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Dany Dawid

»Die Wirtschaft braucht Verlässlichkeit«

Region. Seit 1. Februar ist André Fritsche neuer Hauptgeschäftsführer der IHK Cottbus. Mit uns spricht er über Schwerpunkte und Herausforderungen.

Dr. Wolfgang Krüger (l.) hat gemeinsam mit dem IHK-Präsidenten   Jens Warnken (m.) den Staffelstab an André Fritsche (r.)übergeben.

Dr. Wolfgang Krüger (l.) hat gemeinsam mit dem IHK-Präsidenten Jens Warnken (m.) den Staffelstab an André Fritsche (r.)übergeben.

Bild: Thomas Goethe

Herr Fritsche, wie waren Ihre ersten Tage im Amt als neuer Hauptgeschäftsführer der IHK Cottbus?

Sie waren voller positiver Eindrücke. Ich bin froh mit einem engagierten und motivierten Team die Zukunft der Kammerarbeit zu gestalten. Aktuell verschaffe ich mir einen Überblick über die vielfältigen Themen, die die Arbeit der IHK Cottbus berühren. Die Kammerwelt kenne ich gut, das hilft.

Was steht gerade in Ihrer Arbeit als Hauptgeschäftsführer der IHK Cottbus ganz oben auf der Agenda?

Die Region wie auch das gesamte Land stehen vor einem einschneidenden Wandel. Trotz der derzeit dunklen Wolken, die über der deutschen Volkswirtschaft hängen, haben wir durch den Strukturwandel einmalige Chancen, Industrien anzusiedeln und Arbeitskräfte zu gewinnen, wovon die gesamte Region profitiert. Mut und Veränderungswillen sind gefragt. Ich freue mich darauf, die vielfältigen Themen für eine positive wirtschaftliche Entwicklung mit unseren Partnern anzugehen. Dazu gehören Themen wie Qualifizierung, die Anwerbung von Fachkräften aus dem In- und Ausland, lebenswerte Innenstädte, Verkehrsanbindungen, die intensive Zusammenarbeit mit Schulen oder die Zusammenarbeit mit der Euroregion und den Nachbarländern Polen und Tschechien. Mit Blick auf Cottbus sind die Entwicklungen rund um die Unimedizin, den Lausitz Science Park und den Ostsee natürlich auch wichtige Themen für die regionale Wirtschaft.

Was werden die Schwerpunkte Ihrer Arbeit in der nächsten Zeit sein?

Die IHK vertritt über 36.000 Mitgliedsunternehmen in ihrer gesamten Breite. Noch besser zu verstehen, wie wir die Interessen verschiedener Branchen zusammenführen und gegenüber der Politik vertreten können, bleibt einer der wichtigsten Schwerpunkte. Die Wirtschaft braucht jetzt dringend bessere wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen und mehr Verlässlichkeit, um planen und auch in Zukunft wettbewerbsfähig bleiben zu können.

Welche Herausforderungen werden in den kommenden Jahren auf die IHK zukommen?

Die IHK muss sich als Dienstleister ihrer Mitgliedsunternehmen noch stärker digitalisieren und passende Unterstützungsangebote für die Bedarfe der Wirtschaft entwickeln. Sie braucht weiterhin ein engagiertes Ehrenamt, das mit dem Hauptamt die Interessen der Wirtschaft gegenüber der Politik vertritt und im konstruktiven Dialog auf Probleme hinweist und Lösungsvorschläge unterbreitet. Aber auch Prüferinnen und Prüfer werden in den nächsten Jahren dringend von uns gesucht, die die Prüfungen im Aus- und Weiterbildungsbereich absichern. Drängend ist das Fachkräftethema und genauso wichtig die Nachfolge, auch wenn sie aktuell nicht im Fokus der Unternehmen steht. Fast 45 Prozent der Unternehmerinnen und Unternehmer von IHK-Betrieben haben die Altersgrenze von 55 Jahren überschritten. Wenn auch nur ein Viertel der betroffenen 16.000 IHK-Unternehmen erwägt, den Betrieb nicht fortzuführen, stellt dies eine bedeutsame Entwicklung in der Region dar. Wir verlieren dann Wirtschaftskraft und Arbeitsplätze. Deshalb müssen wir es schaffen, dass Mitgliedsunternehmen ihre Nachfolgeplanung proaktiv und frühzeitig angehen.

Was sind die Zutaten für eine gute Ausbildung heute?

