Peter Aswendt

Bahnhof ist jetzt Tonstudio mit Pension

Annahütte. Im doppelten Sinne des Wortes gab es jetzt einen großen Bahnhof für den Annahütter Bahnhof. Mit einem Tag der offenen Tür überzeugten sich Gäste aus ganz Brandenburg, was aus dem alten Gemäuer geworden ist.

Annahütte. Dass sein Projekt »Musikbahnhof« so viel neugierige Besucher anlockte, überraschte selbst Simon Breth (44), der vor drei Jahren mit seiner Idee nach Annahütte kam und sozusagen die Weichen in die richtige Richtung für das historische Bahngebäude stellte.

Familiäre Wurzeln in der Region

Anfang der 1990er Jahre fuhr der letzte Zug zum Glaswerk Annahütte, dann wurden die Gleise zurückgebaut. Ein privater Investor konnte seine gegebenen Versprechen nicht halten und so war der gelbrote Klinkerbau dem Verfall preisgegeben. Bis vor drei Jahren Architekt Breth mit der Idee kam, ein Domizil für Musiker inklusive Tonstudio in dem historischen Gebäude zu errichten. »Es gibt familiäre Wurzeln in der Region«, erzählt Simon Breth.

Tonstudio in Norwegen als Inspiration

Ausschlaggebend war aber wohl eher, dass er selbst Musiker ist und die Probenraumsituation für kleine Bands kennt, aber ein ähnlich geartetes Projekt in Norwegen war dann wohl doch die Initialzündung. »Wir haben einen Wettbewerb in Norwegen, im Ort Lærdal gewonnen«, berichtet Simon Breth, der gemeinsam mit seiner Frau Rut de la Calle ein Architekturbüro in Berlin betreibt. »Dort haben wir ein Tonstudio entworfen und errichtet«, erzählt er weiter. »Der Erfolg des Studios in der abgelegenen Region Norwegens hat uns inspiriert, so etwas auch in Deutschland zu machen.«

Bahnhof vom Abstellgleis geholt

Für Annahütte war die Idee, den Bahnhof sozusagen vom Abstellgleis zu holen, ein Glücksfall. »Wie oft hat der Ortsvorsteher den Rückkauf des Bahnhofsgebäudes auf die Tagesordnung gebracht, wir hatten aber nicht die Mittel«, zeigt sich Klaus Prietzel, Bürgermeister der Gemeinde Schipkau erleichtert.

Mit dem Tonstudio inklusive kleiner Pension ist eine kulturelle Achse in Annahütte entstanden, die von der Henriettenkirche über das Kulturhaus, dem neuen »Alten« Kulturbahnhof bis hin nach Öktotanien führt. Dass der Kulturbahnhof kein Luftschloss ist zeigt, dass der chilenische Pianist Marcos Meza eine Liveaufnahme seines neuen Albums im Bahnhof aufgenommen hat. Weltweit kann man das auf Youtube sehen. »Viele Musiker haben sich den Ort angesehen und schon für den Mai gebucht«, freut sich Breth.

Herz des Hauses

Das minimalistische Konzept des Bahnhofs schafft eine kreative Atmosphäre, die einem sofort beim Betreten gefangen nimmt. Eine kleine Einliegerwohnung im Obergeschoss und Schlafräume, sowie eine Dusche dienen den Künstlern als Rückzugsort. »Wir haben bewusst das Innenleben des Bahnhofs im Urzustand gelassen«, beschreibt der Architekt das Konzept. Das Herz des Hauses, das Tonstudio, wurde durch die Herausnahme des Fußbodens und damit Fusion mit dem Keller zu einem Kreativtempel, der die vielen Besucher zum Staunen brachte. Die Außenanlage wurde mit einem Holzsteg, in Anlehnung an den nahen See gleich mit einem barrierefreien Zugang versehen.

Familie packt mit an

Aber den Besonderheiten am Kreativbahnhof nicht genug – eine Pflanzenkläranlage sorgt für den biologischen Abbau des Abwassers. Ganz in Familie wurde da seitens des Bahnhofsbesitzers gearbeitet. Linda Breth, die Schwester des kreativen Bahnhofsvorstehers, ist als Landschaftsarchitektin in Wien tätig und hat sich mit Hingabe dem Projekt gewidmet: »Es gibt hier keine kanaltechnische Erschließung, da mussten wir uns etwas einfallen lassen«, lacht die junge Landschaftsarchitektin. Familiär ging es auch im Haus zu. Thomas Breth, Vater, macht eifrig Führungen und Waltraut Breth, Stiefmutter, sorgt in der Küche des Hauses für leckere Stärkungen.

Ölgemälde vom alten Bahnof

Bei den Besuchern war die Meinung einhellig: »Das ist was Besonderes«, staunt Nicole Weber aus Meuro. Beatrix Kersten, Betreiberin der angrenzenden Pension in der Heyevilla freut sich auf die neuen Nachbarn: »Es ist gut für Annahütte, dass dieser Ort mit seiner industriellen Vergangenheit weiter belebt wird.« Eine, die als Kind noch Fahrkarten gekauft hat, ist Brigitte Nowottne: »Ich bin 1970 von hier weggezogen, nach Dresden. Aber ein altes Ölgemälde vom alten Bahnhof hängt in meiner Wohnung«, erzählt die Ex-Annahütterin.

Für immer in Annahütte?

Ob das Architektenpaar selbst zu Annhütter Bürger werden bleibt noch offen. Sicherlich auch, weil die Söhne Lucas (5) und Jan (9) dabei geteilter Meinung sind. Die Einliegerwohnung im Kreativbahnhof werden sie aber in Zukunft sehr oft benutzen, denn die Pläne für die angrenzenden Flächen lassen noch sehr viel Spannendes erahnen.

• Mehr Informationen im Internet: www.slimdogrecords.de

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