B. Branczeisz / rob

Dresdens erste Fahrradstraße kostet viele Parkplätze

Dresden. Anwohner der neuen Radroute-Ost müssen künftig bis zu 500 Meter zum Parkplatz laufen - falls sie einen bekommen.

Bilder

Der öffentliche Stadtraum wird gerade neu verteilt. Immer mehr Verkehrsteilnehmer beanspruchen Flächen für sich, ob zu Fuß, mit Rad, Auto, Bus oder Straßenbahn. Reichlich Konfliktstoff. Das blitzt bei der Präsentation der "Fahrradstraße Ost" mit Baubürgermeister Stephan Kühn im Tolkewitzer Gymnasium immer wieder durch. Jetzt sollen Fahrradfahrer endlich sichere, durchgängige Magistralen bekommen. Aber eben keinen Freifahrtschein. Die "Radvorrangroute Ost" zwischen Straßburger Platz und Schulcampus Tolkewitz ist eine Vorrangroute mit Einschränkungen. Nicht nur wegen des Autoverkehrs, sondern weil der Stadtrat auch den Vorrang für Bus und Bahn beschlossen hat und die Achse über den Pirnaischen Platz Richtung Osten wichtig für die DVB ist. Da werden Radfahrer durchaus hin und wieder abbremsen müssen, wie Stephan Kühn zugibt. Spüren werden die Veränderungen trotzdem am deutlichsten die Autofahrer, vor allem die Anwohner der betroffenen Nebenstraßen, über die die Radmagistrale geführt wird.

 

Viele Parkplätze fallen weg

 

Radverkehrskoordinatorin Paula Scharfe erklärt warum: Radfahrer brauchen neben ihrer Spur einen Sicherheitstrennstreifen von 75 Zentimetern zu Autos, damit sie vor aufgehenden Autotüren geschützt sind. Senkrechtes Parken würde zudem die Sicht zusätzlich behindern. Da die Breite der Fahrradstraße aber für zwei Räder plus ein entgegenkommendes Auto ausgelegt ist - wenigstens 4,60 Meter - fallen viele Parkplätze weg. Von 1.500 Stellplätzen auf der gesamten Route sind das 320 Stellplätze, rechnet Paula Scharfe vor, davon 250 im ersten Bauabschnitt, 70 in den weiteren. Die Stadt hat ausgehend von der Anwohner- und Kfz-Zahl untersucht, wie viele Stellflächen sie im Umfeld kompensieren kann. "Wir haben versucht in einem Umkreis von 300 Metern zu bleiben, müssen aber teilweise bis 500 Meter gehen", so Paula Scharfe. Wer es 300 Meter zur nächste Haltestelle hat, gilt als vergleichsweise gut erschlossen im ÖPNV. Gerechnet wurde mit insgesamt acht Verkehrserhebungen, früh, abends und am Wochenende. Das Problem: Fremdparker von Firmen, Büro, Geschäften und der benachbarten Moschee sowie anreisende Dynamo-Fans, die alle ebenfalls auf Anwohnerparkplätze drängen, sind nicht berücksichtigt. Die vor allem älteren Anwohner im Viertel Comenius- und Hänelstraße sind empört. Fahrrad-Hardliner kontern, die Stadt hätte sich nicht einmal die Mühe machen müssen, wegfallende Parkplätze zu kompensieren. Da ist Zündstoff drin.

 

Baubürgermeister Stephan Kühn setzt auf Rücksicht und praktische Erfahrungen, die man Schritt für Schritt sammeln will. Doch "auf Sicht Radfahren" wird schwierig angesichts der Zahlen, die die Stadt schon jetzt kennt: Auf der westlichen Comeniusstraße, der Laubestraße, der Prossener Straße sowie östlich der Kipsdorfer Straße bis zum Schulcampus wird es nicht möglich sein, Parkplätze voll zu kompensieren. Beispiele: Von 319 Parkplätzen von der Comeniusstraße bis zur Fetscherstraße, entfallen 135. An der Laubestraße und am Stresemannplatz fallen 40 von 110 Stellplätzen weg. An der Prossener-/Bergmann Straße, derzeit 82 Plätze, entfallen 25. Am Abschnitt Kipsdorfer Straße fallen 68 Parkplätze weg. Für die Comenius- und Prossener Straße werden daher Bewohnerpark-Zonen untersucht, wie es sie am Schillerplatz bereits gibt. Die Fahrradstraße soll abschnittsweise freigeben werden, wenn das Parkthema behandelt ist, hat Stephan Kühn versprochen. "Letztlich muss aber der Vermieter Parkplätze nachweisen, es kann nicht Aufgabe der Stadt sein, kostenlose Parkplätze anzubieten", so Stephan Kühn. Ja, der Ton ist rauer geworden. Es gibt aber auch neue Ideen: Mit Aldi startet die Stadt jetzt den Versuch, Parkflächen nachts für Anwohner frei zugeben. Parken wird also beschwerlicher - Autofahren ebenso.

 

Vorrang für Fahrräder

 

Kfz und Lkw bleiben zwar auf der Fahrrad-Vorrangstraße zulässig, aber schön hinter dem Radfahrer. Radfahrer dürfen nebeneinander fahren und müssen nicht zur Seite, wenn ein Auto kommt - nur mit einem Mindestabstand von 1,50 Metern ist überhaupt Überholen möglich. Für alle gilt Tempo 30. Allerdings haben sich auch alle an die StVO zu halten, automatische Vorfahrt haben Radfahrer nicht. Trotzdem werden die meisten Kreuzungen so beschildert und beampelt, dass das "Rad" meistens doch Vorfahrt bekommt. Die beiden Knotenpunkte Lauensteiner-Kipsdorfer Straße und Lauensteiner-Glashütter Straße erhalten außerdem zwei Diagonalsperren mitten auf der Kreuzung. Gegen den Schleichverkehr - die Poller können nur Rettung, Versorgung und Pflege mit dem Feuerwehr-Dreikant entfernen. Schilder, rote Fahrbahn-Markierungen und Piktogramme sowie eine Banner-Aktion der Stadt sollen alle Verkehrsteilnehmer in die neue Radmagistrale einüben. Weitere sind bereits angekündigt - denn mittlerweile werden 18 Prozent aller Wege in Dresden mit dem Fahrrad zurückgelegt.

 

Fragen können Sie an fahrradverkehr@dresden.de senden