Sandro Paufler

Ich gehe mit Stolz und Sorgen

Landkreis Bautzen. Der ehemalige Landrat Michael Harig zieht ein Resümee über seine Amtszeit und spricht im Interview über die finanzielle Lage des Landkreises, die Herausforderungen im Strukturwandel, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt und der Idee, ein eigenes Buch zu schreiben. Michael Harig ist und bleibt ein viel beschäftigter Mann.

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Im Interview mit dem WochenKurier äußert sich Michael Harig über seine 21-jährige Zeit als Landrat und seine Pläne für die Zukunft. Hier ein Foto aus seiner Amtszeit.

Im Interview mit dem WochenKurier äußert sich Michael Harig über seine 21-jährige Zeit als Landrat und seine Pläne für die Zukunft. Hier ein Foto aus seiner Amtszeit.

Foto: Sandro Paufler

Herr Harig, als Landrat waren Sie ein beschäftigter Mann und im Landkreis viel unterwegs. Wie kann man sich nun Ihren Alltag vorstellen?

Mir ist noch keine Minute langweilig gewesen. Es gab noch viele Nachfolgetermine im Zusammenhang mit meinen Ehrenämtern, also dem Ostdeutschen Sparkassenverband, dem Verkehrsverband ZVON und anderen. Wir haben wie jedes Jahr im September Urlaub gemacht und wir bewirtschaften als Hobby eine kleine Landwirtschaft mit circa zehn Hektar. Vieles, was lange Jahre liegenbleiben musste, wird nun aufgearbeitet. Also, der Tag reicht des Öfteren nicht aus. Das geht auch zu Lasten von Erwartungen an meine Person im ehrenamtlichen Bereich. Aber, ich gelobe Besserung.

 

Wenn Sie rückblickend auf Ihre Amtszeit schauen, gibt es Entscheidungen, auf die Sie besonders stolz sind?

Ich habe die Funktion immer als kollektive Veranstaltung- neudeutsch als Teamwork- verstanden. Zufrieden bin ich mit unserem Festhalten an der 100-prozentigen Beteiligung an der Oberlausitzer Kliniken- Gruppe mit ihren Krankenhäusern und Pflegeheimen. Auch die Investitionen in unser Theater oder die Energiefabrik Knappenrode, die vielen Rettungswachen und Schulen, den Straßen- und Brückenbau machen in gewisser Weise Stolz. Der Landkreis Bautzen hat all die Jahre rund doppelt so viel je Einwohner investiert wie der Durchschnitt aller andern sächsischen Landkreise. Wir haben Naturkatastrophen gemeistert und Europas größtes Breitbandprojekt gestemmt.

 

Gibt es auch politische Entscheidungen, die Sie im Nachhinein bereuen? Natürlich. Dazu zählen Schulschließungen und auch die Aufgabe wichtiger Infrastruktur, insbesondere im Bahnbereich. Ich denke dabei an die Relationen Bautzen- Hoyerswerda, Bautzen- Löbau oder auch Bautzen- Wilthen. Diese Entscheidungen wurden nicht direkt von uns getroffen und verantwortet. Mit dem Wissen von Heute, hätte aber mehr gekämpft werden müssen.

 

Der Landkreis Bautzen steht im Wandel - und zwar im Strukturwandel. Sie haben nun den Blick von außen. Denken Sie, der Strukturwandel kann im Kreis Bautzen gelingen?

Davon bin ich überzeugt. Fährt man durch den Landkreis und spricht mit den Unternehmern aller Branchen, also von der Industrie über das Handwerk bis zur Landwirtschaft, dann gibt es eine Botschaft: es fehlen Leute, die motiviert und gut ausgebildet sind. Wenn man Strukturwandel gedanklich ausschließlich mit Ansiedlungen wie Tesla oder Intel verbinden würde, würden sich die Probleme potenzieren. Es geht darum, neue und innovative Arbeitsplätze sowie Unternehmungen, insbesondere aus dem Bestand heraus zu entwickeln und das dafür notwendige Umfeld zu schaffen. Dazu zählt Schule, Kinderbetreuung, Kultur, ÖPNV und vor allem Infrastruktur. Die Kohlegewinnung und Verstromung hat die Region nahezu zwei Jahrhunderte geprägt. Man darf nicht erwarten, dass ein Strukturwandel in zwei bis fünf Jahren möglich ist. Den Menschen in den Tagebauen und in den Maschinenhallen oder Schaltwarten der Kraftwerke müssen verlässliche Perspektiven in der Heimat aufgezeigt werden. Die Chancen des Strukturwandels müssen deshalb in einem positiven Diskurs erörtert werden.

 

Wie sieht es mit der Industrie in der Lausitz aus? Schließlich werden in diesem Bereich die meisten Arbeitsplätze geschaffen?

