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Meinungsforscher: Langzeit-Analyse offenbart für die SPD einen dramatischen Trend

Politik. 2019 ist ein Super-Wahljahr! Im Mai stehen die Wahlen zum Europaparlament sowie Bürgerschaftswahlen in Bremen am. Im Herbst wählen Sachsen, Brandenburg und Thüringen einen neuen Landtag. Vor allem die GroKo-Parteien stehen nach den desaströsen Wahlergebnissen im vergangenen Herbst in Bayern und Hessen unter Druck.

Wo geht die Reise im Kampf um Wählerstimmen für Union und SPD hin? Und können die Grünen ihren Höhenflug fortsetzen? FOCUS Online hat mit dem Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, Manfred Güllner, über die Zukunftsaussichten für die Parteien gesprochen.

CDU/CSU: Die gewonnene Mitte halten

Die CDU steht an einem Wendepunkt. Nach der Wahl Annegret Kramp-Karrenbauers zur neuen Parteichefin im Dezember stellt sich die Partei neu auf: „Die Wahl von Annegret Kramp-Karrenbauer hat der CDU gutgetan“, sagt Güllner. Im aktuellen „RTL/n-tv-Trendbarometer“ von Forsa kommt die Union auf 32 Prozent der Stimmen. „Kramp-Karrenbauer kommt gut bei den Menschen an. Das war schon als Ministerpräsidentin so und das zeigt sich jetzt auch im bundesweiten Trend“, erklärt Güllner. „Sie liegt bei den beliebtesten Politikern unmittelbar hinter Merkel und vor Habeck und Scholz. Auch bei der Kanzlerpräferenz, dem härtesten Indikator, erzielt Kramp-Karrenbauer ähnlich gute Werte wie Merkel.“

Angela Merkel und Annegret Kramp-Karrenbauer
dpa

Aufgabe der CDU müsse es nun sein, die mit Merkels Kurs gewonnene Mitte zu halten, so der Meinungsforscher. Nur so habe die Partei eine Chance, Abwanderer, beispielsweise zu den Grünen, wieder zurückzugewinnen.

Großes Potenzial sieht der Experte für die CDU auch bei den Nichtwählern. „Vor allem vor den Wahlen in Ostdeutschland ist es für sie wichtig, den Nichtwählern Argumente zu liefern, warum sie die CDU wählen sollen“, so Güllner.

Und die CSU? „Markus Söder scheint jetzt das richtig zu machen, was er am Anfang seiner Zeit als Ministerpräsident falsch gemacht hat“, sagt der Experte. „Er will an die alte Bindekraft seiner Partei in der Gesellschaft anknüpfen und weiß inzwischen, dass ihm dabei weder ein Kurs nach rechts noch Klamauk in Berlin helfen.“

SPD: Dramatischer Trend nicht mehr zu stoppen

Weitaus dramatischer bezeichnet der Experte die Situation der SPD. Er spricht von einem „hoffnungslosen Fall“. Die SPD kommt bei Forsa aktuell nur noch auf 15 Prozent der Wählerstimmen. Das sind fünf Prozent weniger als noch bei der Bundestagswahl 2017 mit einem ohnehin schon historisch schlechten Ergebnis für die Sozialdemokraten. Die Partei ignoriere, dass vor allem in der politischen Mitte massiv Wähler verloren gegangen seien. Außerdem attestiert Güllner der SPD ein großes Personaldefizit. „Das erinnert an die Zeit nach dem Sturz von Helmut Schmidt, nachdem die Partei bis Gerhard Schröder keine von den Wählern akzeptierten Kandidaten anzubieten hatte“, so Güllner. Er rechnet nicht mit einem Aufwärtstrend im Jahr 2019. „Bislang sehe ich niemanden, der die SPD retten kann.“

Kay Nietfeld/dpa

Grüne: Erfolg wird maßgeblich von anderen Parteien abhängen

Für die Öko-Partei läuft es gut derzeit. Schon die Landtagswahlen in Hessen und Bayern attestierten den Grünen hohe Beliebtheitswerte. Und sie bleiben mit 18 Prozent im bundesdeutschen Trend zehn Prozent über dem Wert bei der Bundestagswahl 2017. „Ob die Grünen ihren Höhenflug fortsetzen können, hängt davon ab, ob sie den Politikstil, den sie derzeit zelebrieren, durchhalten können“, sagt Güllner. „Wenn es ihnen gelingt, den pragmatisch rationalen Stil fortzuführen, den Habeck und Baerbock verkörpern, könnten sie weiterhin Erfolg haben.“ Doch der Experte schränkt ein: „Der Erfolg der Grünen wird auch maßgeblich davon abhängen, was die anderen Parteien in diesem Jahr leisten.“

