Underdogs: Warum wir ein Herz für Außenseiter haben

David gegen Goliath. Solche Geschichten mögen die meisten Menschen – aus gutem Grund.

Am 21. November dieses Jahres ist es 43 Jahre her, dass der Boxfilm-Klassiker Rocky in die Kinos kam. Und selbst wenn er heute meist nur noch zu Unzeiten auf Spartensendern gezeigt wird, findet sich noch immer eine erstaunlich hohe Zahl von Menschen, die sich den bereits tausendfach gesendeten Schlagabtausch des No-Name-Boxers Rocky Balboa gegen Weltmeister Apollo Creed anschauen.

Wirft man den Blick von der Filmbranche zum Volksport Fußball, ist diese Thematik auch nicht ganz fremd. Einer der Hauptgründe, warum die FIFA Aufstockung betreibt und die Anzahl der Teilnehmer für die EM und WM erhöht, ist neben den höheren Einnahmen der Wunsch nach mehr Überraschungen. Vorbild hierfür ist die EM 1992, als Total-Außenseiter Dänemark gegen alle Wettquoten und Erwartungen den Cup holte. Unvergessen auch der Erfolg von Griechenland im Jahr 2004. Als kompletter Außenseiter führte Otto Rehagel die Griechen zum Sieg. Solche außergewöhnlichen Geschichten gefallen den Zuschauern und bleiben für immer unvergessen.

In Youtube kursieren etliche Videos von Kampfsportduellen in denen der scheinbar schwächere einen vermutlich stärkeren Gegner überraschend besiegt.

Die meisten haben ein großes Herz für Underdogs. Und gerade, weil das konträr zu allem läuft, was uns eigentlich evolutionär als Überleben des Stärkeren eingeimpft wurde, fragen wir uns warum das eigentlich so ist?

Hundekämpfer und die Bibel

Bereits zu Zeitden des alten Roms galt die Devise: Nur die Starken überleben.

Evolutionär gesehen kennt der Mensch keine Liebe zum Schwachen. Im alten Rom jubelte niemand dem unterlegenen Gladiator zu, sondern forderte gar häufig seinen Tod. Tatsächlich ist es ein ziemlich singuläres Phänomen des christlich-jüdischen Kulturraumes. 

Denn der wohl erste und populärste Außenseiter der Menschheitsgeschichte war David, der trotz kleiner Größe und jungen Jahren den Philister-Riesen Goliath mit einer Schleuder töten konnte. 

Hier verbirgt sich der Knackpunkt: Nicht wenige Forscher denken, dass diese Parabel sowie die an vielen weiteren Stellen ähnliche Ausrichtung der Bibel der auslösende Grund war – denn in keiner anderen Kultur lässt sich eine so ausgeprägte Vorliebe für den Unterlegenen erkennen. Als im 19. Jahrhundert in Großbritannien Hundekämpfe in der Unterschicht ausgetragen wurden, kam dann erstmals die Begrifflichkeit auf. Man unterteilte die Tiere in Top Dogs und Underdogs, je nach Chancen – und nicht wenige wetteten auf letztere, in der Hoffnung auf satte Gewinne. 

Hinzu kamen unzählige geschichtliche Vorfälle, in denen „die Guten“ oft qualitäts- oder quantitätsmäßig unterlegen waren und sich trotzdem durchsetzen konnten, sowie Passagen, in denen „die da oben“ sich als Unterdrücker entpuppten, woraus ein inhärentes Misstrauen gegen Top Dogs entstand.

Hollywood macht Otto Normalverbraucher zum Helden

13 Gangster, stark genug bewaffnet, um einen Häuserzug gegen die NVA zu ihren besten Zeiten zu halten, nehmen ein Hochhaus ein und dabei eine Menge Geiseln. 

Der einzige Widersacher: Ein Mann. Schmalschulterig, im weißen Unterhemd, mit nichts mehr als einer Polizeipistole und einem zentnerschweren Paket Mut bewaffnet. 

Filmfreunde erkennen diesen Plot natürlich direkt, es ist der des 1988 ausgestrahlte Kult-Actionfilms Stirb langsam mit Bruce Willis. 

Dieser Streifen markierte für Hollywood eine Abkehr vom Bisherigen. Zwar gab es auch zuvor bereits Underdog-Filme – etwa wie Rocky – aber die bisherigen Außenseiter waren zu diesem Zeitpunkt bereits von Trainern und Mentoren ausgebildet worden und deutlich stärker als zu noch zu Anfang des jeweiligen Films:

  • Als sich 1982 John Rambo gegen den sadistischen Sheriff Will Teasle zur Wehr setzte, konnte er auf seine überlegene Spezialeinheits-Ausbildung und Vietnam-Erfahrung setzen
  • 1983 wäre Luke Skywalker wohl von den Mächten des Imperiums rasch beseitigt worden, hätte er nicht über „Die Macht“ verfügt und sie dank Jedi-Meister Yoda zu nutzen gewusst.
  • Im 1984er Streifen Karate Kid konnte Daniel LaRusso nur deshalb gewinnen, weil sein Trainer ein mit allen Wassern gewaschener Karatelehrer war, der ihm geheime Tricks beibrachte.
  • Rocky funktionierte dank Trainer Mickey.

Erst in Stirb langsam erklärte Hollywood erstmals einen Otto Normalverbraucher ohne Muskeln, ohne Superausbildung, ohne XXL-Waffenarsenal zum Blockbuster-David.

