Andreas Kirschke

Zeitzeugen als glaubwürdige Erinnerer wertvoll

Hoyerswerda. Im Projekt »Wider das Vergessen« setzen sich Schüler in Hoyerswerda intensiv mit der NS-Zeit auseinander.

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Erik Peter (17, l.) und Paul Michling (17, r.) aus der Klasse 11 I des Christlichen Johanneum-Gymnasiums befassten sich im Projekt »Wider das Vergessen« mit dem bewegenden Schicksal der Puppenspieler-Familie Blum. Diese Sinti und Roma Familie lebte einige Jahre in der Stadt Hoyerswerda.

Erik Peter (17, l.) und Paul Michling (17, r.) aus der Klasse 11 I des Christlichen Johanneum-Gymnasiums befassten sich im Projekt »Wider das Vergessen« mit dem bewegenden Schicksal der Puppenspieler-Familie Blum. Diese Sinti und Roma Familie lebte einige Jahre in der Stadt Hoyerswerda.

Foto: Andreas Kirschke

Zeitzeugen sind authentische, glaubwürdige Mahner und Erinnerer. Im Schüler-Projekt »Wider das Vergessen« gelten sie als unver-zichtbar. »Damit bleibt reales Geschehen bewahrt. Damit bleibt Wahrheit bewahrt«, unterstrich Hoyerswerdas Oberbürgermeister Torsten Ruban-Zeh (SPD) am Mittwoch im Bürgerzentrum Braugasse 1 zum Empfang der Zeitzeugen.

Musikalisch umrahmten Schüler des Lessing-Gymnasiums das Programm. Ergebnisse eines Forschungsauftrages stellten Schüler des Johanneum-Gymnasiums vor. Gunter Müller von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregims - Bund der Antifaschisten verlas den Brief des erkrankten Zeitzeugen Dr. André Reder. Dessen Eltern wurden durch das NS-Regime in Deutschland und später in der Sowjetunion durch Stalins Regime verfolgt.

 

Seit 28 Jahren zu Gast an Hoyerswerdaer Schulen

Seit 1995 besteht das Schülerprojekt »Wider das Vergessen«. Kontinuierlich findet es jährlich statt. Es geht in die 28. Auflage. Die Regionale Arbeitsstelle für Bildung, Demokratie und Lebensperspektiven e.V. (RAA Hoyerswerda Ostsachsen), der Stadtverband Hoyerswerda der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschi-stinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) und die Stadt Hoyerswerda organisieren das Projekt. Rund 300 Schüler der 9. und 10. Klassen der Oberschule Hoyerswerda, der Christlichen Schule Johanneum, des Lessing-Gymnasiums und des Léon-Foucault-Gymnasiums nehmen in diesem Schuljahr teil.

1.200 Euro Förderung kommt von der Lausitzer Seenland Stiftung für das Projekt. 1.000 Euro spendet der Bundestagsverein der Partei Die Linke. Unterstützung kommt zudem von der Freudenberg-Stiftung, von der LEAG, von Bundestagsabgeordneten, von der Kulturfabrik, vom Martin-Luther-King-Haus und von den Schulen. Mit der Veröffentlichung einzelner Redebeiträge von Zeitzeugen unterstützt der Verein Lausitzer Almanach e. V.. das Projekt.

»Es startet mit dem Empfang der elf Zeitzeugen. Am Folgetag finden die Zeitzeugen-Gespräche in den vier Projektschulen statt«, so Koordinatorin Cindy Paulick von der RAA. Am 27. Januar ist im Kinghaus die Buchlesung zu Inge Auerbachers Werk »Ich bin ein Stern«. Um 13 Uhr folgt ebenda die öffentliche Gedenk-veranstaltung zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Am 30. Januar geht es für 45 Schüler zur dreitätigen Fahrt zur KZ-Gedenkstätte nach Mittelbau-Dora (Nordhausen). Im Mai folgt die Gedenkveranstaltung zum Tag der Befreiung.

 

Auf den Spuren der Puppenspieler-Familie Blum

Mit dem berührenden Schicksal der Puppenspieler-Familie Blum befass-ten sich seit 2019 Schüler des Johanneum-Gymnasiums. Diese Sinti und Roma Familie mit zehn Kindern zog durch die Lande. Von Marlishausen (bei Arnstadt in Thüringen) und Dresden kam sie 1938 nach Hoyerswerda. Ein Fluchtversuch 1942 nach Jugoslawien scheiterte. Die gesamte Familie kam ins KZ-Auschwitz. Dort musste sie in einem einzigen Bett schlafen. Der erst 16jährige Willy Blum und sein vierjähriger Bruder Rudolf kamen am 3. August 1944 ins KZ-Buchenwald. Dort ließ sich Willy freiwillig für Jerzy Zweig auf die Transportliste nach Auschwitz setzen. Dieser Junge konnte somit den Krieg überleben. Schriftstellerin Annette Leo schrieb ihr Buch »Das Kind auf der Liste« über diese bewegende Geschichte. Sie konnte viel über die Familie Blum mit den Eltern Aloys und Toni herausfinden.

Die Schüler des Johanneums forschten im Stadtarchiv Hoyerswerda und an Wirkungsorten der Familie in Hoyerswerda weiter nach. »Wie können wir Willy Blum würdig gedenken? Das war eine zentrale Frage«, schilderte Matthias Oswald, Lehrer für Geschichte und Deutsch am Johanneum-Gymnasium. Viele Vorschläge kamen von den Schülern. Rekonstruieren könnte man den Puppenbestand der Familie Blum. Benennen ließe sich eine Straße nach Willy Blum. Möglich wären mahnende Stolpersteine als Erinnerung an die Familie. Möglich wären Gedenktafeln an Wirkungsorten. Unter anderem wurde Willy Blum 1942 in der Katholischen Kirche konfirmiert.

 

Lebensgeschichte für die Nachwelt bewahrt

»Als Lehrer einer christlichen Schule berührt mich die Humanität, die tiefe Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit von Willy Blum«, meinte Mat-thias Oswald. »Er hatte eine erstaunliche Reife.« Matthias Oswald hofft, dass Annette Leos Buch jetzt bekannter wird und mehr gelesen wird.

Seine Schüler aus der Klasse 11 I – Erik Peter (17) aus Spremberg und Paul Michling (17) aus Hoyerswerda – stellten beim Empfang der Zeitzeugen das Projekt »Willy Blum« näher vor. Mit ihren Mitschülern haben sie eine Wandzeitung mit den wichtigsten Fragen, mit den Biographien, mit Fotos und mit den Wirkungsorten der Familie in Hoyerswerda gestaltet. Sie sind heute im selben Alter wie Willy Blum damals 1944.

Dessen Lebensgeschichte bleibt durch das Projekt »Wider das Vergessen« für die Nachwelt bewahrt. Stadt, Stadtrat, Schülerrat, Vereine und Initiativen, so Matthias Oswald, sollten sich weiter mit dem Thema befassen. Heinrich Ruynát (81) vom Stadtverband VVN-BdA unterstrich: »In dieser Kontinuität, in der Langfristigkeit, in der Vielfalt der Veranstaltungen und Aktivitäten, in den überparteilichen Inhalten, in dem Umfang der Öffentlichkeitsarbeit und in der Auswahl der Zeitzeugen hat dieses Projekt wirklich bundesweit Ausstrahlung. Möge es weitergehen. Ich erhoffe mir, dass die Schüler der Geschichte gedenken.«


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