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„Gott will bei uns sein, auch im staubigen Stall“

Pfarrer Frank Bahn betreut die Kirchengemeinde Großräschen. Im Interview spricht er über das Weihnachtsfest.
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Pfarrer Frank Bahr spricht über das Wunder der Weihnacht. Fotos: FF/fotolia.com

Pfarrer Frank Bahr spricht über das Wunder der Weihnacht. Fotos: FF/fotolia.com

Pfr. Bahr, in zwei Tagen ist Heiligabend. Wie stark ist bei Ihnen bereits die Weihnachtsstimmung ausgeprägt?Frank Bahr: „Freunde aus Kanada schickten mir neulich eine nette Karikatur von einer Pastorin, die in der Adventzeit der Gemeinde Besinnlichkeit und Einkehr predigt, um dann im nächsten Bild mit sechs Armen all mögliche Aktivitäten zugleich zu jonglieren. Ich gebe zu, dass ich von dieser Versuchung nicht frei bin. Aber Vorbereitungen können schön sein. Und bei Weihnachtseinkäufen mit Freunden einen Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt zu trinken, ist sicher nicht verkehrt.“            Können Sie kurz erklären, was die Christen am 24. Dezember feiern?Bahr: „Heiligabend ist der Vorabend des Weihnachtsfestes. Der Bibel, genauer das Evangelium nach Lukas, erzählt uns, wie Jesus in einer kleinen Stadt, in Bethlehem, von seiner Mutter Maria geboren wurde, zur Zeit des Kaisers Augustus. An anderer Stelle berichtet die Bibel die Geburt Jesu etwas anders. Das Evangelium nach Johannes erzählt uns davon, dass Gottes ewiges Wort Mensch geworden ist, er sagt es recht drastisch: ’Fleisch geworden ist.‘ Die Pointe ist, dass Gott, der Himmel und Erde gemacht hat und weiterhin erhält, zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort erfahrbar werden will. Statt einer abstrakten Idee feiern Christen den einen Gott, der sichtbar, hörbar, sogar anfassbar wird, den arme Hirten und reiche Könige anbeten.“           Und welche Bedeutung haben die beiden folgenden Weihnachtsfeiertage?Bahr: „Streng genommen dauert Weihnachten sogar zwölf Tage. Große Feste dürfen nun mal ein bisschen länger dauern. An den Weihnachtstagen können dann verschiedene Aspekte betrachtet werden. Am Heiligen Abend liegt der Ton auf der menschlichen Geburt des Kindes in Bethlehem. Die Bibel erzählt, wie Engel vom Himmel den Hirten auf dem Feld zuerst von der Geburt Jesu erzählen; die Hirten hören den Lobgesang der Engel im Himmel: ’Ehr sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden.‘ Die Bibel erzählt von den Weisen aus dem Morgenland, die nach langer Reise, geführt von einem Stern dem Neugeborenen Geschenke bringen. Also, es gibt eine Menge schöner Dinge, die wir in der Weihnachtszeit betrachten können.“         Dazu kommen noch weitere Feiertage in diesen zwölf Tagen. Der Heilige Stephanus (26. Dezember), ein Christ, der von der Kirche ausersehen war, sich um die Armen zu kümmern, wurde von Feinden der Kirche verfolgt und gesteinigt. Dabei hat er den Himmel offen gesehen. Der offene Himmel im armen Stall und im Leiden, das ist natürlich das große Weihnachtsthema. Wir hören von den unschuldigen Kindern (28. Dezember), die umgebracht wurden, weil der böse König Herodes den neugeborenen Jesus beseitigen wollte. Der Tod unschuldiger Kinder hat in unserer Zeit wieder eine furchtbare Aktualität bekommen. Wir feiern Johannes den Evangelisten (27. Dezember), der uns von der Menschwerdung Gottes erzählt. Der Neujahrstag, der achte Tag nach Jesu Geburt, wird auch als Tag der Namensgebung von Jesus gefeiert, denn der Name ’Jesus‘ bedeutet ’der Retter‘.            Zur Kerngeschichte: Vor Jesu Geburt nahmen Joseph und seine schwangere Maria die Reise von Nazareth nach Bethlehem auf sich. Sie folgten dem Aufruf einer Volkszählung, heißt es in der Weihnachtserzählung nach Lukas. Welche Bedeutung hat diese Reise für die Weihnachtsgeschichte?Bahr: „Literarisch geht es vielleicht darum, Jesus von Nazareth nach Bethlehem zu schaffen. Bethlehem ist die ’Stadt Davids‘ also die Stadt der alten Könige, wo Jesus der neue König geboren werden muss. Außerdem wird in gewisser Weise hier schon die Geschichte Jesu angedeutet, der seinen Weg von Galiläa im Norden des Heiligen Landes nach Juda im Süden macht, nach Bethlehem und Jerusalem, wo er leiden und sterben wird. In der bildenden Kunst hat übrigens eine andere Reise, die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten eine große Rolle gespielt, wo sie als Flüchtlinge vor politischer Verfolgung Zuflucht fanden.