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Stefan Staindl

»Der Wirtschaft geht es nicht gut«

Cottbus. Der Mittelstand ist Garant für Stabilität und Fortschritt, betont der Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW). Wie es dem Mittelstand aktuell geht, erzählt BVMW-Regionalleiter Ralf Henkler im Interview
Ralf Henkler, Leiter der Wirtschaftsregion Brandenburg Süd-Ost im BVMW.

Ralf Henkler, Leiter der Wirtschaftsregion Brandenburg Süd-Ost im BVMW.

Bild: privat

Der Mittelstand galt stets als Motor der deutschen Wirtschaft. Inwiefern läuft dieser Motor noch?

Ralf Henkler: Ich bleibe einmal im Bild. Die Energiezufuhr wird reduziert, der Verschleiß nicht kontrolliert, die Leistung gedrosselt und der Bewegungstrieb von mehreren Seiten gebremst. Unter diesen Voraussetzungen fängt jeder Motor irgendwann an zu stottern. Der Wirtschaft geht es nicht gut.

Der Vorsitzende der Bundesgeschäftsführung des BVMW, Christoph Ahlhaus, spricht davon, dass die Wirtschaftskrise mit voller Wucht in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Inwieweit stimmen Sie ihm zu?

Ich stimme der Aussage zu 100 Prozent zu. Die Konzerne beginnen damit, Produktionslinien in Deutschland stillzulegen. Die Bauwirtschaft hat einen Auftragsrückgang von 50 Prozent zu verkraften. Die Unternehmensinsolvenzen haben gegenüber dem vergangenen Jahr um 22 Prozent zugenommen. Schon jetzt befinden wir uns in einer Rezension. Folgerichtig sinkt der Konsumklimaindex. Unternehmen und Menschen sind im Ausgeben von Geld vorsichtig geworden.

Mit welchen konkreten Herausforderungen hat der Mittelstand in der Wirtschaftsregion Brandenburg Süd-Ost demzufolge zu kämpfen?

Das mit Abstand größte Problem ist der Mangel an Arbeitskräften. Es gibt keine Branche, die davon unberührt ist. Der Mangel lässt sich nur durch nationalen und internationalen Zuzug von Arbeitskräften kompensieren. Das wiederum setzt ein positives Image der Lausitz voraus. Hier sehe ich auch unsere größte Aufgabe. Mit positiven Nachrichten, von denen die Lausitz zweifellos viele zu bieten hat, die auch von Mund zu Mund getragen werden müssen, kann jeder Einzelne seinen Beitrag leisten. Als zweite Herausforderung ist hier die noch immer zunehmende Bürokratie zu nennen. Die seit Jahren angekündigte Entlastung findet nicht statt. Im Gegenteil: Ein Bauunternehmer sagte mir kürzlich, dass die Anforderungen in diesem Bereich in den letzten zehn Jahren um 50 Prozent gestiegen sind. Weitere gravierende Probleme sind steigende Kosten und Abgaben. Dadurch werden Leistungen und Produkte gerade auch im internationalen Maßstab immer teurer und damit schwerer absetzbar.

Inwieweit sehen Sie hier ein Versagen der Bundesregierung und welche strategischen Fehler hat sich die Politik hier in Ihren Augen geleistet?

Es gibt eine ganze Reihe strategischer Fehler. Zum Beispiel sind die Preise für Elektroenergie in Deutschland die mit Abstand höchsten weltweit. In einer Zeit, in der sich in Deutschland eine Energieknappheit andeutete, hat es die Bundespolitik versäumt, durch schnelles und konsequentes Handeln, die eigene Energieerzeugung hochzufahren. Dadurch explodierten die Preise, die dann wieder mit viel Steuergeld abgepuffert werden mussten. Eine zuverlässige Energiepolitik sieht anders aus. Die Bundesregierung versucht über eine allgemeine Verbotspolitik dem Land ihren Stempel aufzudrücken. Sehr viel erfolgreicher ist eine Anreizpolitik, in der durch Technologieoffenheit die besten Lösungen verfolgt werden. Gegenwärtig ist es so, dass Lösungen von der Politik vorgegeben werden, die zum Teil praxisuntauglich sind und somit bei den Betroffenen für Unverständnis sorgen. Das Ergebnis ist Vertrauensverlust.

Was wären kurzfristige Lösungen, mit denen der Mittelstand wieder an Fahrt gewinnen könnte und was geht nur langfristig zu realisieren?

Kurzfristige Lösungen sind schwer vorstellbar, da die Problembereiche sehr komplex sind und leider viele Jahre von der Bundespolitik vernachlässigt wurden. In erster Linie ist es die Berücksichtigung von unternehmerischem Sachverstand bei der Erarbeitung von politischen Entscheidungen. Darüber hinaus muss es eine umfangreiche Entschlackung von Gesetzten und Verordnungen geben, die übrigens Wirtschaft und Institutionen gleichermaßen behindern. Die Einführung einer medienbruchfreien Digitalisierung auf allen Verwaltungsebenen sowie die Errichtung einer leistungsfähigen digitalen Infrastruktur sind ebenso unabdingbar wie ein leistungsfähiges und in allen Bundesländern einheitlich hochwertiges Bildungssystem. Mit diesen und vielen weiteren Maßnahmen muss Unternehmertum so attraktiv gemacht werden, dass junge Menschen ermutigt werden Unternehmen zu gründen oder auch bestehende Unternehmen zu übernehmen.

Der von Ihnen angesprochene Fachkräftemangel resultiert aus dem Bildungsnotstand. 70 Prozent der Mittelständler gaben laut einer BVMW-Umfrage Ende 2023 an, dass die Qualität der Bewerbungen gesunken ist. Was sind die größten Gefahren, die sich aus dem momentanen unzureichenden Bildungssystem für den deutschen Mittelstand ergeben?

