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„Der Ursprung für uns Christen ist Gott selbst“

Gleich zwei christliche Feste funkeln bereits in der Ferne: Am 21. Mai werden Christi Himmelfahrt und am 31. Mai das Pfingstfest gefeiert. Pfarrerin Ulrike Garve spricht darüber im WochenKurier-Interview.
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Ulrike Garve, Pfarrerin in Lübbenau. Foto: Evangelischer Kirchenkreis Niederlausitz/Franziska Dorn

Ulrike Garve, Pfarrerin in Lübbenau. Foto: Evangelischer Kirchenkreis Niederlausitz/Franziska Dorn

Können Sie kurz erklären, was die Christen an diesen beiden Tagen feiern? An Christi Himmelfahrt feiern Christen überall auf der Welt das, was der Name sagt: Die Himmelfahrt Christi. In der Bibel steht, dass Jesus Christus den Tod besiegt hat und vom Tod auferstanden ist. Das feiern wir Ostern. Dann wird weiter berichtet, dass er eine Zeit lang wieder mit seinen Jünger*innen lebte, Menschen traf, mit ihnen redete, aß und trank. Himmelfahrt ist der Tag, an dem Jesus Christus von der Erde verschwindet. Christen glauben, dass Jesus Christus weiterhin lebendig ist. Aber er ist nicht hier bei uns auf der Erde, sondern bei Gott.
An Pfingsten feiern wir, dass sowohl damals als auch heute wir nicht alleine sind, sondern Gott eine dritte Erscheinungsform von sich auf die Erde schickt: den Heiligen Geist. Gleichzeitig ist Pfingsten der Tag, an dem die Jünger*innen durch den Heiligen Geist ermutigt, anfangen von Jesus Christus zu erzählen. So wird Pfingsten auch der „Geburtstag“ der Kirche genannt. Christi Himmelfahrt und das Pfingstfest sind unmittelbar mit dem vorangegangenen Osterfest verbunden. Wie eng ist diese Verbindung, klären Sie uns auf?
Die Chronologie der Feste ist folgende: Ostern – Himmelfahrt – Pfingsten. Der Zusammenhang ist wie ein Ausschnitt der Geschichte Gottes mit uns Menschen, die immer weitererzählt wird. Ostern ist das Fest der Auferstehung. Christen feiern, dass das Leben stärker ist als der Tod. Jesus ist vom Tod auferstanden. Er begegnet seinen Anhängern und Freunden. Er redet mit ihnen, lebt mit ihnen zusammen. Er isst und trinkt als Zeichen, dass er ganz und gar lebendig ist und kein Geist. Doch die Zeit ist begrenzt. Nachdem sich die Anhänger Jesu überzeugt haben, dass Jesus wirklich den Tod überwunden hat, verschwindet er von der Erde. Die Bibel berichtet von einem Auffahren in den Himmel auf einer Wolke (deshalb der Name Himmelfahrt). Jetzt sind die Anhänger Jesu auf sich allein gestellt. Sie haben Angst vor Verfolgung und sind ratlos. Gott schickt den Heiligen Geist. Dieser gibt Mut und Zuversicht und Kraft und lässt die Anhänger Jesu motiviert in die Welt hinausgehen. Sie erzählen von Gott und von Jesus. Sie gründen kleine Gemeinden. Sie schreiben Briefe, feiern Gottesdienste, sammeln Geld, um die Ärmsten von ihnen zu unterstützen und halten zusammen. Letzten Endes geht die Geschichte Gottes mit den Menschen bis heute weiter, auch wenn sie nicht mehr in der Bibel steht: Es gibt immer mehr christliche Gemeinden überall auf der Welt. Christen erzählen von Gott und von Jesus und verlassen sich darauf, dass der Heilige Geist Kraft und Mut für das eigene Handeln schenkt. Wir feiern Gottesdienste, sammeln Geld für die Ärmsten und leben Gemeinschaft. Gleichzeitig warten wir eigentlich darauf, dass Jesus Christus wiederkommt, hier auf die Erde. Aber das vergessen wir alle im Trubel des Alltags oft. Jesus, Gottes Sohn, ist an Christi Himmelfahrt zu seinem Vater zurückgekehrt. Der bekannteste Bericht darüber steht in der Bibel in der Apostelgeschichte. Nach theologischem Verständnis ist »Himmelfahrt« jedoch nicht wörtlich zu nehmen. Wie verstehen Sie demnach diese Rückkehr zum Vater? Die Himmelfahrt Jesu ist fast überall malerisch so festgehalten wie es wörtlich in der Bibel erzählt wird. Jesus steht auf einer Wolke und wird darauf in den Himmel gehoben. Manchmal begleiten ihn Engel auf diesen Bildern oder man sieht Gottvater schon oben im Himmel sitzen, zu seiner Rechten ein Platz frei für Jesus. Das kann man sich bildlich gut vorstellen, setzt aber ein bestimmtes Gottesbild und Frömmigkeitsverständnis voraus. Für andere ist dieses wörtliche Verständnis eher abschreckend und unverständlich.
