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Neue Lausitzer Philharmonie spielt Olivier Messiaens

Im Herbst 2015 widmet sich die Neue Lausitzer Philharmonie unter Generalmusikdirektor Andrea Sanguineti einem Werk der Neuen Musik, das den üblichen Rahmen ihrer Philharmonischen Konzertreihe sprengt: Olivier Messiaens Turangalîla-Sinfonie.
Bilder
Der auf seltene Instrumente spezialisierte Musiker Thomas Bloch. Foto: GHT Görlitz-Zittau

Der auf seltene Instrumente spezialisierte Musiker Thomas Bloch. Foto: GHT Görlitz-Zittau

Damit leistet das Orchester einen Beitrag zur Beschäftigung mit dem Schaffen des französischen Komponisten, der 1940 neun Monate lang in einem Kriegsgefangenenlager im damaligen Görlitz-Moys (heute: Zgorzelec-Urzad) inhaftiert war.

Zum Werk

Olivier Messiaen komponierte die "Turangalîla-Sinfonie" für Soloklavier, Ondes Martenot und großes Orchester im Auftrag von Sergej Kussewitzky für das Boston Symphony Orchestra, welche am 2. Dezember 1949 unter der Leitung von Leonard Bernstein uraufgeführt wurde. Die zehnteilige Sinfonie gehört zu den suggestivsten Werken des Komponisten und mittlerweile - nach mehr als 300 Aufführungen - zum Standardrepertoire großer Orchester. Musikalisch changiert Messiaen zwischen Extremen: Süßlicher Hollywoodsound trifft auf bruistische Härte. Dabei zeigt er sich in diesem Kollossal-Werk als Meister im Jonglieren mit Rhythmus, Klang und Farben: Eine Musik, die sehr reich an unterschiedlichsten Klangwelten ist: mal wechseln sich ruhige, melodische Passagen mit schnellen, rhythmischen ab; mal ist die Tonsprache exotisch gefärbt nach Art balinesischer Gamelan-Orchester; mal imitiert das Soloklavier Vogelstimmen. Ein besonderes Kolorit wird durch die Ondes Martenot erreicht, die eine erstaunliche Bandbreite vom zartesten Piano bis zum durchdringenden Sirenenton besitzt. Mit diesen Mitteln beschwört Messiaen ein Fantasie-Indien voller überbordender Euphorie und hemmungsloser Sinnlichkeit herauf. Der Name "Turangalîla" stammt aus dem Sanskrit und wurde sowohl des Klangs als auch seiner Bedeutung wegen ausgewählt. Zusammen bringen die beiden Worthälften die überfließende Energie der Musik und Messiaens Faszination von Zeit und Rhythmus zum Ausdruck: "Turanga" hat sinngemäß die selbe Bedeutung wie unser Wort "Tempo", während "lîla" "Lebenskraft, das Spiel der Schöpfung, Rhythmus und Bewegung" bedeutet. Wie alle seine Stücke basiert auch die scheinbar im Rausch geschriebene "Turangalîla-Sinfonie" auf einer rational disziplinierten Arbeitsweise und bietet einen Überblick über die kompositionstechnischen Neuerungen, die Messiaen bis Mitte der vierziger Jahre entwickelt und systematisiert hat. Hier ist es vor allem der Rhythmus , der sich nun vollends von seiner traditionellen Funktion als Stütze melodischer Abläufe emanzipiert und selbst die barbarische Kraft von Strawinskys "Sacre du printemps" in den Schatten stellt.