Dieser Plot inspirierte zahlreiche Nachahmer, nicht nur in Actionfilmen, und sorgte dafür, dass unsere Liebe zum Underdog noch weiter gesteigert wurde. 

Auch heute sind Filme mit einem solch unterschiedlichen Kräfteverhältnis sehr beliebt in Hollywood. Filme wie 300, Catch me if You Can oder 8 Mile waren allesamt Kassenschlager und preisgekrönt.

Wenn Forscher Fußball schauen

Wir fassen mal kurz zusammen. Dass wir dem Underdog zuhalten, basiert auf folgenden Gründen:

  1. Der christlich-jüdische Kulturraum, dessen Teil wir selbst dann sind, wenn wir nicht gläubig sind. Er legte die kulturelle Grundlage.
  2. Zahlreiche Ereignisse in der Geschichte, in denen die Verteidiger von Freiheit, Selbstbestimmung, Humanität häufig kräftemäßig unterlegen waren.
  3. Eine „wir hier unten gegen die da oben“-Haltung
  4. Die Filmindustrie, welche diese Neigung aufnahm und sie durch gezielte Drehbücher weiter stärkte

Allerdings dauerte es, bis sich Wissenschaftler dem Thema annahmen. Erst 2007 veröffentlichte ein Team der Universität Florida ein Papier, welches in der Wissenschaftswelt Furore machte:

„The Appeal of the Underdog“ – Die Anziehungskraft des Underdogs

Darin folgende Grundlage: 

„Given the presence of well-known underdog stories in literature, mythology, and sport, it might seem intuitively obvious that most people sympathize with and support such figures. But why should we be drawn to the Davids, Texans at the Alamo, Greeks at Thermopylae, or Rocky Balboas of the world?“

Zu Deutsch:

Angesichts wohlbekannter Underdog-Geschichten in der Literatur, Mythologie und im Sport mag es augenfällig sein, dass die meisten Menschen solche Figuren unterstützen und mit ihnen sympathisieren. Doch warum werden wir von den Davids, den Texanern bei Alamo, den Griechen bei den Thermopylen oder Rocky Balboas der Welt angezogen?

Um das zu beantworten, unternahmen die Forscher vier Versuche:

1) 71 Teilnehmern wurde ein Allzeit-Medaillenspiegel von fünf Olympia-Nationen vorgelegt. Diese waren in stark, mittelstark und schwach unterteilt. Dann wurden hypothetische Wettkämpfe stark vs. mittelstark, mittelstark vs. schwach, stark vs. schwach aufgestellt und die Teilnehmer mussten entscheiden, wer ihrer Meinung nach gewinnen sollte. 75% hielten in jeder Konstellation zu dem Land mit der geringeren Medaillenzahl.

2) 60 Teilnehmern mussten die zusammengefasste Geschichte des Nahostkonflikts lesen. Eine Gruppe bekam dazu eine Karte gezeigt, in der nur das große Israel mit den kleinen Palästinensergebieten gezeigt wurde. Die andere Gruppe bekam den Nahen Osten mit Palästina und all seinen Verbündeten gezeigt, sodass Israel klein wirkte. In beiden Fällen bevorzugten die Teilnehmer das jeweils kleiner dargestellte Land.

3) 57 Teilnehmer mussten sich ein Basketball-Match Tel Aviv gegen Moskau anschauen. Einer Hälfte wurde erzählt, dass Moskau die vorherigen Begegnungen gewonnen hätte, die andere war im Glauben, dies gälte für Tel Aviv. Alle hielten das Team mit den zurückliegenden Niederlagen für den Underdog. Nach dem Anschauen wurden sie über die Leistung befragt und jedes Mal wurde die des Underdogs zwar als geringer eingeschätzt, dafür aber dessen Einsatz (Aktivität, Siegeswille…) weit höher angesehen. 

4) 128 Teilnehmern wurden vier verschiedene Sport-Szenarien präsentiert:

  Siegchancen
Team A
Siegchancen
Team B
Vereinsvermögen
Team A
Vereinsvermögen
Team B
1. Szenario 70 % 30 %    
2. Szenario     100 Mio. $; 35 Mio. $
3. Szenario 70 % 30 % 100 Mio. $; 35 Mio. $
4. Szenario 70 % 30 % 35 Mio. $ 100 Mio. $

Bei den ersten drei Szenarien entschieden sich die Teilnehmer zuverlässig für Team B. Erst im vierten Szenario gewann Team A. Die Forscher schlossen daraus, dass Underdog-Sympathie stärker an finanzielle Armut als an Chancen geknüpft ist. 

Aus dieser Studie ergibt sich daher nicht nur die wissenschaftliche Bestätigung unserer Underdog-Liebe, sondern auch der Nachweis, wie leicht diese beeinflussbar ist. 

Fazit

Dass wir Underdogs lieben, ist letzten Endes damit zu erklären, dass wir den Großen, Starken durch unseren kulturellen Background immer mit etwas Misstrauen ansehen. Umgekehrt kennen wir nicht nur tausende Geschichten, in denen Underdogs gewannen, sondern projizieren basierend darauf auch unsere eigenen Wünsche dort hinein – schließlich sind wir als Normalverbraucher in vielen Alltags-Konstellationen der Underdog. 

Allerdings sollten wir darauf achten, wem wir unsere Liebe geben. Nicht jeder, der sich als Underdog ausgibt, ist auch einer, sondern manchmal auch nur ein Populist, der sich schwach gibt, um unsere Sympathie zu bekommen.

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