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Kraftvolle Tastenklänge und feinfühlige Poesie

Senftenberg. Konstantin Wecker gastiert mit dem Programm »Solo zu Zweit« mit Jo Barnikel am 30. Juli im Amphitheater Senftenberg.
Konstantin Weck tritt im Amphitheater auf.

Konstantin Weck tritt im Amphitheater auf.

Bild: BrauerPhotos/Dominik_Beckmann

Herr Wecker, Sie waren schon zwei Mal in Senftenberg. Vor zehn Jahren mit dem Programm "Wut und Zärtlichkeit", 2016 mit "Revolution". In ihrem aktuellen Programm spielen Sie auch das Lied "Schäm dich Europa". Weshalb haben Sie es geschrieben?

Das ist ein wütendes und sehr wichtiges Lied. Es darf in keinem Programm fehlen. Auch "Wut und Zärtlichkeit" werde ich unbedingt in Senftenberg spielen. "Solo zu Zweit" ist ein sehr persönliches Programm. Ich werde viel über mich und meine Kindheit erzählen.

 

Jo Barnikel hat Sie schon bei der Tournee "Uferlos" begleitet. Seit 20 Jahren ist er in jedem Konzert dabei.

Sein Können und sein Vermögen, auf meine Texte und Musiken einzugehen, schätze ich sehr. Wir sind Freunde geworden.

 

Vergangene Woche erst haben Sie mit der Bayerischen Philharmonie eine große Filmmusikgala gestemmt.

Das war natürlich atemberaubend! Das Orchester spielte Filmmusiken, die ich in über 40 Jahren geschrieben habe! Es war wunderbar! Ich spiele ja auch im Trio, mit Band, mache Lesungen ganz alleine. Auch das macht mir großen Spaß. Diese Vielfalt gehört zu meinem Künstlerleben. Immer das Gleiche zu machen wäre mir zu langweilig.

 

Was bereitet Ihnen Sorgen?

Italien hat eine Faschistin, Frau Meloni in der Führung, Frau Le Pen in Frankreich wird auch nicht schwächer. Europa erlaubt sich mittlerweile unglaubliche Gesetze, um Geflüchteten zu schaden. Das entspringt dem Geist dieser rechten, neofaschistischen Strömung. Das ist unglaublich erschreckend! Mein gesamtes Werk ist auch dem Gedenken an den Holocaust gewidmet. In dem Text "Warum ich kein Patriot bin" mache ich erneut deutlich: Wir dürfen nie aufhören, über den Holocaust nachzudenken, denn es zeigt uns, was in uns allen Schreckliches wohnen kann. Es ist furchtbar, wie geschichtsvergessen manche Menschen sind.

 

Lässt Sie das manchmal verzweifeln?

Ja! Aber es lässt mich nicht zweifeln an der Notwendigkeit meiner Arbeit. Es spornt mich sogar noch mehr an, auf die Bühne zu gehen. Neben unsäglichen Beschimpfungen erhalte ich auch solches Feedback: Eine Frau wurde für ihr Engagement für Geflüchtete sogar von der eigenen Familie ausgelacht. Sie schrieb mir: "Jetzt war ich in ihrem Konzert. Ich verspreche ihnen, ich engagiere mich weiter!" Das ist eine wunderschöne Rückmeldung. Ich merke in letzter Zeit umso deutlicher, dass ich den Menschen Mut machen kann: Mut zu sich selbst zu stehen.

 

Woher nehmen Sie ihre eigene Kraft?

Aus meiner Poesie. Sie ist ein Geschenk seit meiner frühesten Jugend und kommt aus dem tiefsten Inneren. Ich bin ihr zum Glück mehr gefolgt als meinem Ego und meiner Ratio. Daraus habe ich immer die Kraft gezogen, weiterzumachen.

 

Sind Sie versöhnlicher geworden?

Klar! Ich hatte ja unglaubliche persönliche Erlebnisse mit Neonazis und werde weiterhin gegen jede Form dieser grässlichen Ideologie vorgehen. Aber: Was für eine schreckliche Kindheit muss jemand haben, um so zu werden? Was hat man diesen Menschen angetan? Mit Sängern aus Kamerun spielte ich in einem Jugendheim vor Neonazis. Ich fragte: "Könntet ihr euch vorstellen, einen meiner Sänger hier zu umarmen?" Sie haben sich alle geschüttelt und sagten: "Du umarmst ja unseren Sprecher auch nicht!" Ich bin auf ihn zugegangen und habe ihn umarmt. Zunächst schwieg er zwei Minuten. Dann sagte er zu mir: "Das hat in meinem ganzen Leben noch niemand mit mir gemacht!" Er ist ausgestiegen aus der Szene und hat bei uns als Techniker gearbeitet. Ich will nicht überheblich sein, denn ich hatte so viel Glück in meinem Leben, auch mit meinem Elternhaus. Ich bin 1947 geboren. Wie durch ein Wunder waren meine Eltern keine Nazis.

 

Wie gehen Sie mit ihrer Wut um? Oder sind Sie weniger wütend, als Sie mal waren?

Ich habe ja meine "Wut und Zärtlichkeit" beschrieben. Einmal traf ich den buddhistischen Zenmeister Bernie Glassman. Er kam gerade aus Auschwitz, wo er mit überlebenden Opfern und Tätern meditiert und gesprochen hat. Er war voller Liebe und sagte zu mir: "Alles kann nur aus Liebe geschehen!" Ich meinte: "Aber man muss doch eine Wut haben, um etwas zu verändern." Er entgegnete: "Die Wut ist nur notwendig, um Änderungen anzustoßen. Handeln dürfen wir nur aus Liebe."

 

Sie haben auch den offenen Brief unterzeichnet an Olaf Scholz, um die Waffenlieferungen an die Ukraine zu kritisieren.

Wir sollten mehr den Menschen zuhören, die pazifistische Ideen haben. Diese gibt es sowohl in der Ukraine als auch in Russland. Es gibt gewaltfreien Widerstand und es gab ihn immer. Statt noch mehr Bomben zu liefern, vor allem auch diese schrecklichen Streubomben, sollten wir uns Gedanken über Verhandlungen machen. Ich werde auch in meinem Konzert in Senftenberg als bekennender Pazifist dazu Stellung beziehen und mein pazifistisches Credo lesen.


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