Heiko Lübeck

»Ich wollte frei sein und die Welt sehen«

Bönitz. Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, war Petra Damarany bereits im Westen - geflüchtet über die Prager Botschaft. Die ehemalige Kauxdorferin wollte Freiheit und die Welt sehen... und überlebte fünf Jahre später den Völkermord in Ruanda.

Ungarn, Bulgarien, Tschechoslowakei... Petra Damarany (damals Petra Jeske) hatte so ziemlich alle Länder gesehen, die man als DDR-Bürger bereisen durfte. Doch sie träumte von der großen weiten Welt.

Die damals 26-Jährige arbeitete fleißig als Gemeindeschwester in Kauxdorf und Saxdorf und als Betriebsschwester in der LPG Bönitz. Ihre Schulkameradin Kirsten S. aus Bönitz studierte Medizin in Leipzig. Anfang September 1989, während eines Bulgarien-Urlaubs, kam den beiden Freundinnen die Idee, in den Westen zu flüchten. 

»Zuhause haben wir dann  die Fernsehbilder aus der Prager Botschaft gesehen, wo sich schon tausende DDR-Bürger aufhielten. Für uns war klar, wir müssen diese Gelegenheit nutzen«, erinnert sich Petra Damarany, und: »Am Abend vor unserer Flucht, es war der 29. September, haben wir unsere Eltern über unseren Plan informiert, die natürlich sehr aufgeregt waren. Stand doch die Frage: Ist es ein Abschied für immer? Mit dem Auto meiner Eltern sind wir dann los nach Prag. Wir wollten dort den Schiguli abstellen und die Autoschlüssel nach Hause schicken, damit sie den Wagen in Prag abholen können.«

Am nächsten Morgen in Prag angekommen, fanden die beiden jungen Frauen schnell das BRD-Botschaftsgebäude, wo sich schon Massen von Menschen versammelten. Doch sie schafften es, in das Gebäude zu gelangen. »Uns erwarteten katastrophale  Verhältnisse. 5000 Menschen campierten im Gebäude und in Zelten um das Botschaftsgelände - unter Dauerregen und im Schlamm. Wir stellten uns wegen des Ausreisedokumentes an, hätten dann unseren Personalausweis abgeben müssen. Doch 20 Uhr, kurz bevor wir dran waren, schloss die Ausgabestelle und man vertröstete uns auf den  nächsten Tag.« Doch es war Glück im Unglück. Denn eine gute halbe Stunde später sorgte der damalige Bundesaußenminister, Hans-Dietrich Genscher, auf dem Balkon mit seinem historischen Satz »Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass Ihre Ausreise...« für einen Jubelschrei der Botschaftsflüchtlinge. »Es war einfach phänomenal und wir jubelten natürlich mit«, erinnert sich Petra Damarany an diese Szenen.

Nun erwies es sich als Glück, dass Petra und Kirsten noch im Besitz ihrer Personalausweise waren. So blieb ihnen die Torture mit dem Zug über Dresden in den Westen erspart. Mit dem Ausweis durften sie sofort ausreisen - mit dem Schiguli von Petras Eltern. Über Franzensbad ging es dann in die Bundesrepublik in Richtung Nürnberg, wo sie in einem völlig überfüllten Auffanglager erst einmal registrierten, was geschehen war.

Nun begann ein neues Leben mit neuen Visionen. Petra erhielt einen Arbeitsvertrag im Klinikum Hallerwiese und Kirsten konnte weiter studieren. Übergangsweise teilten sie sich ein Zimmer im Klinikum. Bis dahin verging allerdings noch einige Zeit und so war Petra bei Verwandten bei Braunschweig untergebracht.

Dann der 9. November 1989. Der Fall der Mauer. Aus dem »Abschied für immer« wurde nichts. Petra durfte ihre Eltern in Braunschweig begrüßen. Und schließlich sollte der Traum, die Welt zu sehen, wahr werden. Petra und Kirsten sparten Geld und es zog sie für insgesamt vier Monate in die USA und nach Mexico. Auch beruflich erfüllten sich Petras Wünsche als Krankenschwester am Starnberger See.
Doch sie wollte mehr und ihre neue Vision erfüllen, armen Menschen der Welt helfen. Sie bewarb sich beim Deutschen Entwicklungsdienst und leitete ab Anfang 1993 gemeinsam mit einer afrikanischen Partnerinstitution ein Gesundheitszentrum in Ruanda, über »Ärzte ohne Grenzen« finanziert - bis dort im April 1994 der Bürgerkrieg ausbrach und fast eine Million Menschen bestialisch ermordet wurden. »Es war furchtbar. Erst habe ich als Hebamme Kinder zur Welt gebracht und dann viele Menschen versorgt, die durch die Massaker schwerste Verletzungen erlitten.« Wieder war Petra auf der Flucht, diesmal, um ihr Leben zu retten.

»In letzter Minute« entkam sie nach Burundi, von wo aus sie mit der Bundesluftwaffe ausgeflogen wurde. »Noch heute träume ich davon, weil ich nicht weiß, ob meine lieben Kollegen und Freunde in Ruanda den Völkermord überlebt haben, und weil ich sie einfach zurücklassen musste.«
Danach arbeitete Petra Damarany wieder in dem  Klinikum am Starnberger See, wo sie in der Nähe gemeinsam mit ihrem Lebenspartner ihr Zuhause gefunden hat.

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