Annalena Baerbock und Robert Habeck, Bundesvorsitzende der Grünen, vergangene Woche während eines Parteitags in Leipzig.
dpa/Hendrik Schmidt

Sorge vor den Landtagswahlen in den ostdeutschen Bundesländern müssten sich die Grünen jedoch nicht machen. Die Alt-Grünen seien im Osten eine feste Bank. Das reiche aus, um die Öko-Partei über die Fünf-Prozent-Hürde zu hieven. Auch investierten die Grünen derzeit massiv, um ihre Infrastruktur in den neuen Bundesländern auszubauen.

FDP: Auf ihre Kernklientel konzentrieren

Etwas unter dem Radar schwimmt derzeit die FDP. Das traditionelle Dreikönigstreffen der Liberalen fand wenig Aufmerksamkeit. In Umfragen liegt die FDP derzeit bei 8 Prozent, etwas unter dem Niveau der Bundestagswahl. Güllner macht dafür einen entscheidenden Fehler aus: „Die FDP versucht permanent nach neuen Wählerschichten zu surfen, kümmert sich aber zu wenig um ihre Kern-Wählerschaft. Die darf sie nicht vergraulen“, warnt er. „Dass die FDP nicht in die Regierung gegangen ist, nehmen ihr viele übel.“ Vor allem Mittelständler, die ihre Interessen durch die CDU nicht richtig vertreten sehen, seien enttäuscht. „Die FDP ist eine Klientel-Partei und darauf sollte sie sich auch konzentrieren“, sagt Güllner.

Christian Lindner, Bundesvorsitzender der Freien Demokratischen Partei (vorne, FDP), spricht während des Dreikönigstreffens der FDP in der Stuttgarter Oper
dpa

AfD: Das Potenzial ist ausgeschöpft

Die AfD wittert bei den Landtagswahlen in Brandenburg, Thüringen und Sachsen die Chance auf große Zugewinne. Vor allem in Sachsen ist sie der CDU dicht auf den Fersen, zeitweise liegt sie in Umfragen sogar vor der CDU. Im bundesdeutschen Trend kommt die AfD auf 12 Prozent und liegt damit genau auf dem Niveau der Bundestagswahl. „Der Erfolg aus Sicht der AfD hängt stark von den anderen Parteien ab“, sagt Güllner und macht deutlich: „Insgesamt sehe ich das Potenzial der AfD ausgeschöpft.“ Der Möglichkeit, Protestwähler zu gewinnen, seien Grenzen gesetzt. Wie groß der Erfolg der AfD sein werde, hänge maßgeblich von der Wahlbeteiligung ab.

Der AfD-Co-Fraktionsvorsitzende Alexander Gauland und seine Kollegin an der Fraktionsspitze, Alice Weidel.
dpa/Bernd von Jutrczenka

Linke: Wagenknecht ist keine Hilfe für die Partei

Neun Prozent der Befragten würden sich aktuell für die Linkspartei entscheiden. Dass es das Jahr über etwa bei diesem Wert bleibt, ist laut Güllner keineswegs ausgemacht. Die Linken hätten das Grundproblem, dass sich Ost- und Westwähler grundsätzlich unterscheiden. Unter den Wählern in Ostdeutschland seien viele, die sich als Verlierer der Einheit fühlen. „Die sterben jedoch langsam weg.“ In Westdeutschland fehle den Linken das Personalfundament, in den Stadtparlamenten säßen dort häufig „stadtbekannte Querulanten“. Und Wagenknechts Bestrebungen in Sachen „Aufstehen“-Bewegungen würden den Linken nicht zu großen Wahlerfolgen in diesem Jahr verhelfen, so Güllner.

Sahra Wagenknecht (Die Linke), Fraktionsvorsitzende, spricht im Bundestag.
dpa/Ralf Hirschberger

Im Video: Zu Jahresbeginn erreicht Schwarz-Grün Mehrheit - die SPD bleibt im Tief stecken

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