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Wie man sich Vertrauen und Respekt erarbeitet

Hoyerswerda. Die größte Asylbewerberunterkunft des Landkreises Bautzen steht in Hoyerswerda und wird von der AWO Lausitz betrieben. Keine einfache, aber dennoch gut lösbare Aufgabe, wenn man es richtig angeht.

Vor sechs Jahren entschied sich die Arbeiterwohlfahrt (AWO) Lausitz, sich als Betreiber von zwei Asylantenheimen in Hoyerswerda zu engagieren. Der gelebte Anspruch hierbei: Menschen nicht zu verwalten, sondern sich für sie und ihre Belange zu engagieren, ihnen hilfreich zur Seite zu stehen und Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, damit die ersten Schritte in Deutschland nicht ganz so schwerfallen und mögliche Integration gut gelingen kann.

Derzeit werden 419 Bewohner in der Thomas-Müntzer-Straße 25 und 140 Bewohner in der Liselotte-Herrmann-Straße 78a aus 32 verschiedenen Nationen betreut. Der größte Anteil von Bewohnern stammt derzeit aus Afghanistan, Venezuela und Tschetschenien. Der Alltag sei eine enorme Herausforderung für die AWO und ihre Mitarbeiter, aber auch für die Bewohner, erklärt die stellvertretende Einrichtungsleiterin, Sandra Lambeck. Freilich sei man, so Heimleiter Kevin Stanulla, im Laufe der Zeit mit den Aufgaben und Herausforderungen gewachsen und habe sich ein starkes Netzwerk von Partnern und Unterstützern aufbauen können, das sich auch in Zeiten der Corona-Pandemie bestens bewährt habe.

Auch Sozialarbeiter mit Migrationshintergrund im Einsatz

Der Einrichtungsleiter und sein Chef, AWO-Geschäftsführer Marcus Beyer, sehen einen enormen Vorteil darin, dass ein Teil der betreuenden sieben Sozialarbeiter selbst einen Migrationshintergrund hat und damit auch weniger kulturelle sowie sprachliche Hemmschwellen gegenüber den Bewohnern hat und sich letztlich durch eigene Erfahrungen und Empathie auch eher in deren Situationen hineinersetzen könne. Das stärke auch die Akzeptanz der Sozialarbeiter. Besonders bei anbahnenden Konfliktsituationen sei dies sehr hilfreich, um im Extremfall Schlimmeres vermeiden zu können. Das sei aber eher die Ausnahme, so Kevin Stanulla.

Die Gründe für Streitpotential sind unterschiedlicher Natur und seien vornehmlich nicht in den verschiedenen Ansichten und Lebensgewohnheiten der einzelnen, verschiedenen Kulturen zu suchen. Probleme zwischen Landsleuten, die aus gemeinsamen Regionen stammen, seien da schon eher zu verzeichnen. Vor ein paar Jahren eskalierte die Situation wegen eines Asylbewerberantrages, weil ein Bewohner der Meinung war, dass die Entscheidung über die Bewilligung seines Asylverfahrens bei der AWO liege. Doch das wird an anderer Stelle entschieden. Über den Mord an einer Frau im Jahr 2016 und mehrere Brände zu unterschiedlichen Zeitpunkten wird heute noch gesprochen. Andere Streitereien basieren eher auf banalen Dingen, wie dem »falschen« Kochen von Speisen. Die baulichen Gegebenheiten der zentralen Unterbringungsheime, so Kevin Stanulla, würden Konfliktsituationen fördern. So müssen sich Familien verschiedene Gemeinschaftsbereiche wie Küchen miteinander teilen.

Netzwerk macht Integration möglich

Der Alltag geht natürlich auch an den Mitarbeitern nicht spurlos vorbei. Einen konkreten, vorhersehbaren Tagesplan gibt es dabei nicht. Gemeinsame Gespräche im Team, das richtige Gespür, geschulte Beobachtungsgabe sowie Empathie, Geduld und Konsequenz helfen, im Alltag und in schwierigen Situationen den Überblick zu behalten und den Frieden zu bewahren, so Sandra Lambeck. Mit niedrigschwelligen Arbeitsangeboten in der hauseigenen Fahrradwerkstatt und Wäscherei können Asylanten einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen. Teil der Integrationsarbeit sind auch Angebote von Vereinen wie dem Sportclub und Treffen im Jugendclubhaus Ossi. Ein sehr gut aufgebautes Netzwerk und das Engagement der Mitarbeiter machen es möglich.

Logisch, dass hier auch Beziehungen zwischen Bewohnern und Mitarbeitern entstehen. Oder wie es Sandra Lambeck beschreibt: Bindungen mit Abstand, die besonders bei Abschiebungen auch schon mal Emotionen freisetzen und Tränen der Traurigkeit fließen lassen. Es gibt aber auch viele schöne Momente. So zum Beispiel, wenn Asylbewerber in Deutschland bleiben dürfen, sich integriert und stark engagiert haben, um sich weiterzubilden und Arbeitnehmer oder schulische Einrichtungen von sich überzeugen konnten. So gibt es mehrere ehemalige Bewohner, die Ausbildungen absolvierten, studieren oder einen festen Job gefunden haben.

Und auch im Bereich der Impfstatistik nehmen die beiden Asylantenheime der AWO im Landkreis Bautzen eine Vorreiterrolle ein. So sei es mit akribischer Kleinarbeit und Aufklärungsangeboten gelungen, dass etwa 300 Bewohner sich für die Corona-Schutzimpfungen entschieden hätten. Bislang sei diese Resonanz im Landkreis Bautzen einmalig, so Marcus Beyer. Wer die Gemeinschaftsunterkünfte unterstützen möchte, kann gern spenden. Gebraucht werden Kleidungsstücke für Kinder, Dinge des täglichen Haushaltsbedarfs und Schulutensilien. Auch ehrenamtliche Hilfe in Form von unterstützender Begleitung und Beschäftigung sind herzlich willkommen. Bei Interesse bitte direkt dort melden.

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