Sascha Hache

Stolperstein in Bautzen verlegt

Bautzen. Der Kölner Künstler Gunter Demnig kreiert Stolpersteine - mit einer Messingtafel besetzte Pflastersteine - die an Opfer von Verfolgung und Gewalt in der Nazizeit erinnern. Seit 2007 werden diese kleinen Mahnmale auch in Bautzen verlegt. Inzwischen liegen an 7 Verlegeorten 33 Steine, die vorrangig an ehemalige jüdische Bautzener erinnern.

Seit Juni 2014 gibt es sechs Steine für Euthanasieopfer vor dem Haupteingang des Pflegeheims in der Seidau. Im September machte sich Demnig erneut in Bautzen an die Arbeit. Er traf sich mit Vertretern unterschiedlichster Einrichtungen der Stadt auf der Reichenstraße, um einen Stolperstein für Alfred Kristeller zu verlegen.

"Indem wir hier an die Opfer der Nazizeit erinnern, setzen wir heute ein Zeichen, das aktueller kaum sein kann", so Oberbürgermeister Christian Schramm in seiner Begrüßung. Dabei spielte er auf die Diskussion an, die derzeit im Zusammenhang mit der Unterbringung von Asylbewerbern geführt wird. "Lassen Sie uns sachlich und friedlich miteinander diskutieren. Die Ängste der Menschen werden nicht weniger, wenn Gerüchte und Halbwahrheiten die Stimmung weiter anheizen".

 

Die Initiative für Stolpersteine kam wie bislang hauptsächlich vom Arbeitskreis Judentum, der sich auch in diesem Fall wieder sehr engagierte. Ausschlaggebend waren allerdings die Recherchen der Berlinerin Conny Kühne, die sich gemeinsam mit Hagen Schulz vom Museum Bautzen auf die Suche nach Spuren ihrer Vorfahren machte. 2008 war sie zum ersten Mal in der Stadt und besuchte die Ausstellung über das "jüdische Leben in Bautzen" in der Stadtbibliothek. Dort entdeckte sie einen Zeitungsausschnitt der NS-Tageszeitung von 1935 über Alfred Kristeller. Seitdem versucht sie sein Schicksal zu recherchieren.

Conny Kühnes Großmutter Margarete Elisabeth Brade (geboren 1907 in Bautzen) war bis 1930 im Schuhgeschäft von Alfred Kristeller in der Reichenstraße als Verkäuferin tätig. Sie hatte ein außereheliches Verhältnis mit Alfred. Aus dieser Beziehung ist 1931 das Kind Ilse Helene, die Mutter von Conny Kühne, hervorgegangen. Es gibt keinen Geburtseintrag des Vaters, nur die erzählte Überlieferung innerhalb der Familie.

Als Alfred Kristeller vor den Nazis fliehen musste, bat er seinen gleichaltrigen Geschäftsfreund, den Bäckermeister Friedrich August Kühne, sich um das Kind und die gerade erst 24jährige Mutter zu kümmern. Der tat seinem Freund den Gefallen. Letztlich nützte aber nur eine Heirat von Margarete und Friedrich, sich vor den Repressalien zu schützen. Der Hochzeit folgte 1936 der Umzug nach Leipzig. Erst lange nach Kriegsende erfuhr Ilse Helene, dass ihr leiblicher Vater ein jüdischer Geschäftsmann war, der im Krieg umgekommen war.

"Ich bin sehr dankbar, dass es Menschen in Bautzen gibt, die sich mit dem ausgelöschten jüdischen Leben beschäftigen und dieses vor dem Vergessen bewahren helfen" sagte Conny Kühne bei der Verlegung. "Für mich ist die Motivation, dem Leben und Sterben von Alfred Kisteller nachzuforschen, ihm seine geraubte Identität zurückzugeben". Ihr größtes Glück wäre es, wenn sie jetzt noch ein Foto von Alfred Kristeller finden könnte.

Alfred Kristeller gilt als eines der ersten Opfer der nationalsozialistischen Diskriminierung in der Stadt Bautzen. Bis 1935 begegneten weite Teile der Bautzener Bevölkerung der Hetze gegenüber den Juden mit einer gewissen Gleichgültigkeit. Die Nationalsozialisten griffen daher die "Judenfrage" regelmäßig in Aufklärungskampagnen auf. Da sich die jüdischen Bürger in Bautzen nichts zu Schulden kommen ließen, konnte die NSDAP aus den lokalen Verhältnissen kaum Kapital schlagen. Zur Aufheizung der Stimmung gegen die Juden bedurfte es signalhafter Propagandafälle. Daher fanden in Bautzen noch vor der Bekanntgabe der Nürnberger Gesetze 1935 mediale Hetzkampagnen und ein Gerichtsprozess wegen sogenannter "jüdischer Rassenschande" statt.

Der Kaufmann Alfred Kristeller (1894-1939) führte seit dem Tod seines Vaters 1933 das bekannte, 1879 eröffnete Bautzener Schuhhaus "Kristeller" in der Reichenstraße 29. Im August 1935 wurde sein außereheliches Verhältnis mit einer nichtjüdischen Frau öffentlich bekannt gemacht. Kristeller hatte 1924 eine "arische" Frau geheiratet, lebte also in einer sogenannten "privilegierten Mischehe. Er begann um 1930 ein Verhältnis mit einer Verkäuferin aus seinem Geschäft, Frau Margarte Brade, aus dem 1931 eine Tochter hervorging. Die illegitime, 1935 noch immer bestehende Beziehung erregte laut einem Artikel in den Bautzener Nachrichten angeblich den "berechtigten Unwillen" der "nationalsozialistischen Bevölkerung".

Das "Rassenpolitische Amt" der Kreisleitung der NSDAP brachte den Fall an die Öffentlichkeit. Die Frau wurde von der Polizei festgenommen und verhört. Der "gebrandmarkte" Alfred Kristeller floh ins Ausland. Für einige Zeit hielt er sich wohl in Marienbad in der Tschechoslowakei auf. Durch die Ereignisse wurde seine wirtschaftliche und bürgerliche Existenz in Bautzen zerstört. Seine noch bestehende Ehe zerbrach und er kehrte nicht mehr dauerhaft in die Spreestadt zurück. 1938 verlor er die deutsche Staatsbürgerschaft. Kristeller starb am 30. Januar 1939 unter bis heute ungeklärten Umständen an einem unbekannten Ort.

Das Schuhhaus "Kristeller" übernahm bereits im Herbst 1935 ein nichtjüdischer Geschäftsmann.

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