André Schramm

Schulsport-Kürzungen: Petition erfolglos

Sachsen. Knapp zehn Monate nach der Übergabe einer Petition gegen die geplanten Kürzungen des Sportunterrichts an sächsischen Schulen gab es nun die Antwort – mehr oder weniger. Fast 30.000 Menschen hatten sich damals für die dritte Sportstunde stark gemacht.

Unter dem Titel "Für eine bewegte Schulzukunft unserer Kinder und Jugendlichen" überreichte der Sportlehrerverband Sachsen im April 2018 eine Petition an die Mitglieder des entsprechenden Ausschusses im Sächsischen Landtag. Vorausgegangen waren Medienberichte, wonach die Stundentafel in Sport, aber auch Musik und Kunst künftig gekürzt werden soll, um die Schülerinnen und Schüler in Sachsen zu entlasten. Demnach sollte ab dem Schuljahr 2019/2020 in der vierten Klasse (Grundschule) eine Wochenstunde Sport wegfallen, ebenso in Gymnasien und Oberschulen ab Klasse 7.  

Die Sportlehrer kritisierten die Pläne damals u.a. mit dem Argument, dass Sportunterricht alle Schülerinnen und Schüler erreiche. Zudem wurde darauf verwiesen, dass Sport das einzige Bewegungsfach und ohnehin schon knapp bemessen sei. Innerhalb weniger Tage hatte der Verband fast 30.000 Unterstützer für das Anliegen mobilisiert. Der Ausschuss und das Ministerium ließen sich hingegen Zeit – bis Januar 2019.

In seinem Bericht vom 25. Januar 2019 kommt der Petitionsausschuss nun zur Empfehlung, dass der Petition nicht abgeholfen werden kann. So heißt es u.a.: "Sportunterricht ermöglicht neue sportmotorische Lernerfahrungen für Kinder und Jugendliche, er kann ein Impulsgeber für sportliche Betätigung auch in der Freizeit sein, er ist jedoch nicht in der Lage, aufgebaute körperliche motorische Defizite bei Kindern und Jugendlichen zu beseitigen." Ein weiteres Argument zielt auf die Gründe, die eine Anpassung der Stundentafel notwendig machen, nämlich Platz zu schaffen für die Digitalisierung, die Medienbildung und der politischen Bildung im Unterricht.

Ende Januar 2019 stand das Thema in der Plenarsitzung des Sächsischen Landtags auf der Tagesordnung.

Petra Zais (bildungspolitische Sprecherin Bündnis 90 / Die Grünen) nannte den Umgang mit der Petition arrogant. "Es macht mich fassungslos, wie mit dem Engagement und der Unterstützung so vieler Menschen für dieses Anliegen umgegangen wird", sagte sie. "Nur Schulsport bewegt alle. Die angekündigte Erhöhung der Mittel für Ganztagsangebote wird diese Kürzung nicht kompensieren können", so Zais weiter. Sie nannte die dritte Sportstunde eine sächsische Errungenschaft. Es sei ein Fehler, diesen Vorteil aufzugeben.

Der schulpolitische Sprecher der CDU-Fraktion Lothar Bienst verteidigte das Vorgehen. "Unser Ziel war es neue Inhalte hinein zu bringen, aber auch die Belastung der Schüler zu senken – um vier Prozent[..]. Auch in Kernstunden wurden die Stundentafeln überarbeitet. Ich denke, dass diese Veränderungen positiv in unseren Schulen aufgenommen werden", sagte er.

Marion Junge (Die Linke): "Im Lehrplan sind wichtige Elemente für alle Schüler enthalten, die umzusetzen sind. GTA im Sportbereich ist eingeschränkt für eine Gruppe und spricht die sportaffinen Schüler an. Was machen wir mit jenen, die keinen Sport gern machen und zu Hause rumsitzen", fragte sie. Ihrer Ansicht nach sei es kontraproduktiv, die Unterrichtsbelastung durch Kürzungen im Sportunterricht und in den persönlichkeitsbildenden Fächern Kunst und Musik senken zu wollen.

Für Sabine Friedel (bildungspolitische Sprecherin SPD-Fraktion) ist die Petition ein Erfolg, zumindest teilweise. "Die Ankündigung der Stundentafel-Kürzung umfasste 13 Wochenstunden Sport in allen Schularten. Das ist eine ganze Menge. Was am Ende im tatsächlich Beschlossen übrig geblieben ist, das waren sechs Stunden Tafelkürzung Sport über alle Schularten und Jahrgangsstufen", sagte sie.

Dr. Rolf Weigand (AfD) machte die verfehlte Bildungspolitik der Staatsregierung und den damit verbundenen Lehrermangel in den vergangenen Jahren verantwortlich. Die Kürzung im Schulsport sei nun die Konsequenz.

Was sagt der Kultusminister?

"Wenn wir uns darüber beschweren, dass Kinder und Jugendliche zu wenig Bewegung haben, dass wir mit Adipositas in Größenordnungen mittlerweile zu kämpfen haben, dann frag ich mich immer, glaubt man denn ernsthaft in der Debatte, dass man mit einer dritten Sportstunde diesen Problemen begegnet. Das ist doch eindeutig zu kurz gesprungen und einfach nur ein ein Alibi-Argument, damit man hier diese Debatte führen kann", so der Minister.

Seit September 2018 gibt es seinen Worten zufolge eine Arbeitsgruppe aus Landessportbund, Sportlehrerverband und Ministerium, die nach Wegen und Lösungen sucht, die Interessen der Sportlehrer, des Vereinssports und des Kultusministeriums übereinzubringen. "Insofern hat die Petition schon Wirkung erzielt", so Piwarz.

Was meint der Sportlehrerverband?

Beim Verband der Sächsischen Sportlehrer zeigte man sich enttäuscht – nicht zwingend vom inhaltlichen Ausgang der Petition, sondern vielmehr von der Verfahrensweise in der Angelegenheit, die so viele Menschen unterstützt hatten. "Nach der Petitionsübergabe haben wir noch das Aktenzeichen bekommen. Das wars dann aber auch schon. Es gab keine Rücksprache, keine Möglichkeit für uns, unsere Argumente für die dritte Sportstunde hervorzubringen, nicht einmal im Bildungsausschuss", sagte Verbandspräsident Peter Pattke gegenüber WochenKurier. Man habe auch nur durch Zufall erfahren, dass das Thema nun akut werde – fast ein Jahr nach der Abgabe. "Wenn der Minister sinngemäß meint, eine Sportstunde mehr oder weniger sei doch egal, dann sagt das sehr viel über den Stellenwert der Schule hier im Freistaat", so der Präsident weiter. Er hält die freiwilligen Ganztagsangebote für ungeeignet, die Lücke im Sportunterricht zu schließen. Der Verband hat die  Sportlehrer im Freistaat aufgerufen, dem Sächsischen Ministerpräsidenten einen Brief zu schreiben.

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