Für Christen besteht Gott aus drei Seinsformen, die ungetrennt zueinander gehören und doch jede für sich steht: Gott-Vater, Gott-Sohn, Gott-Heiliger Geist.
Der „Himmel“ ist der Ort Gottes. Da ist es im Englischen verständlicher, wo zwischen „sky“ – der reale Himmel, den ich sehen kann – und „heaven“ – ein transzendenter Ort –unterschieden wird. Himmel meint dabei nicht den blauen, wolkigen Himmel, den ich sehen kann, sondern einen transzendenten, nicht sichtbaren, für Menschen unverfügbaren Ort. Ein Ort Gottes. Schon das Wort „Ort“ ist wahrscheinlich zu viel. Himmel heißt hier dann soviel wie „da wo Gott ist“. Dahin kehrt Jesus Christus als eine Seinsweise Gottes zurück. Sie haben es „Rückkehr zum Vater“ genannt. Wenn es für sie ein stimmiges Gottesbild ist, Gott als Vater zu sehen, ist auch diese Aussage stimmig.
Mit der sogenannten Himmelfahrt verlässt Jesus den Raum, die Sphäre der Menschen und kehrt zu seinem Ursprung zurück. Der Ursprung für uns Christen ist Gott selbst. Und da Gott überall sein kann, kann auch der Himmel überall sein. Manchmal sogar mitten unter uns. Nach christlichem Verständnis schickte Gott an Pfingsten den Heiligen Geist auf die Erde. Was genau ist der Heilige Geist, der ja ebenso ein Teil Jesu wie auch ein Teil Gottes ist? Gott ist kompliziert. Ihn zu verstehen gelingt mir auch als Theologin nicht. Christen haben das Konstrukt der Trinität, der Dreieinigkeit, entwickelt um Gott besser zu verstehen. Manchmal glaube ich allerdings, dass es dadurch noch verwirrender geworden ist. Gott-Vater, Gott-Sohn und Gott-Heiliger Geist (oder Heilige Geistkraft, wer es neutraler mag) ist eins. Eine untrennbare Einheit, ein Gott. Dieser eine Gott hat verschiedene Seinsweisen. Man kann auch sagen: Erscheinungsformen, die nebeneinander und miteinander existieren. Jede und jeder Erscheinungsform werden Attribute zugeordnet. Gott-Vater ist der Schöpfer. Jesus Christus ist die menschliche Seite Gottes, der Heilige Geist ist Gottes Kraft. Ich beschreibe die Heilige Geistkraft gern als eine unsichtbare Macht, eine Kraft, die mich und andere stärkt und stützt. Die in der Lage ist, aufzurichten und zu motivieren, die Gedanken und Gefühle verändert, die Willen stärkt und Dinge möglich macht, die unmöglich schienen. Inwieweit ist für Sie heute dieser Heilige Geist noch spürbar?
In der Bibel steht „der Geist weht wo er will“ – die Heilige Geistkraft lässt sich nicht zwingen. Sie ist wie jede Gottesbegegnung ein Geschenk. Für mich ist die Heilige Geistkraft manchmal/selten in besonderen Momenten spürbar. In Momenten dichter Gemeinschaft, in Momenten großer Freude, aber auch in Momenten großer Ratlosigkeit, wenn ich selbst nicht mehr weiterweiß und dann doch Kraft und Rat finde, wie es weiter gehen soll. Gibt es Rituale, die in den Kirchen und während der Gottesdienste an Himmelfahrt und Pfingsten festgeschrieben sind? Von festgeschriebenen Ritualen an Himmelfahrt und Pfingsten in der evangelischen Kirche weiß ich nichts. An vielen Orten wird Pfingsten die Konfirmation gefeiert. Das eigenständige Bekenntnis Jugendlicher zum christlichen Glauben. Das Fest des Heiligen Geistes, der Menschen anrührt und Glauben schenkt, da wird es als passend empfunden, an diesem Tag Konfirmation zu feiern. Was können wir modernen Menschen persönlich aus Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten für unseren Alltag mitnehmen? Ich versuche es kurz und knapp: Ostern – das Leben ist stärker als der Tod. Die Liebe stärker als der Hass. Und Hoffnung macht fast alles möglich. Auch wenn es auf der Welt manchmal nicht so aussieht. Himmelfahrt – diesen Sehnsuchtsort „Himmel“, oder „da wo Gott ist“ gibt es wirklich. Aber es liegt auch an mir, ihn hier auf der Erde spürbar und erfahrbar zu machen. Pfingsten – Gottes Geist, die Heilige Geistkraft belebt und erfrischt die Erde und auch mich. Sie wird mir geschenkt, bereichert mein Leben und macht Dinge möglich. Mit dem Pfingstfest endet der Osterfestkreis des Kirchenkalenders. Was folgt im Anschluss an diese österliche Zeit? Im Anschluss an Pfingsten wird am Sonntag darauf Trinitatis gefeiert. Das Fest der Dreieinigkeit Gottes. Es ist kaum bekannt. Und danach beginnt eine ruhige Zeit im Kirchenjahr, die Trinitatiszeit. Die Sonntage werden nach dem Trinitatissonntag gezählt. Das nächste Highlight ist dann Erntedank im Herbst.