Carola Pönisch

Bett aus Pappe für humanitäre Hilfseinsätze

Dresden. Dürren, Flucht, Seuchen: Wenn in humanitären Katstrophen Notunterkünfte oder Krankenhäuser errichtet werden, brauchen Helfer schnell eine große Anzahl von Betten. Meist kommen dabei Feldbetten aus Kunststoff und Metall zum Einsatz, die nach der Verwendung zurückgelassen werden. Das verschärft Müllprobleme, die in Katastrophenlagen ohnehin oft erheblich sind. Zudem werden die Betten nach der aufwendigen Herstellung in Fernost auf langen Logistikketten über Europa in die Einsatzgebiete geliefert.

Im Projekt „AidBoards “ haben Forscher um Diplom-Ingenieur Sven Gille vom Lehrstuhl für Holztechnik und Faserwerkstofftechnik der TU Dresden eine Alternative entwickelt: medizinische Einwegbetten aus nachwachsenden Rohstoffen, die nicht nur umweltschonend und günstig herzustellen, sondern auch zu entsorgen sind. Projektpartner waren ein sächsischer Medizinprodukte-Hersteller, ein Logistikberater für humanitäre Hilfe und der Verpackungsproduzent THIMM. Von 2018 bis 2020 wurde das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Ideenwettbewerbs „Neue Produkte für die Bioökonomie“ gefördert.

Zunächst experimentierten die TUD-Forscher mit Holz, doch dann erwies sich Pappe als das bessere Material: günstiger, leichter und noch nachhaltiger. „Wir haben uns selbst sehr hohe Ansprüche gesetzt. Ein Jahr lang haben wir die Konstruktion immer wieder geändert“, sagt Gille. Das Ergebnis ist ein zwei Meter langes und ein Meter breites Papp-Bett, das als Steckset in das Krisengebiet geliefert und dort mit wenigen Handgriffen aufgebaut werden kann, ganz ohne Werkzeuge. Die Auflage aus Baumwolle oder Jute kann für den nächsten Benutzer einfach gewechselt werden, um Desinfektionsmittel zu sparen. Nach dem Gebrauch können die Helfer das Papp-Bett recyceln, kompostieren oder fast CO2-neutral verbrennen. 

Im Oktober 2019 wurde das Start-up corrugAid gegründet, um die Kompetenzen für Herstellung, Vertrieb und Gestaltung zu bündeln. Der Name leitet sich vom englischen Verb corrugate (wellen, riffeln) ab. Auf Basis des Prototyps soll die Markteinführung der Betten noch 2020 erfolgen. „Wir sind in aktuellen Gesprächen, unter anderem mit Partnern der humanitären Hilfe“, sagt Maurice Jedlicka von corrugAid. Man sei produktionsbereit. Auch wenn die TUD nicht an dem Startup beteiligt ist, unterstützen die Dresdner Forscher corrugAid weiterhin mit ihrem Know-how, aktuell bei der Anmeldung eines DIN-Standards für Mobiliar aus Wellpappe.  

Am Lehrstuhl für Holztechnik und Faserwerkstofftechnik geht unterdessen die Forschung an nachhaltigen Produkten aus Pappe weiter. „Im Rahmen studentischer Arbeiten sind neue Konzepte entstanden. Wir entwickeln gerade nachhaltige Stühle und Tische, bis hin zu OP-Tischen aus Pappe für den Katastrophenschutz“, sagt Gille. Er kann sich auch eine eigene Ausgründung vorstellen. Dafür ist er aktuell auf der Suche nach interessierten Investoren und Partnern. Denn die Forschung soll nicht in der Schublade landen – sondern dort, wo humanitäre Hilfe gebraucht wird.

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