Carola Pönisch 1 Kommentar

Warum dürfen Flohmärkte nicht öffnen?

Sachsen. Sie sind sicher nicht systemrelevant, spielen aber im sozialen Miteinander eine große Rolle: Trödelmärkte. Bis jetzt sind sie verboten, während Wochenmärkte längst wieder öffnen dürfen. Dagegen wehren sich jetzt zahlreiche Flohmarkt-Betreiber.

Was ist der Unterschied zwischen einem Wochenmarkt und einem Flohmarkt? Ganz klar, werden viele sagen: Wochenmärkte bieten Lebensmittel an, Flohmärkte halt nur Trödel.

Stimmt. Im Prinzip. Aber eben nicht ganz. Denn wenn Wochenmärkte auch neue Textilien oder Haushaltswaren anbieten dürfen, dann gibt‘s schon die erste Überschneidung. Kleidung und viele Tausende andere Dinge des täglichen Lebens sind auch auf Flohmärkten zu finden, nur eben nicht als Neuware, sondern mit Gebrauchsspuren. Und vor allem: deutlich billiger.

Die Frage lautet also: Warum sind Flohmärkte noch immer verboten, während Wochenmärkte längst wieder Besucher anziehen? Und sich über eine Aufhebung der Sortimentsbeschränkungen freuen können? Mehrere Veranstalter großer Antik- und Trödelmärkte in Dresden, Leipzig und Berlin – darunter auch Steffen Mendrock (Sachsenmärkte), Janine Sandig (Kreativmärkte) und Jörg Korczynsky (u.a. Trödelmarkt Haus der Presse) – haben deshalb jetzt einen Offenen Brief verfasst. »Wir haben bis heute leider nur unverbindliche Antworten erhalten und der Berliner Senat, beziehungsweise die Stadtverwaltungen Dresden und Leipzig, sehen aktuell auch weiterhin keine Öffnungsschritte vor«, heißt es darin.

Dass Trödelmärkte für viele Menschen wichtig, für einige sogar überlebensnotwendig sind,   zeigt sich beim Blick auf Anbieter und Kunden. So träfe deren Geschlossenhalten sehr viele kleine mobile Künstler und Händler hart, die darauf angewiesen sind, ihre Waren auf Flohmärkten zu verkaufen. »Einige könnten zwar auf Wochenmärkte ausweichen. Deren Kapazität ist durch die große Standplatznachfrage infolge des Verbots von Kunst- und Flohmärkten jedoch erschöpft. Weil ihnen so Verkaufsmöglichkeiten fehlen, führt das aktuell zu einem pandemiefördernden Flohmarkttourismus, zum Beispiel nach Polen und Tschechien«, heißt es in dem Offenen Brief.

Ein weiteres, nicht von der Hand zu weisendes Argument lautet: Dinge des täglichen Bedarfs sind auf Flohmärkten deutlich günstiger zu haben als Neuware. Einkommensschwache Personen  »sind jetzt gezwungen, weiter teure Neuwaren einzukaufen oder zu verzichten und sie können ihr eigenes Einkommen auch nicht mehr als Händler aufbessern«. Zudem seien Flohmärkte alternative Einkaufsorte, die soziale Kontakte ermöglichen und letztlich die Umwelt schonen.

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Kommentar von Saskia Gerstenberger
Alle Maßnahmen, die dem Allgemeinwohl und der Bekämpfung der Pandemie dienen, haben wir mitgetragen, selbst die unverständlichen. Wir haben Verständnis gegenüber den Entscheidungsträgern gezeigt und ein gewisses Mitgefühl, wer will schon in deren Haut stecken. Doch inzwischen erschließt sich uns der Sinn mancher Entscheidungen (oder Nicht- Entscheidung) nicht. Fragwürdig ist der mildeste Ausdruck, für so viele fällt Stück für Stück der Bereich des Lebens weg der nicht nur Lebensqualität bedeutet sondern auch reines Überleben. Und dass die Entscheidung, Flohmärkte zu genehmigen, einfach übergangen wird zeugt schon von extrem hoher Ignoranz und ist mit nichts zu entschuldigen.
Wenigstens eine nachvollziehbare Begründung sollte geliefert werden, warum solche Veranstaltungen an frischer Luft verboten bleiben.
Wir verkaufen gelegentlich auf Flohmärkten, für uns bedeutet das Lebensfreude und Einkommensaufbesserung. Wir kennen aber so viele, die ohne dieses (zusätzliche) Einkommen auf der Strecke bleiben, aber Flohmarkthändler haben genau so wenig ein Lobby wie Schausteller.
Saskia Gerstenberger