, die zwei Männer darin öffneten das Auto und pfiffen mir zu. Ich war 14«, schrieb ein Mädchen an catcallsofgoerlitz.

Teilweise sind die Zuschriften erschreckend. In einer Nachricht berichtete eine junge Frau sogar von einer Vergewaltigung. »Sie war sich gar nicht im Klaren darüber, dass das, was ihr da passiert ist, eine Straftat ist«, sagt Franziska. Die beiden ermutigten die Frau, zur Polizei zu gehen, boten auch Hilfe an. »Wir haben inzwischen Feedback bekommen. Sie war bei der Polizei und ist inzwischen auch in psychologischer Behandlung.

Kein eigener Tatbestand

Nicht jeder, auch nicht jede Frau, begreift catcalls als Problem bzw. findet Aktionen wie die catcallsof gut. Das zeigen Kommentare im Netz, die relativieren und Unverständnis ausdrücken. »Frauen machen das ja auch und da ist es plötzlich in Ordnung?« heißt es da beispielsweise. Whataboutism nennt man das. Ein rhetorisches Ablenkungsmanöver, um von einem unliebsamen Thema abzulenken. »Warum gehen sie nicht einfach zur Polizei« wird ebenfalls oft gefragt. Nur lassen sich hinterhergerufene Sprüche kaum beweisen. Außerdem ist Catcalling in Deutschland kein eigener Tatbestand (kann aber unter Umständen als Beleidigung oder sexuelle Belästigung geahndet werden). Das sieht in anderen Ländern anders aus, beispielsweise in Frankreich, Belgien und Portugal, wo es mit Geldstrafen geahndet wird.

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