Birgit Branczeisz

Ein Riesenkrake für Stuttgart

Dresden. Aus Dresden kommt der Stollen. Der beste sowieso. Das weiß jeder. Aber ein Krake?

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Anfang Januar macht sich ein über drei Meter großer pazifischer Riesenkrake aus Dresden auf den Weg nach Stuttgart. Im dortigen Naturkundemuseum wird er neben anderen faszinierenden Meerestieren dauerhaft zu bewundern sein. Peter Ardelt legt mit seinen Kollegen gerade letzte Hand an die Riesententakel.

Arme werden aufgesteckt, Farbschattierungen aus allen Blickwinkeln geprüft und jeder einzelne der 2.600 Saugnäpfe mit der Airbrush-Pistole nachgearbeitet. Schließlich soll der Krake so echt wie möglich aussehen. Dafür sind die Theaterkulissenmaler David Kaltofen und Andreas Grünewald, die in Ardelts Werkstatt freiberuflich arbeiten, per Computer verbunden, tauschen Bild-Vorlagen von Tauchern, Vorgaben des Naturkundemuseums und Messdaten, die von gestrandeten Meerestieren genommen wurden. Und manchmal muss sich ein Figurenbauer einfach zu helfen wissen.

 

Einfach mal pfiffig sein

Peter Ardelt hat sich aus dem Metro-Großhandel eingefrorene Oktopus-Tentakelspitzen gekauft, deren Form abgenommen und so bis ins kleinste Detail die Verästelungen des Kraken-Arms am Modell nachgestaltet. Die Saugnäpfe sind gescannt und 3D-gedruckt. Auf die modellierte Oberfläche wurden sie alle einzeln eingesetzt. Der Kraken-Körper aus Styropor und Epoxidharz ist innen hohl. Darin verbergen sich Stahlgestänge und Hängeseile. Ein Kulissen- und Figurenbauer muss auch Statik und Brandschutz bedenken – viele der beeindruckenden Exponate schweben schließlich über den Köpfen erstaunter Besucher in Museen, Freizeitparks oder bei Events und Messen.

Peter Ardelts Geschöpfe sind überall auf der Welt: Der riesige Löwe thront auf dem Oktoberfest – 70 Prozent der Bierzelte hat Peter Ardelts Werkstatt inzwischen mit markanten Figuren ausgestattet. Auch der Pflaumentoffel vom Dresdner Striezelmarkt, Zwerge, Riesen, Weihnachtsmänner im ganzen Land, Giraffe Geoffrey von Toy “R“ US, Mickymäuse und Zauberer in Freizeitparks, atemberaubende Saurier-Landschaften in Kleinwelka, übergroße Messe-Aufsteller, die alle Blicke auf sich ziehen - sogar Totenmasken für Kriminalisten, der Urzeitmensch Ötzi in Neustrelitz oder menschliches Dummys fürs militärhistorische Museum Dresden kommen aus der Werkstatt der Dresdner Figurenbauer – einer Halle in der alten Übigauer Werft, die Peter Ardelt zunächst von der Treuhand mieten und 2007 schließlich kaufen konnte.

 

Wale kommen aus Sachsen

Es gibt aber auch Objekte, die selbst für diese Industriehalle einfach zu groß sind. Im Ozeaneum in Stralsund hängt mit 24,5 Metern ein Blauwal unter der Kuppel, für den die Dresdner eigenes eine Schiffshalle vor Ort angemietet hatten. Der Meeresriese ist nicht der einzige Export aus Sachsen. Auch der 16 Meter lange Buckelwal, den Pottwal mit 15 Metern, ein Buckelwal-Kalb und den Riesenkalmar mit Spannweite von 10 Metern kommen aus Dresden. Für das benachbarte Deutsche Meeresmuseum ist 2019 ein acht Meter langer Wal-Hai entstanden, 2022 gesellte sich ein 10-Meter-Brydewal hinzu.

Solche naturgetreuen Modelle entstehen unter ungeheurem Aufwand: ein Ausstellerkollektiv entscheidet zunächst, welche Tiere, Bewegung, Dynamik, Größen entstehen sollen. Die ersten Modelle werden angefertigt und vergrößert, am großen Blauwal haben 12 Bildhauer gearbeitet, das Fraunhofer Institut Hamburg hat Pate gestanden. Bei „kleineren“ Figuren werden die 1:10-Zeichnungen herkömmlich über Raster auf Packpapier vergrößert. „Man kann heute alles projizieren, aber meine Erfahrung ist, wenn ich das von Hand male, verinnerliche ich das das besser“, erklärt Peter Ardelt. Auch wenn er sich eher Handwerker als Künstler nennt - er ist gewiss beides par excellence.

Weitere Infos unter: www.figurenbau-ardelt.de


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