Dazu folgendes: Das Ifo- Institut hat vor acht Jahren im Auftrag der Wirtschaftsinitiative Lausitz untersucht, welchen Anteil die Industrieproduktion in der Lausitz am Bruttosozialprodukt ausmacht. Man kam erstaunt zum Ergebnis, dass dies über 30 Prozent beträgt. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 26,2 Prozent. Wir sind also in gewisser Weise überindustrialisiert. Ich würde mir wünschen, dass der Strukturwandelprozess noch mehr die Ergebnisse der "Zukunftswerkstatt Lausitz" beachtet. Viele Menschen haben kluge Gedanken geäußert und niedergeschrieben. Alle Entscheidungen zu Projekten sollten die Frage beantworten, ob sie geeignet sind einen Beitrag zu leisten diese 30 Prozent zu halten und auszubauen. Wohlgemerkt: die Städte und Gemeinden sind für das Umfeld zuständig. Vom Wohnen über die Kinderbetreuung bis zu Verkehr, Breitband, Kultur oder Sport.

 

Erst kürzlich wurde bekannt, dass der Landkreis Bautzen mit einem Haushaltsdefizit von über 22 Millionen Euro zu kämpfen hat. Auch andere Landkreise und Kommunen stehen in finanzieller Schieflage. Sie sind zwar kein politischer Entscheider mehr, aber was muss sich Ihrer Meinung nach grundlegend ändern, um der immer größer werdenden Finanzierung Herr zu werden?

Die Ursachen sind vielfältig. Da wäre zunächst eine Sozialpolitik, die zu immer mehr Ansprüchen führt ohne das die finanziellen Konsequenzen beachtet wurden. Die Landkreise sind immer die Ersten und die Letzten, welche die Folgen aus ihren Haushalten bestreiten müssen. Wenige Beispiele: Pflegestärkungsgesetz, Angehörigenentlastungsgesetz, Unterhaltsvorschussgesetz, Eingliederungshilfe, Bildung und Teilhabe und nun noch Bürgergeld. Einerseits werden überall Mitarbeiter gesucht und andererseits wird das Prinzip "Fördern und Fordern" aufgegeben. Ich kann Solches nicht verstehen.

Hinzu kommen die Aufwendungen für die Pandemiebekämpfung, den Ukrainekrieg und die erneut steigenden Flüchtlingszahlen aus vielen anderen Teilen dieser Welt. Ein Landkreis ist auch Energieverbraucher. Die Verwaltungsstandorte, Schulen, Rettungswachen, der ÖPNV, die Rettungsdienste, die Abfallentsorgung, die Sektoren Kunst, Kultur und Sport - überall schlagen die Kostenerhöhungen genauso durch, wie bei jedem privaten Haushalt auch.

Zusätzlich kommen die bevorstehenden Tarifverhandlungen. Ich glaube, dass wir einen nationalen Konsens darüber benötigen was wirklich wichtig ist, um die Situation zu beherrschen. Gegenwärtig ist viel zu viel Ideologie und Selbstgerechtigkeit im Spiel. Die biblische Maxime "Einer trage des anderen Last" ist nur durchzuhalten, wenn der, der tragen soll, dazu noch in der Lage ist. Die Menschen, welche als Facharbeiter und Angestellte, als Unternehmer, Handwerker oder Landwirt, als Hilfskräfte und Dienstleister in diesem Land die Voraussetzungen schaffen sozialgerecht und kulturvoll sein zu können, geraten zunehmend aus dem Fokus der öffentlichen Wahrnehmung.

 

Eine weltweite Pandemie, Krieg in Europa und die Energiekrise. Haben Sie eigentlich Angst vor der Zukunft und auf welche Zeiten müssen wir uns Bürgerinnen und Bürger einstellen?

Nein, denn Angst ist der schlechteste Ratgeber. Sorge ist eine bessere Bezeichnung - und Sorgen mache ich mir wie viele andere Menschen auch. Gleichwohl lasse ich mich davon leiten, dass diese Welt, dieses Land schon vieles durchmachen musste. Und immer wieder haben es die Menschen geschafft, neue, teils bessere Wege zu finden. In jedem Problem stecken auch Chancen. Wir haben die Erfahrung gemacht, das ein Mehr an materiellen Dingen nicht zu einem Mehr an Glück oder Zufriedenheit führt. Unterhalten sich Menschen von "Früher"- was auch immer das ist, dann geht es nach dem Abzug einer regelmäßigen Verklärtheit meist immer um Kameradschaft und Zusammengehörigkeit. Dieses Miteinander wird heute vermisst. Die empfundene Ellenbogengesellschaft ist ein Resultat dessen.

 

Viele Politiker, die in den politischen Ruhestand gegangen sind, haben ihre freie Zeit mit dem Reisen oder dem Schreiben eines eigenen Buches gewidmet. Haben Sie ähnliche Pläne?

Ja, die habe ich. Zunächst möchte ich mich weiter in den Bereichen Energieregion und dem Strukturwandel engagieren. Also es soll auch noch etwas Arbeit sein. Auch unser Wohnmobil wollen wir intensiver nutzen. Wir haben vier Kinder und 11 Enkel. Zeitliche Defizite sind auch familiär zu kompensieren. Nun, auch ein Buch soll eventuell entstehen. Es geht mir dabei weniger um meine eigene Geschichte, vielmehr um Beobachtungen, wie gesellschaftliche und technische Entwicklungen im Positiven wie Negativen auf die Menschen der Region und im Lande wirken. Und die kleine Landwirtschaft wir weiterhin unser Leben bereichern.


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