Studien zeigen, dass die sinkende Innovationsfähigkeit deutscher Unternehmen in direktem Zusammenhang mit dem Ausbildungsniveau steht. Kurz: Wer weniger weiß und weniger kann, ist auch weniger in der Lage, Neues zu schaffen und innovative Lösungen für den Zukunftserfolg der deutschen Wirtschaft zu entwickeln.

Welche klaren Forderungen hat demnach der Mittelstand an die Bildungspolitik?

Das Bildungsniveau darf sich nicht dem Leistungsniveau der Schüler, Azubis und Studierenden anpassen. Erteilte Bildungszeugnisse müssen das reale Bildungsniveau abbilden. Es kann z.B. nicht sein, dass Absolventen der 10. Klasse die Prozentrechnung nicht beherrschen. Die Situation ist mittlerweile so prekär, dass Unternehmen ihre eigenen Tests durchführen, weil sie sich auf die Zeugnisergebnisse der Schulen nicht mehr verlassen können. Ein weiteres großes Anliegen der Wirtschaft ist die Einführung der Praxisbildung als festen Bestandteil des Lehrplans, um Schülern die Möglichkeit zu geben, ihre praktischen Fähigkeiten zu testen und Talente zu fördern. Gleiches gilt für die Sensibilisierung von betriebswirtschaftlichem Wissen und Grundlagen des Unternehmertums. Es gibt bereits Schulen die die Gründung von fiktiven Schülerunternehmen forcieren. Auch das sollte Bestandteil des Lehrplans werden.

Im Rahmen des Strukturwandels befindet sich die Lausitz zurzeit in einem Transformationsprozess. Inwieweit sehen Sie hier das Risiko, dass sich der Mittelstand aufgrund der aktuellen Situation nicht ausreichend an diesem Wandlungsprozess beteiligen und anpassen kann?

Ich sehe hier für die regionale Wirtschaft viel mehr die Chancen als das Risiko. Als Vertreter des Mittelstands bildet der BVMW branchenübergreifend die Scharnierfunktion zwischen Wirtschaft einerseits und Politik und Institutionen andererseits. Ich persönlich sitze in einigen Gremien, die sich mit dem sinnvollen Einsatz der Strukturentwicklungsgelder beschäftigen. Unternehmen können hier direkt Fördermittel zum Beispiel über die Förderprogramme JTF und RIK für die Gründung, Modernisierung, Erweiterung und Diversifizierung oder auch für die Entwicklung von neuen Produkten und/oder Leistungen nutzen. Hier beraten wir sehr gern. Darüber hinaus werden Unternehmen von zirka 10,6 Milliarden Euro indirekt partizipieren, die schon jetzt und in den nächsten 15 Jahren in die brandenburgische Lausitz investiert werden.

Ohne Nachhaltigkeit und Digitalisierung besteht jedoch die Gefahr, dass Unternehmen ihre Zukunftsfähigkeit verlieren. Wie könnte hier der Mittelstand in der Lausitz noch besser mitgenommen und eingebunden werden?

In erster Linie ist die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens die wichtigste Aufgabe der Geschäftsführung selbst. Das kann ihr auch niemand abnehmen. Multiplikatoren wie der BVMW müssen dafür sorgen, dass wirtschaftsfördernde Informationen und Leistungen bei den Unternehmen punktgenau ankommen oder bei Bedarf abgerufen werden können. Das gilt insbesondere auch für den sprichwörtlichen ›Blick über den Tellerrand‹. Mit unseren Angeboten für Unternehmen ›systematisieren wir Zufälle‹. Dabei spielt die wissenschaftliche (Neu)ausrichtung der Lausitz eine herausragende Funktion. Durch die Ansiedlung der außeruniversitären Forschungsinstitute und Zentren werden sich für die regionale Wirtschaft viele interessante Perspektiven ergeben. Ich möchte an dieser Stelle stellvertretend nur ein Beispiel nennen. Gemeinsam mit der Forschungsfabrik ›chesco‹ hat der BVMW das Netzwerk ›Innovationsdruck‹ gegründet. Hier möchten wir im Bereich der additiven Fertigung regionale Unternehmen fortlaufend über das Thema 3d-Druck inklusive Technologien und Anwendungen informieren um neue Geschäftsmodelle für Unternehmen zu entwickeln. Hier trifft Zukunft auf Wirtschaft und Wissenschaft gleichermaßen.

Was noch zu sagen wär?

Die Lausitz ist gerade dabei, die große Bühne der Selbstverwirklichung zu betreten. Sie entwickelt sich zu ›DEM‹ europäischen Drehkreuz der Elektromobilität. Große Konzerne siedeln sich an, weil sie die attraktive Infrastruktur der Energieregion schätzen. Wissenschaft und neue Technologien werden der Lausitz ein völlig neues und interessantes Gesicht verleihen. Junge Menschen entdecken die Freiräume und die Attraktivität des entstehenden ›Lausitzer Seenland‹ für sich und ihre Familien. All das sind wichtige Indikatoren für die nachhaltige Entwicklung eines gesunden Mittelstands. Die größte Aufgabe und gleichzeitig wichtigstes Ziel ist der Aufbau eines positiven Images der Lausitz. Die vielen neuen Arbeitsplätze, die in den nächsten Jahren entstehen werden, können ohne Zuzug nicht besetzt werden. Zuzug erfordert jedoch, neben gut bezahlten Jobperspektiven, auch ein attraktives Umfeld, das wiederum ein positives Bauchgefühl erzeugt. Einen Beitrag dafür leistet www.echt-lausitz.de - das Portal der guten Nachrichten aus der Lausitz.


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