“    Interessant ist in dem Zusammenhang auch der Geburtsort: Jesus als Sohn Gottes wird in einem Stall geboren. Ist das eines Gottessohnes nicht unwürdig?Bahr: „Unwürdig, ja so ist es, aber genau das ist ja die Pointe. Der Gottessohn wird nicht im Palast geboren, sondern von einfachen Leuten; aber deren Stammbaum reicht bis zu den Königen alter Zeit zurück. Menschlich gesehen ist das wunderbarer Märchen- und Legendenstoff. Theologisch geht es um Gott, der nicht von oben herabschaut, sondern nahe bei uns sein will, auch im staubigen Stall. Ethisch gesehen, ermutigt es auch den Respekt vor den Armen, denn bei ihnen werden wir Gott finden.“            Was ist für Sie der Kern der Weihnachtsgeschichte und welche Bedeutung hat er für Sie?    Bahr: „Nun die Geschichte auf einen Kern zu reduzieren, fällt mir schwer, weil sie so viele wunderbare Aspekte hat. Ich würde da den Theologen Irenäus (2. Jahrhundert) zitieren, der sagt: ’Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch göttlich werde.‘ Darin ist beides: Trost in meiner menschlichen Unvollkommenheit und das Versprechen von Würde.“ Weihnachten ist für viele Menschen das „Fest der Familie“ und das „Fest der Liebe“. Was sind Ihre Erfahrungen?Bahr: „Wir hatten in unserer Familie schöne Weihnachtsfeiern. Als meine Großeltern noch lebten, sind wir zu Weihnachten zu ihnen einige hundert Kilometer gefahren, es wurde zusammen mit den anderen angereisten Verwandten gegessen und gesungen. Später haben wir die Tradition in kleinerem Kreis fortgesetzt. Interessanterweise waren es Mitschüler meiner Schwester, die uns nach der Feier in der Familie in der Nacht zum Mitternachtsgottesdienst abgeholt haben. So hat sich bei mir der Eindruck festgesetzt, kirchliche Weihnachten ist etwas für junge Leute.“  Wie kann man es schaffen, diese Liebe über das Weihnachtsfest hinaus mitzunehmen?Bahr: „Nun, ’schaffen‘ ist vielleicht der falsche Ansatz. Aber so ein Fest wird uns Erinnerungen mitgeben an erfahrene Liebe und an gegebene Liebe, in der Familie und im Gemeinwesen; und es erinnert uns an die Bedürftigen in aller Welt. Zu Weihnachten hören wir davon, dass Gott mit uns reden will und in Fleisch und Blut bei uns sein will, und das jeden Sonntag.“            Oft werden viel zu hohe Erwartungen an das Fest gestellt. Alles soll perfekt und schön sein. Ist da ein Scheitern nicht bereits vorprogrammiert?Bahr: „Nun, das ist leider wahr. Und jedes Scheitern bringt einen dazu, die Ansprüche ’zum Ausgleich‘ noch höher zu schrauben, was dann das nächste Scheitern erst recht vorprogrammiert. Die Vorbereitungen mit Backen, Kochen, Geschenkeaussuchen oder Basteln, Baum-  und Hausschmücken sollen Freude machen, wir sollen es auch gut machen wollen, aber wir dürfen uns auch sagen, alles was über das Heu und Stroh in der Krippe hinausgeht, ist schon ein Erfolg, über den wir uns freuen können. Schwieriger ist es schon damit umzugehen, dass wir an Gefühle, Erlebnisse und Rührung zu hohe Erwartungen stellen, was leicht in Frustration endet. Aber Liebe heißt ja, dass wir von uns selber absehen.  Wenn wir Geschenke aussuchen, dann sollten wir darauf achten, was dem Anderen Freude macht. Beim Singen wollen wir Gott eine Freude machen und zusammen mit den Freunden und den Engeln singen. Unsere Freude kommt dann von selbst, aber wir sollten uns nicht selber dabei beobachten wollen.“            Wenn Sie drei Weihnachtswünsche frei hätten: Was würden Sie sich erstens für die Welt, zweitens für Ihre Kirchengemeinde und drittens für sich selbst wünschen?Bahr: „Nun, dass die Welt Gott die Ehre gebe und miteinander Frieden halte, ist sicher ein großer Wunsch, der aus der Weihnachtsbotschaft kommt. Für die Gemeinde wünsche ich mir, dass Gottes Wort reichlich unter uns wohnt und alle den Mut haben, davon auch zu denen zu sprechen, die noch nicht dabei sind. Für mich selber wünsche ich mir, dass ich noch lange dabei helfen kann. Wünsche können wir übrigens an Gott selber richten.“