Tamara Schüppel

Allein im Krieg mit Hunger, Angst und Grauen

Hoyerswerda. Im Johanneum Hoyerswerda wurde jetzt die berührende Wanderausstellung über Wolfskinder eröffnet.

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Dr. Jens Baumann verbindet Geschichte
und Gegenwart.

Dr. Jens Baumann verbindet Geschichte und Gegenwart.

Foto: T. Schüppel

Wolfskinder - so nennt man die ostpreußischen Kinder, die als Kriegswaisen ins heutige Baltikum flüchteten, um dem Hungertod zu entkommen. Das Ende des Zweiten Weltkrieges nahte, aber nicht die Überlebenskämpfe der Wolfskinder. Das erklärte Gastreferent Dr. Baumann vom Sächsischen Staatsministerium des Innern am 19. Januar den Besuchern des Johannesforums in der Christlichen Schule Johanneum.

Viele der traumatisierten Kinder überlebten durch Nahrung aus Waldfrüchten und Kräutern, deshalb nannte man sie Wolfskinder. Manchmal hatten sie Glück und durften bei litauischen Bauern arbeiten. Leider gab es auch Missbrauch und Versklavung.

Erst 1947 genehmigte Stalin die Ausreise deutscher Waisenkinder. Die Transporte waren ein weiteres Grauen: Hunderte Kinder wurden in Viehwaggons gesperrt. Pro Waggon gab es nur eine Helferin und kaum Nahrung. Einige verhungerten einfach. Wenn der Zug hielt, brachte man die Toten raus. Dann ging es weiter.

Insgesamt kamen etwa 5.000 Wolfskinder in die DDR, viele davon nach Sachsen. Zunächst lebten sie in großen Lagern. Aber das fühlte sich für die Ausgestoßenen wunderbar an: Eigene Betten, Nahrung und Bildung. Über das Deutsche Rote Kreuz suchte man Angehörige. Andere kamen später in Pflegefamilien unter.

 

Bewusstsein für eigene Geschichte wecken

Bis heute leben noch Wolfskinder in Hoyerswerda, berichtete Herr Wagenknecht, der selbst Vertriebener ist. Er kennt einen Mann mit dieser traurigen Geschichte persönlich. »Ihre Erfahrungen begleiten Menschen ein Leben lang. Das kulturelle Gedächtnis wirkt bis zu drei Generationen nach«, ergänzte Herr Oswald, Geschichtslehrer am Johanneum und Organisator der Veranstaltung. Gerade in unserem Umfeld ist eine Auseinandersetzung mit dem Thema wichtig: Während in den 1990er Jahren etwa acht Prozent der sächsischen Bevölkerung zu Vertriebenen und deren Nachkommen zählten, war dieser Anteil in Hoyerswerda dreimal so hoch. »Wir möchten junge Leute mit ihrer eigenen Geschichte konfrontieren. Neben Verständnis für Benachteiligte damals und heute geht es auch um die Stärkung eines gesunden Nationalbewusstseins«, sind sich Dr. Baumann und Herr Oswald einig.

Damals war Integration etwas leichter: Vertriebene und Ortsansässige hatten gleiche christliche Grundwerte und viele kulturelle Gemeinsamkeiten. Heute kommen vermehrt Menschen zu uns, die unsere Werte aus ihren Herkunftsländern kaum kennen. Dr. Baumann ist überzeugt, dass wir Mühe und Geld nicht scheuen dürfen, damit diese Menschen echte Integration erleben und unsere Werte achten und anerkennen. Wichtige Schlüssel zu gutem Miteinander sind Bildung und Sozialkompetenz, deshalb wurde die Wanderausstellung besonders für Schulen konzipiert.

»Das ist ein Forum. Forum bedeutet ‚reden, sprechen‘. Wir wollen miteinander ins Gespräch kommen«, lud Herr Kiefer, der Schulleiter des Johanneums, die etwa 50 Anwesenden nach dem Vortrag ein. Beim Imbiss oder direkt vor den Schautafeln kam es zu anregendem Gedankenaustausch. Bewahren der Geschichte allein ist nicht genug. Das Verständnis für die Vergangenheit lehrt uns, die Zukunft zu gestalten: Es geht um Sicherung unserer Grundwerte, es geht um Frieden und Freiheit.

 

Die Ausstellung ist bis 9. Februar im Johanneum Hoyerswerda zu den Schulöffnungszeiten zu sehen. Der Eintritt ist frei.
Hinweise zu Wolfskindern und deren Nachkommen: 03571/ 42440, Ansprechpartner Herr Oswald


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