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"Ich bleibe im Unruhestand, solange ich Ideen habe"

Wolfgang Schaller verlässt die Herkuleskeule Dresden

Menschen. Für den langjährigen Autor und Intendanten geht Ende April eine Ära zu Ende. Hoch über der Elbe, in seinem Haus in Pillnitz, beantwortete er geduldig Fragen des WochenKurier.

In dieser Postkarten-Idylle müssen Ihnen die Ideen für Ihre Kabarett-Programme doch regelrecht zufliegen?

Ganz so ist es natürlich nicht. Wenn ich auf meinem Balkon sitze und bei einer Tasse Tee den Blick runter zur Weinbergkirche schweifen lasse, dann denke ich überhaupt nicht an bissige Texte, dann genieße ich diese seltenen Augenblicke. Mit zunehmendem Alter möchte ich eigentlich nur noch auf dem Balkon sitzen und Tee trinken, der Zustand der Welt ist nicht gerade lustig.

Können Sie auch einmal richtig faul sein?

Faul sein ist eine Erfindung der Fleißigen. Das Fahrrad hat einer erfunden, der zu faul zum Laufen war. Die Frühlingssonne zieht mich vom Schreibtisch weg zur Schubkarre im Garten. Faul sein ist herrlich, man hat dabei die besten Ideen.

Genügend Freizeit haben Sie ja bald...

Ich war 32 Jahre Leiter. In meinem Alter muss man nicht mehr für alles verantwortlich sein. Aber so lange noch was an Ideen aus dem Kopf tropft, werde ich weiter schreiben. Ich bleibe im Unruhestand.

Wo fanden Sie zu DDR-Zeiten den Stoff für Ihre provokanten Zeilen?

Ich fand ihn in der Kneipe. Dort saßen der Parteisekretär und der Kriminelle oder der kriminelle Parteisekretär, also es saßen dort alle zusammen, der Schauspieler und der Hilfsarbeiter, und der Wirt erzählte Honeckerwitze. Das Bier öffnete die Münder. Spät abends zu Hause war dann schon oft ein neuer Text fertig.

Besonders Ihre mit Peter Ensikat (1941 – 2013) geschriebenen Texte über die Mangelwirtschaft trafen den Nerv des Volkes...

Diese Kabarettstücke trafen, wie der Eulenspiegel einmal schrieb, dem vormundschaftlichen Staat mitten ins Herz. Da ging es um die, die das Land verließen oder um Opas Turnverein und jeder wusste, wir meinen das Politbüro. Das waren damals alles Tabuthemen. Die Stücke wurden dann an fast allen Theatern der Republik gespielt. 

Wie sehr vermissen Sie Peter Ensikat?

Das war ja eine fast vierzigjährige Ehe. (lacht), wir nannten es beide einen Glücksfall, dass es den anderen gab. Es war eine Freundschaft, die ich sehr vermisse, wir waren als Autoren sehr unterschiedlich, aber uns in der Sicht auf die Welt sehr nah. Wenn ich heute mit einem Text nicht weiterkomme, rufe ich ihn an auf seiner atheistischen Wolke, und dann ruft er mir eine Pointe runter.

Ist politisches Kabarett zu machen heute schwieriger?

Auf jeden Fall. Einst gab es Gut und Böse, da wusste man sofort: Das ist der Klassenfeind, und die anderen wollen den Frieden. Das war schön. Da hatte ich einen Standpunkt. Heute ist das mehr ein Gehpunkt. Die Wahrheit sehe ich mal da und mal da, und meist sehe ich sie gar nicht.

Sie erhielten 1988 den Nationalpreis der DDR, 2009 den »Stern der Satire - Walk of Fame des Kabarett«. Fehlt nur noch der St. Georgs-Orden des Semperopernballs?

Zum Ball werde ich nicht eingeladen, das ist für mich eine fremde Welt. Ich besitze ja nicht einmal einen Schlips! Und dieser Stern der Satire, das ist eine Steinplatte, die liegt neben Gedenkplatten an Tucholsky und Kästner. Und bei aller Ehre, das steht mir eigentlich gar nicht zu.

Sie haben eine gewisse Ähnlichkeit mit dem schwedischen TV-Ermittler Kurt Wallander. Wurden Sie deshalb 2011 „Ehrenkommissar“ des Landesverbandes der Polizeigewerkschaft?

Manchmal kommt man zu Preisen wie die Jungfrau zum Kind. Nein nein, es ist ein nützlicher Preis. Wenn mich ein Polizist wegen überhöhter Geschwindigkeit anhält, zeige ich immer meinen Ehrenkommissarausweis.

Wer ist denn überhaupt für Ihr Outfit verantwortlich?

Meine wilden Haare, von denen ja nur noch ein paar übriggeblieben sind, waren in meiner Jugend so was wie eine Protestfrisur. Heue sorgt meine Frau dafür, dass ich mir mal eine neue Hose kaufe.

Was würden Sie als ihre Fehler bezeichnen?

Ich bin immer unzufrieden, wenn bei den Theaterproben nicht gleich alles auf den Punkt klappt. Ich bin wohl manchmal für die Kollegen nicht leicht zu ertragen, die Kollegen für mich manchmal auch nicht. Deshalb sind wir so eine gute Gemeinschaft.

Gibt es etwas, was Sie unbedingt noch machen wollen?

Lenin hat einmal gesagt: „Wer keinen Mut zum Träumen hat, hat keine Kraft zum Leben“. Aber wer zitiert heute noch Lenin.

Hans Jancke

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