Um in der Ausbildung erfolgreich zu sein, braucht es einige Zutaten. Dazu gehören qualifizierte und motivierte Ausbilder und Lehrkräfte, interaktive und aktuelle Lehrmaterialien, eine positive Lernumgebung sowie eine ausgewogene Mischung aus theoretischem Wissen mit praktischer Anwendung. Es ist wichtig, dass die Ausbildung auf die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten des Auszubildenden abgestimmt ist. Dahingehend sind Vertrauen, Geduld und Respekt wichtig. Um das Beste für sich rauszuholen, braucht es aber auch Neugier, Engagement und Einsatzbereitschaft. Welche Erfolgserlebnisse Azubis in ihrem Ausbildungsberuf tagtäglich verbuchen, darüber berichten übrigens seit letztem Frühjahr neun Azubis auf dem tiktok-Kanal die.azubis der IHK-Organisation - ziemlich erfolgreich mit über 41.000 Followern. Sie entsenden stolz die Botschaft: Ausbildung macht mehr aus uns. Denn wir brauchen mehr Wertschätzung und Anerkennung für Berufsbilder, ohne die unsere Wirtschaft nicht funktionieren würde. Das gilt für IHK-Berufe als auch für das Handwerk. Als IHK sind wir auch Partner für das Thema Weiterbildung und lebenslanges Lernen und unterstützen Menschen dabei, in Zeiten des Wandels Schritt zu halten.

Wie geht es der regionalen Wirtschaft momentan?

Erst in dieser Woche haben wir die aktuellen Konjunkturzahlen kommuniziert. Wirtschaftliche Dynamik bleibt aus, eine Erholung ist noch nicht in Sicht. Die Geschäftslage der Unternehmen verharrt weiter auf niedrigem Niveau. Die Gründe lassen sich in einer Mängelliste fassen: nicht mehr tragbare Steuern und Abgaben, viel Bürokratie, Nachholbedarf bei der Digitalisierung und weitere Kostenbelastungen sowie viele äußere und innere negative Einflussfaktoren hemmen Wachstum. Die Politik sendet Signale der Unsicherheit. Um den Trend zu stoppen, muss die Regierung alle Register ziehen, Entlastungen und verlässliche wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen schaffen. Vor allem in der hiesigen Industrie hat sich die Lage aufgrund geringerer Inlands- und Auslandsgeschäfte deutlich verschlechtert. Alle Wirtschaftsbereiche leiden unter hohen Material- und Rohstoffpreisen, Störungen in den Lieferketten, zunehmenden staatlichen Auflagen und stetig steigenden Kosten in allen Bereichen sowie einer geringeren Nachfrage. Zwar ist die Finanzlage bei 52 Prozent der Unternehmen noch unproblematisch, allerdings berichtet bereits jedes vierte Unternehmen von Eigenkapitalrückgang und jedes fünfte von Liquiditätsengpässen. Die Bereitschaft zu investieren, nimmt seit 2018 ab.

Welche aktuellen Herausforderungen sehen Sie für die Wirtschaft in der Region und wie kann die IHK dazu beitragen, sie anzugehen?

Die Herausforderungen einer globalisierten Welt für Unternehmen in unserer Wirtschaftsregion mitten im Strukturwandel sind vielschichtig. Themen wie Dekarbonisierung und Digitalisierung der Wirtschaft, Fachkräftegewinnung bleiben Dauerbrenner und werden die Unternehmen weiterhin enorm herausfordern. Dank der Strukturwandelmittel haben wir jedoch die einmalige Chance die Transformation voranzutreiben. In den wichtigen Entscheidungsgremien und Netzwerken ist die IHK mit am Tisch. Hier bieten wir an, uns noch stärker zu engagieren und der Südbrandenburger Wirtschaft noch mehr Gehör zu verschaffen. Mit anstehenden Fachtagungen im Bereich Infrastruktur-Schienenprojekte, Energie und Wasser machen wir auf Herausforderungen aufmerksam und diskutieren Lösungsansätze. Mit Beteiligungsformaten und Beratung rund um Förderung, Finanzierung sowie Vernetzung bieten wir den Unternehmen vielseitige Unterstützungen an.

Worin sehen Sie die wichtigste IHK-Aufgabe im Jahr 2024?

Als IHK stehen wir der Politik und Verwaltung als verlässlicher Dialogpartner zur Seite, um die Rahmenbedingungen für Unternehmen weiter zu verbessern. Im intensiven Dialog werden wir im diesem Superwahljahr unsere wirtschaftspolitischen Themen an die Verantwortlichen herantragen.

Und abschließend, Ihr Blick in die Zukunft. Wie würde Ihre Agenda für die Zukunft aussehen?

Wir leben in einer Chancenregion und sollten das stolz nach außen tragen. Jeder Einzelne ist gefordert die Region zukunftsfähig zu machen. Engagement, Gründergeist, Innovation, Wissenstransfer und qualifizierte Fachkräfte braucht unsere Region mehr denn je. Hier werden wir als Kammer unseren Beitrag leisten und die Unternehmen in ihrem Transformationsprozess aktiv begleiten.

 


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