Messiaen und Görlitz

Am südöstlichen Stadtrand der Doppelstadt Görlitz-Zgorzelec liegt ein besonderer historischer Ort, der lange Zeit vergessen war und seit wenigen Jahren wieder ins Bewusstsein gehoben wird: das frühere Kriegsgefangenenlager Stalag VIII A. 120.000 Kriegsgefangene aus verschiedenen Ländern wie Polen, Frankreich, Belgien, Großbritannien, Jugoslawien und der Sowjetunion waren von 1939 - 1945 im Stalag VIII A registriert, geschätzte 12.000 überlebten es nicht. Viele von ihnen waren in Arbeitskommandos eingeteilt und prägten somit entscheidend das Görlitzer Stadtbild mit. Dass Musik verbindet und über Schmerz und Elend hinweghelfen kann, bewies Olivier Messiaen, als er während seiner Gefangenschaft im Stalag VIII A das "Quatuor pour la fin du temps" (deutsch: Quartett für das Ende der Zeit) komponierte und gemeinsam mit drei Mitgefangenen erstmals am 15. Januar 1941 in der Theaterbaracke des Lagers aufführte. Heute gehört das Quartett zu den bekanntesten und meistgespielten Musikwerken des 20. Jahrhunderts. Die Tatsache, dass Messiaen es als Gefangener im Stalag VIII A unter primitivsten Bedingungen komponierte, steigert das Ansehen des Stücks noch. Im Dezember 2004 entstand die Idee, an diesem Ort, der für die gemeinsame europäische Geschichte von großer Wichtitgkeit ist, das Europäische Zentrum für Bildung und Kultur Zgorzelec-Görlitz MEETINGPOINT MUSIC MESSIAEN zu gründen - für Kinder, Jugendliche, Künstler und Musiker sowie alle Menschen der Europastadt, der trinationalen Region und Europas. Das Zentrum soll nicht nur die Aufgabe einer Gedenkstätte erfüllen, sondern eine Plattform für die Entwicklung und die Vermittlung eines weitläufigen Verständnisses künstlerischer Aktivitäten sein und den Besuchern Raum für Kreativität bieten. Am15. Januar 2015 wurde das neuerbaute Zentrum schließlich eingeweiht. Zum Gedenken aller, die im Lager litten, bangten und hofften, lädt der MEETINGPOINT MUSIC MESSIAEN seit 2008 jährlich zu einem besonderen Konzert ein. Jedes Jahr am 15. Januar wird am historischen Ort seiner Entstehung das "Quatuor pour la fin du temps" (deutsch: Quartett für das Ende der Zeit) aufgeführt und somit an dieses besondere Ereignis erinnert. Mit der Erstaufführung der "Turangalîla-Sinfonie" im Kulturraum wird die Auseinandersetzung mit dem Werk Messiaens nun maßgeblich erweitert. Um diesem außergewöhnlichen Werk den nötigen Raum zu geben, wechselt die Neue Lausitzer Philharmonie für das Konzert von ihrer Stammspielstätte im Görlitzer Theater in die Lausitzhalle Hoyerswerda und die Turów-Arena im polnischen Zgorzelec.

Konzertpädagogischer Rahmen

Die Probenarbeit der Neuen Lausitzer Philharmonie unter der musikalischen Leitung von GMD Andrea Sanguineti wird öffentlich stattfinden. Für den gesamten Probenprozess sind Schüler und Lehrer vor allem aus Görlitzer Grundschulen aber auch aus der Sekundarstufe I und II eingeladen, nicht nur das Werk sondern auch den Komponisten und die Instrumentengruppen vorab kennen zu lernen. Im Vorfeld sind Einzelveranstaltungen geplant, so unter anderem ein Workshop mit Thomas Bloch und der Ondes Martenot. Im Rahmen der Jugendkonzertreihe "Hexenritt und Drachentöne" wird die "Turangalîla-Sinfonie" als Familienkonzert in Görlitz und Zittau präsentiert. Endproben: 22. - 24. September Aufführungen: 26.09.2015, 19:30 Uhr: Zgorzelec, PGE Turów Arena 27.09.2015, 19:30 Uhr: Hoyerswerda, Lausitzhalle Besetzung Nicolas Rimmer, Klavier Thomas Bloch, Ondes Martenot GMD Andrea Sanguineti, Dirigent Neue Lausitzer Philharmonie


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