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Ein blinder Passagier aus Ecuador

Görlitz. Da staunte Ralph Marscholek nicht schlecht. Als der Inhaber des NaturkostArche-Bioladens in Görlitz am vergangenen Freitag zusammen mit einem Kunden einen Blick in eine Bananenkiste warf, entdeckte er einen blinden Passagier. In der Lieferung aus Ecuador saß eine fast handtellergroße Spinne.

Das Schicksal manch anderen Achtbeiners - mit der Schuhsohle erschlagen zu werden - blieb dem Weltreisenden aus Übersee glücklicherweise erspart. Beherzt bugsierte der das Tier in ein Einmachglas und brachte es ins Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz. Biologe Thomas Lübcke, Leiter des Lebendtierbereiches, zeigte sich hocherfreut „Solche Ereignisse sind in meinem Beruf das Salz in der Suppe“.

Bei dem Exemplar handele es sich um eine sogenannte Riesenkrabbenspinne, so Lübcke. Ihren Namen verdankt sie der seitlich abgewinkelten Stellung ihrer Beine und der Gewohnheit, seitwärts zu laufen. Riesenkrabbenspinnen kommen rund um den Globus vor, hauptsächlich in den Tropen. Unter ihnen sind die Arten mit der größten Beinspannweite überhaupt unter den Spinnen. In Mitteleuropa hingegen ist diese Spinnenfamilie nur mit einer einzigen Art, der Grasgrünen Huschspinne, vertreten. Der Name ist Programm. „Riesenkrabbenspinnen gehören zu den schnellsten Läufern unter den Wirbellosen und sind einfach unerhört flink“, weiß Lübcke.

 

Vorsicht walten lassen

In seiner Dienstzeit wurden Thomas Lübcke schon so manche Tiere gebracht, die eine unfreiwillige Reise angetreten hatten: Skorpione im Urlaubskoffer aus Kroatien, Mittelmeergeckos in Frachtpaletten, sogar ein Rotkehlanolis aus den USA, versteckt in einem Pinienzapfen, den eine Urlauberin als Souvenir eingesammelt hatte. Auch in Bananenkisten mitgereiste Spinnen tauchen immer wieder mal in der Presse auf, wenn auch eher selten. „Dass eine Spinne vor Ort die Behandlung der Früchte mit Pestiziden übersteht, den Transport im Kühlraum und die Lagerung, ist schon recht unwahrscheinlich. Aber in seltenen Fällen überlebt doch mal ein Tier“, erklärt der Biologe.

Wenn man das „Glück“ habe, eine Spinne zwischen den begehrten Südfrüchten zu finden, ist grundsätzlich erst einmal Vorsicht angeraten: Möglicherweise handelt es sich um eine sogenannte Kammspinne aus Südamerika, eine der giftigsten Arten und auch für den Menschen gefährlich, zumal sie schnell zubeißen. Auch Vogelspinnen haben es schon auf dem Frachtweg in deutsche Supermärkte geschafft, von denen aber nichts zu befürchten ist, da sie kein für Menschen gefährliches Gift besitzen. Auch Ralph Marscholeks Riesenkrabbenspinne ist harmlos. Nach ihrer Ankunft im Naturkundemuseum bezog sie ihr eigenes Terrarium und durfte sich übers Wochenende mit einer saftigen Grille stärken. „Bei der Spinne handelt es sich übrigens um ein ausgewachsenes Weibchen - sollte sie vor ihrer Transatlantikreise noch einen Paarungspartner gefunden haben, lässt sie sich vielleicht nachzüchten“, freut sich Thomas Lübcke. Auf jeden Fall aber ist sie ab sofort im Vivarium für Besucher zu sehen.

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