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In der Lok Richtung Westberlin

Katrin Kittel erlebte die Wendezeit als Zugbegleiterin. Gesetze wurden auch bei der Bahn ausgehebelt, Kontrollen waren aufgrund des hohen Andrangs nicht (mehr) möglich.
Bilder
Sprecht miteinander: Ein Spruch, der auch für Katrin Kittel allgegenwärtig ist. Foto: sr

Sprecht miteinander: Ein Spruch, der auch für Katrin Kittel allgegenwärtig ist. Foto: sr

Diese Ereignisse haben Geschichte geschrieben. Es passierte an einem Donnerstag, genauer gesagt am 9. November 1989. In den späten Nachmittagsstunden begann eine Pressekonferenz über die aktuellen Ereignisse in der DDR. 
Die Führungsspitze der Sozialistischen Einheitspartei Deutschland (SED) hatte Maßnahmen angekündigt, um die Flucht zahlreicher Bürger und deren steigende Widerstände eindämmen zu können. Der erste Sekretär der SED-Bezirksleitung, Günter Schabowski, erklärte, dass eine neue Reiseregelung gelte und somit Privatreisen ins Ausland ohne Angabe bestimmter Voraussetzungen möglich seien. Als ein Journalist fragte, ab wann genau die neue Verordnung gelte antworte Günter Schabowski: »Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich.«

Diese Worte öffneten nicht nur die deutsche Grenze, sondern auch die Herzen und das Bewusstsein vieler Menschen, die sich massenweise auf den Weg von der DDR nach Westberlin machten. Vorreiter hatten durch heftige Proteste und eine (versuchte)  Ausreise-Welle nach Ungarn mutig und selbstbestimmt, trotz gefährlicher Ungewissheit, den Weg für dieses historische Ereignis geebnet. Die Straßen Richtung Berlin waren nach dem Fall der Mauer plötzlich voll mit grasgrünen, beigefarbenen und weißen Trabanten und Moskvich.
Wenn man denn als DDR-Bürger ein Auto hatte. Schließlich betrug die Wartezeit für ein Fahrzeug zwischen zehn und fünfzehn Jahre. Deshalb wollten oder mussten viele Menschen in den Tagen rund um den Mauerfall mit dem Zug nach Westberlin fahren. Bilder die Katrin Kittel nicht mehr vergessen wird.

Der Bahnhof in Hoyerswerda war voller Menschen. Sie alle wollten zur Berliner Mauer, die 28 Jahre, zwei Monaten und 28 Tage nach ihrem Bau gefallen war.  Euphorie, Freude und Überwältigung machten die Ereignisse zu dem, was es war: eine friedliche Revolution.
Katrin Kittel hatte am Tag des Mauerfalls einen freien Tag. Sie verfolgte die Geschehnisse im Fernsehen. Am nächsten Arbeitstag wurde sie hautnah Zeuge davon, was sich da draußen abspielte. »Es war einfach der echte Wahnsinn. Die Züge waren so voll, dass wir nicht kontrollieren konnten. Das ging einfach nicht. Wir sind dann zu fünft in der Lok vorne mitgefahren, wo eigentlich nur Platz für zwei Personen war«, erinnert sich die Zugbegleiterin.

Die Atmosphäre sei komisch, aber auch spannend gewesen. Keiner der Fahrgäste hatte Probleme mit den sehr beengten Verhältnissen in den Zügen. Das Gefühl von Freiheit und Hoffnung versetzte auch hier bei vielen Menschen Berge. Eltern schnappten ihre Kinder, um in den Zug zu gelangen und ließen ihre Kinderwagen einfach auf dem Bahnhof stehen. Die Deutsche Reichsbahn lieh den Berliner Verkehrsbetrieben S-Bahnen aus, die zu dieser Zeit, laut ihrer Chronik, viermal so viele Fahrgäste transportierten als an normalen Wochenenden. Es pendelten über 40 Sonderzüge zwischen der DDR und Westberlin, bis sich der erste Ansturm etwas legte.

Natürlich besuchte auch Katrin Kittel Westberlin. Wegen ihrer Bahnuniform dachten nicht nur viele Reisende, dass sie von der Hoyerswerdaerin kontrolliert werden würden.  Die bunte Fülle in den Einkaufsläden habe sie aber fast erschlagen. Kannte sie Westdeutschland doch größtenteils nur aus Erzählungen von ihrer Oma. »Ich hatte eigentlich keine Erwartungen. Dieser Überfluss in den Regalen war mir aber einfach zu viel. Deshalb konnte ich nichts weiter kaufen. Außer Fruchtzwerge für meinen Sohn«, erinnert sich die heute 53-Jährige zurück.

Ein Ereignis von damals ist Katrin Kittel noch gut in Erinnerung geblieben: Als die Familie später mit ihrem Auto in Westdeutschland in den Urlaub gefahren war, sorgte ihr altes DDR-Autokennzeichen für Verwunderung: »Ein Mann hat tatsächlich vor unserem Auto gekniet um das Kennzeichen ganz genau lesen zu können, weil er glaubte, wir sind sehr weit aus dem Ausland angereist.«


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