52. Infanterieregiment von Alvensleben

Die WoKu-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. - Vor 100 Jahren -

 Im Som­mer 1917 dauerte das Ster­ben an den Fronten des I. Weltkrieges schon drei Jahre. Der Krieg der Rü­stungsindustrieellen, der Aristokraten und Kolonia­listen, der erste große Krieg des Maschinenzeitalters, hatte schon Millionen Op­fer gefordert. Darunter war auch eine große Zahl junger Cottbuser.

Zum Kaiserlichen Heer gehörten vor dem I. Welt­krieg 217 Infanterieregi­menter mit je drei Bataillo­nen. Ein solches Regiment umfasste im Frieden 2058 Mann (69 Offiziere, sechs Ärzte, 1977 Unteroffiziere und Mannschaften sowie sechs Militärbeamte). Das Infanterieregiment 52 exi­stierte seit 1860. Ab 1868 wurden Teile des Regi­mentes schrittweise an die Standorte Cottbus, Guben und Crossen (heute Krosno Odrza?skie) verlegt. Mit der Einweihung der Kaserne in der Kaiser-Friedrich-Straße (heute Karl-Liebknecht-Straße) 1886 erhielt Cott­bus endgültig den Status einer Garnisonstadt. Der Stab und zwei Bataillone des 52. Infanterieregiments, das ab 1892 den Namen des Generals von Alvensleben trug, waren dort stationiert.

Der Weg des 52. Infanterie­regiments in den Schrecken des Krieges ist nicht einfach zu verfolgen. Eine Hilfe sind die Akten des Cottbu­ser Standesamtes mit den Namen der Gefallenen. Die Rekruten wurden nicht nur wohnortnah eingezogen. Die Cottbuser kamen zwar häufig zu den 52ern. Viele dienten jedoch auch in weit von Cottbus stationierten Einheiten. Dazu kommt, dass unmittelbar bei Kriegs­beginn 1914 aus den Einhei­ten des Regiments Reserve­formationen hervorgingen. Gebildet wurde aus Offi­zieren des IR 52 das Re­serve-Infanterie-Regiment Nr. 52 und das Landwehr-Infanterie-Regiment 52. Aus dem Personalbestand des ursprünglichen IR 52 entstanden auch das Infan­terieregiment 359 und das Landsturmbataillon III/9.

Vor 100 Jahren, im Früh­jahr und Sommer 1917, kam in die erstarrten Fron­ten Bewegung. Im Westen waren die deutschen Ein­heiten in die Defensive gedrängt worden. In den Schlachten an der Aisne und in der Champagne ver­suchten französische Trup­pen den großen deutschen Frontbogen einzudrücken und abzuschnüren. Ziel der Offensive war der Chemin des Dames, ein Höhen­zug nahe Reims nördlich des Aisnetals. Die blutige Materialschlacht endete in einem so verlustreichen französischen Misserfolg, dass es in den beteiligten Einheiten zu Meutereien kam. In jenen Tagen ent­stand das Antikriegslied Chanson de Craonne. Die deutschen Gegner erkann­ten und nutzten diese Situa­tion jedoch nicht.

Im nördlichen Teil dieser Schlacht, unweit der Stadt Saint-Quentin, müssen die Bataillone des 52. Infan­terieregiments in schwere Kämpfe verwickelt gewe­sen sein. In den Sterbeur­kunden des Standesamtes taucht immer wieder der Name des kleinen nordfran­zösischen Örtchens Nauroy auf. Dort starben im April 1917 ungewöhnlich viele junge Cottbuser. Hier fiel der Leutnant und Kompa­nieführer W. Der Student Ernst P. aus der Hubertstra­ße, die Schüler Walter R. und Otto H. und der junge Kellner Franz P. vom Ho­tel Kaiseradler ließen ihr Leben. Im Heeresbericht hieß es dazu nüchtern, dass der französische Angriff auf die Stellungen südlich von Nauroy eingesetzt hätte. „Der Ansturm der starken feindlichen Kräfte wurde dank der tapferen Haltung unserer Infanterie abge­schlagen.“

Möglicherweise waren die hohen Verluste einer der Gründe dafür, dass das Cottbuser Regiment im Ju­ni in die Reserve der Ober­sten Heeresleitung verlegt wurde. Schon ab Juli 1917 sind die 52er wieder im Einsatz, jetzt allerdings in Ostgalizien und dann bei den verlustreichen Kämpfen am Iso­nzo. Die Gesamt­zahl der Gefal­lenen des immer wieder aufgefüll­ten Regimentes und aller Reserveeinheiten soll 332 Offiziere und 9018 Unteroffiziere betragen haben. Die Anzahl der ge­storbenen Soldaten ist nicht ermittelt. Allerdings sagen die Akten des Cottbuser Standesamtes, dass in der Stadt in vier Kriegswochen durchschnittlich 50 Eltern oder Ehefrauen die Nach­richt vom Tod ihrer Lieb­sten erhielten.

Das hatte natürlich Aus­wirkungen auf das Leben im einst so blühenden Cott­bus. In der Stadtverordne­tenversammlung vom Juli 1917 ging es fast ausschließ­lich um die katastrophale Versorgung, besonders mit Brennstoffen, und um Prei­serhöhungen für Briketts, Strom und Gas. Der Cott­buser Anzeiger war voller Durchhalteappelle: Auf­rufe zu Ernteeinsätzen der Schuljugend, Ermahnungen zur Sparsamkeit, Kritik an Wucherern. Über die Lage an den Fronten berichtete das Blatt noch recht reali­stisch. Zur Berliner Politik gab es sogar kritische Tö­ne. Wie in vermutlich allen Kriegen war aber die kla­re Tendenz: Die Gegner waren „erbarmungslos“ und „brutal“. Die Eigenen hingegen galten als „mei­sterhafte Kämpfer“ und als „Wall von Eisen im Felde“.

Und was dachten die Cottbuser? Die Euphorie der ersten Kriegsmonate war längst verflogen. Den Kriegseintritt der USA empfanden viele Menschen als Wende. Die propagandi­stische Parole „Wir schaf­fen das gegen eine Welt von Feinden!“ traf auf immer mehr Skepsis. Aber noch lagen 14 schreckliche Mo­nate des Hungers und des Sterbens vor den Einwoh­nern und den Soldaten des Regimentes 52 und seinen Reserveverbänden.

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