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Wenn Machtlosigkeit ausgenutzt wird

Weisser Ring warnt vor K.O.-Tropfen in der Karnevalssaison / Veranstalter sehen die Gefahr noch relativ gering:
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In der Karnevalszeit geht es oft ausgelassen und ungehemmt zu. Viele Feiernden sind einem Gläschen Alkohol nicht abgeneigt und suchen die Geselligkeit. Welche Gefahren das allerdings bergen kann, davor warnt jetzt die Opferorganisation „Weisser Ring“ eindringlich. Elke Thomas von der Opfervertretung des Weissen Rings in Riesa kennt die Verzweiflung von Opfern, die in eine hilflose Lage gebracht und dann körperlich oder auch seelisch überwältigt und ausgenutzt werden. Fast täglich hat sie in ihren Beratungen damit zu tun, den Betroffenen wieder Halt zur geben und einen Ausweg aus ihrer oft ausweglosen Situation zu geben. Deutschlands größte Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer, warnt besonders zur Karnevals- und Fastnachtszeit vor K.O.-Tropfen. „Oft bedienen sich Täter der lockeren Partyatmosphäre und der damit verbundenen alkoholbedingten Enthemmung, um ausgemachten Opfern K.O.-Tropfen ins Getränk zu mischen und sie willenlos zu machen“, warnt Bianca Biwer, Bundesgeschäftsführerin des Weissen Ringes. Geplagt von Schwindel, Übelkeit und Bewusstlosigkeit werden die Betroffenen außer Gefecht. Danach sei es ein Leichtes, die Opfer auszurauben oder sie zu vergewaltigen. „Ihre Machtlosigkeit wird gezielt ausgenutzt“, so Biwer. Die Wirkung von K.O.-Tropfen zeigt sich oft bereits zehn bis 20 Minuten durch Schwindelgefühlen, Übelkeit und Schläfrigkeit. Weitere Folgen sind Willenlosigkeit, das Verharren in einem Dämmerzustand oder auch Bewusstlosigkeit. Häufig hat das Opfer von Beginn der Wirkung der Tropfen bis zum Nachlassen keinerlei Erinnerung mehr an Geschehenes. Biwer weist darauf hin, dass das öffentliche Problembewusstsein beim Thema K.O.-Tropfen mit der Zeit zwar gewachsen ist. Sie warnt aber auch: „Nach wie vor gibt es in diesem Kriminalitätsbereich große Dunkelfelder. Denn es ist schwierig, hier Vorgänge überhaupt richtig zu erfassen.“ Zum einen liege das an der geringen Zeit der Nachweisbarkeit von K.O.-Tropfen. Zum anderen aber auch an der Tatsache, dass der Begriff unterschiedliche Substanzen mit vergleichbarer Wirkung vereine – darunter geruchsarmer Alkohol, aber auch bestimmte Medikamente und Drogen. Die Bundesgeschäftsführerin rät, im Party-Trubel das eigene Getränk nie aus den Augen zu verlieren und es gegebenenfalls unausgetrunken stehen zu lassen. Auch sollten keine offenen Getränke von Unbekannten angenommen werden. Diesen Tipp gibt auch Thomas Münch Pressesprecher des Strehlaer Carnevalsclubs. Bisher haben die Karnevalisten der Nixenstadt mit diesem Problem zwar noch keine Vorkommnisse erlebt, aber auszuschließen sei es natürlich nie. „Bei uns im Lindenhof in Strehla hat zum Fasching jeder seinen festen Sitzplatz an seinem Tisch. Dort sollte man sein Glas immer unter Aufsicht haben oder sich auf befreundete Tischnachbarn verlassen können“, erklärt Münch. Im Zweifelsfall müsse vor dem Verlassen des Tisches eben ausgetrunken werden. Ein Restrisiko werde es immer geben, allerdings sieht der Karnevalist die Gefahr in kleineren „Dorfdiscos“ eher gering. Das sehe in den anonymeren Großstädten schon anders aus. Auch die beauftragte Security sei für diese Fälle geschult und wird auch in diesem Jahr für ein hoffentlich gefahrloses „Strehla, Helau“ sorgen. „Ich bin guter Dinge, dass auch in dieser Saison der Strehlaer Fasching gerade im Jubiläumsjahr ein „sauberer“ Fasching bleibt, dass alle Gäste viel Spaß haben und zufrieden wieder zu Hause ankommen, so Thomas Münch weiter. Wer sich dennoch ungewöhnlich fühlt oder beim Feiern plötzlich ein Gefühl von Schwindel und Übelkeit bemerkt, sollte sich Hilfe holen und sich an Freunde, Bekannte oder auch das Personal wenden. Es sollte nicht gezögert werden, die Party, den Club oder auch die feiernde Menschenmenge sofort zu verlassen – am besten gemeinsam mit Vertrauenspersonen. Besteht konkreter Verdacht, Opfer von K.O.-Tropfen geworden zu sein, sollte unbedingt ein Arzt oder die Ambulanz eines Krankenhauses angesteuert werden. „Kommt es auf schnelle Hilfe an, ist es im Zweifel auch immer gut, die Notrufnummern 110 oder 112 parat zu haben“, betont Biwer. Unterstützung biete auch das bundesweite kostenlose Opfer-Telefon des Weissen Rings unter 116006. Der Weisse Ring ist Deutschlands größte Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität mit 3.200 Ehrenamtlichen Helfern.