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Anne-Sophie Lösche

Kleiner Piks für kleine Menschen

Seit über einem Jahr ist es in Deutschland jedem über 18 Jahren möglich sich gegen das Corona-Virus impfen zu lassen. Mit dem letzten Jahr gibt es nun auch Corona- Schutzimpfungen für Kinder und Jugendliche.
Dipl.-Med. Hendrik Karpinski, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im Sana Klinikum Niederlausitz, informiert über die Coronaschutzimpfung bei Kindern und Jugendlichen.

Dipl.-Med. Hendrik Karpinski, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im Sana Klinikum Niederlausitz, informiert über die Coronaschutzimpfung bei Kindern und Jugendlichen.

Bild: KNL / Benjamin Seidemann

Es ist ein Thema, bei dem viel Sensibilität und individuelle Entscheidungen gefragt sind. Seit August 2020 hat die Ständige Impfkommission (STIKO) eine Impfempfehlung für Jugendliche ab zwölf Jahren herausgegeben. Doch welche Bedeutung und Notwendigkeit hat die Impfung für Kinder dieser Altersgruppe?
 
Dipl.-Med. Hendrik Karpinski, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Sana Klinikum Niederlausitz, sieht eine Impfung in dieser Altersgruppe als durchaus sinnvoll an. »Für Kinder und Jugendliche in diesem Alter ist die Impfung gegen Covid19 sinnvoll und notwendig«, empfiehlt der Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendmedizin. Grund dafür sind die Verläufe bei einer möglichen Corona-Infektion. »Die älteren Kinder und Jugendlichen haben durchaus Covid19-Erkankungen, die ernsthaft verlaufen können. Bei der Covid-Erkrankung von Kindern und Jugendlichen gibt es einen bestimmten Erkrankungsverlauf, der mit einer überschießenden Entzündung im ganzen Organismus einhergeht (PIMS). Dies kann sehr gefährlich sein«, so Hendrik Karpinski. »Sowohl über den Verlauf der Erkrankung, als auch über die Nebenwirkung gibt es inzwischen so viele Daten, dass wir bei dieser Altersgruppe gut über die Sinnhaftigkeit einer Impfung entscheiden können.« Der derzeit einzige für Kinder zugelassene Impfstoff zum Schutz vor einer Corona-Erkrankung ist das mRNA Präparat Comirnaty® von BioNTech/ Pfizer.

 

Die Angst vor Nebenwirkungen

 
Eine der größten Ängste von Eltern sind Nebenwirkungen, die ihre Kinder durch die Impfung davontragen könnten. Schmerzen an der Impfstelle, Schwellungen, Kopfschmerzen und Fieber treten bei Kindern eher selten auf. Auch schwere Nebenwirkungen sind selten zu beobachten. »Bei den älteren Jugendlichen treten mitunter Herzmuskelentzündungen als Nebenwirkung auf. Bei Mädchen ist die Chance darauf so hoch wie ein Vierer oder Fünfer im Lotto. Bei Jungen ist das Risiko etwas höher. Hier liegt die Quote bei 70 je 1 Million Impfungen.« Natürlich kann die Herzmuskelentzündung als mögliche Folge der Impfung erschreckend wirken. Doch Chefarzt Hendrik Karpinski kann in dieser Hinsicht beruhigen: »Die Herzmuskelentzündung bei Kindern und Jugendlichen durch die Impfung ist nicht nur eine extrem seltene Nebenwirkung, sie ist dann auch komplett rückläufig gewesen, wenn besondere Behandlung erforderlich war. Insofern kann man da einigermaßen Entwarnung geben. Dem ist als Argument entgegen zu stellen, dass in der Altersgruppe der zwölf- bis 17-Jährigen im Vergleich deutlich mehr Personen schwer an Corona erkranken. Wenn man da den Nutzen der Impfung und die Risiken der Erkrankung gegenüberstellt, kann man ehrlichen Herzens sagen, dass es richtig ist, sich zu impfen, und es ist auch zu empfehlen. Trotzdem bleibt es immer eine sehr persönliche und individuelle Entscheidung der Jugendlichen gemeinsam mit deren Eltern.«
 
Auch die dritte Impfung ist inzwischen von der STIKO für diese Altersgruppe zu Recht empfohlen. »Die Boosterimpfung schützt auch gegen Omnikron immer noch ganz gut. Und da es das einzige ist, was wir dem Virus im Moment entgegensetzten können, ist es aus meiner Sicht auch zu empfehlen«, schätzt Chefarzt Hendrik Karpinski die Notwendigkeit der Boosterimpfung ein.

 

»Kinder sollten mitentscheiden«

 
Doch die Empfehlung der STIKO beinhalten auch Ausnahmen, bei denen von einer Impfung abgeraten wird. »Wenn die Kinder zu erkennen geben, dass sie aus guten Gründen eine Impfung ablehnen, dann müsste man sehr überlegen, ob es richtig ist, wenn man sich darüber hinwegsetzt. Aber auch wenn eine bekannte Allergie gegen Bestandteile der Impfstoffe vorliegt, was sicher eine absolute Rarität sein dürfte «, rät Hendrik Karpinski.
 
»Kinder, deren Immunität schwer eingeschränkt ist, zum Beispiel unter einer Chemotherapie, die gehören auch zu denen, die nur nach einer sehr sorgfältigen Abwägung impfen sollte.«
 
Zwar ist inzwischen auch schon eine Impfung von Kindern ab fünf Jahren möglich, hierzu hat die Ständige Impfkommission allerdings noch keine Empfehlung herausgegeben. »Für diese Altersgruppe gibt es bisher zu wenig Daten, um eine vernünftige Empfehlung rauszugeben. Kleinere Kinder haben fast nie schwere Verläufe oder schwere Nebenwirkungen nach einer Covid-Erkrankung. Hier gilt es wieder abzuwägen, welche Vorteile die Impfung gegenüber den möglichen Nebenwirkungen hat. Daher wird es auch noch eine ganze Weile dauern, bis für diese Altersgruppe eine echte Impfempfehlung auszusprechen ist.«
 
Dennoch gibt es auch hier eine Gruppe, bei denen eine Impfung nach der Meinung von Pädiater Hendrik Karpinski Sinn machen würde. »Kinder mit besonderen Risiken oder die in besonderer Weise mit gefährdeten Gruppen zusammenleben. Wenn zum Beispiel ein Geschwisterkind an Leukämie erkrankt ist, kann die Impfung auch für ein Kind unter zwölf Jahren durchaus sinnvoll sein.« Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren erhalten dabei nur ein Drittel der Erwachsenen-Dosis. Auch Kinder, die ein eingeschränktes Immunsystem haben, an einer Krebserkrankung leiden, Cytostatiker nehmen oder Kinder mit schweren autonomen Erkrankungen könnten von einer Impfung gegen das Coronavirus profitieren.
 
Insgesamt ist es allerdings eine höchst individuelle Entscheidung, bei der das Kind mit einbezoge werden sollte. Dazu rät Chefarzt Hendrik Karpinski: »Die Kinder sollten der Impfentscheidung zustimmen. Um da eine richtige Entscheidung treffen zu können, sollten sich die Eltern in das Kind hineinversetzten, um die beste Entscheidung zum Wohle ihres Kindes treffen zu können. Für solche Situationen gilt in der Kinderheilkunde das Prinzip des »Best Interest«. Eltern sind dabei angehalten, nicht einfach nach ihren eigenen Interessen zu entscheiden, sondern wirklich das Handeln im »Besten Interesse« kurz und langfristig für ihr Kind zu ergründen und dann danach zu handeln.«


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